Aylin

Das Boot

Das Boot

 

Manchmal kreuzten sie meinen Weg. Den Weg eines kleinen, unerfahrenen Bootes, das gegen den Strom schwimmt, das den Ausgang zum Meer sucht, um daran zu wachsen und zu lernen.

 

Sie kamen als Kriegsschiff, stellten sich mir in den Weg, posierten mit ihren Kanonen. Kanonen eines grauen, großen Monsters. Ich konnte seine Macht riechen und wusste, ich hatte dem nichts entgegenzusetzen.

Im Windschatten eines Ausflugsdampfers stahl ich mich an ihm vorbei. Begleitet von Musik und Tanz der Ausflügler schipperte ich auf die große Welt zu. Sie stand mir nun offen.

Ich entwickelte mich, wuchs und gedieh und kämpfte mich gegen die wilden Wellen der Nordsee von Hafen zu Hafen. Stark machte mich das. Ließ mich zu mir selbst finden.

Bis ich endlich als prächtiges Kreuzfahrtschiff die Meere dieser Erde bereiste:

Das sanfte Mittelmeer, dessen Ufer Zitronenplantagen säumten, umarmt von den hohen Felsen des Atlas. Den rauen Atlantik, dessen Strände mit goldgelbem Sand glänzten, so breit und weit, dass sie fast an Wüsten erinnerten. Den tückischen indischen Ozean, dessen schimmernde Korallenriffe auch großen Schiffen Sorgen bereiten konnten und dessen Küsten doch meterhohe Palmen und pinkfarbene Orchideen schmückten.

Manchmal ortete ich das Echolot eines U-Bootes und wusste: Bruder der Monster. Spielen wieder Krieg. Elegant schob ich darüber hinweg und sah darauf hinab.

Nach Jahrzehnten kehrte ich zurück in meinen Heimathafen. Da lag das Kriegsschiff vor Anker. Grau wie ehedem, Rost hatte es angesetzt und Tang hing wie Fetzen von Wundverbänden an seinem heruntergekommenen Rumpf. Seine Mannschaft war scheinbar lange schon fort.

 

Ich tutete, als ich unter dem Beifall meiner Passagiere in Richtung Kai lavierte.

Ein kleines, unerfahrenes Boot wollte hinaus. Hinaus in die Welt. Und ich ließ es vorbei.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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