Inge Offermann

Tulpenreise

Nach westfälischem Stau
und den letzten Hügeln
hinter der Grenze öffnete sich
links und rechts der Autobahn
eine wechselweise rapsgelbe
und auengrüne Ebene mit
Waldinseln und schilfgesäumten
Kanälen und Ausfahrten zu
größeren Orten bis zum ersten Halt,
dem Golden Tulip Riverside Hotel
in einem Winkel zwischen
Zufahrt und dem Gaasp Fluss,
dann nochmals 24 Kilometer,
vorbei an Feldern, Windmühlen,
gelbgrünen Ufern und bunten Häusern
bis zum amsterdamnahen Almere
mit seinem Best Western Hotel.
Schlange stehen bei der Anmeldung,
letzten Instruktionen des Reiseleiters gelauscht,
anschließen in silbermetallenen Aufzügen
bis in das 9. OG zu einem geräumigen
Gästezimmer mit weißen Gardinen
und Sicht auf die Fußgängerzone Almere.

Nach dem Abendessen aus Lachs und
veganem Burger Tomaten und Rucola
beim letzten Sonnenlicht im Loetje
führte der Durchgang des Stadtbahnhofs
direkt in die Fußgängerzone mit zahlreichen
geschlossenen Läden und verlassenen Straßen,
wo sich nur einige Jugendliche aufhielten.
Wir wunderten uns, so wenig Menschen
in dieser modernen Einkaufszone anzutreffen.
Dafür entdeckten wir ansteigende Passagen
mit hellen Säulen und Neondächern, teils
violett oder smaragdgrün in der blauen
Abenddämmerung leuchtend und zwei
Aussichtsplattformen mit Blick auf die
Hauptstraße mit jungen Skatern und
das baumbestandene Ijsselmeerufer mit
verträumtem Sandstrand und Bootsbucht.
Eine Treppe führte zu Bänken neben
zartgelben und rosafarbenen Blumenlampen
an Metallgestängen in runden Kübeln.
Verborgene Laser projizierten dezente
Blütenmuster auf Steinplatten einer Kreuzung.
Vor uns öffnete sich der Marktplatz mit
der blaugoldenen Casinouhr und der
violetten Aufschrift Play World über
feinen weißen und blaugrünen Fontänen.
Hier spielte sich das gesellige Kneipenleben des Ortes
in Sushi-Restaurants, Cafés, Imbissstuben und Bars ab.
Windlichter flackerten auf den Tischen in der Dunkelheit.
Dort probierten wir die erste holländische Apfeltorte mit Sahne,
was sich an den nächsten Abenden wiederholte,
denn uns mundete diese süße Landesspezialität.

Morgens strebte der Bus vorbei an blühenden Rainen
mit Butterblumen, Kerbel und Zackenschötchen,
an Kanälen, Booten, Landhäusern und Schrebergärten
durch weitläufige Industriegebiete in Stadtrandviertel
mit architektonisch ausgefallenen Hochhäusern
des Nieuw Amsterdam auf belebten Straßen
über Brücken zur Grachtenanlegestelle.
Dabei hörten wir Reiseleiters Lieblingssong
„Der Traum von Amsterdam“ von Axel Fischer,
was unser Ohrwurm auf dieser Reise wurde.
Blumengeschmückte Hausboote säumten die Ufer,
ältere Gebäude mit verschiedenfarbigen Klinkerwänden
und hellgerahmten Fenstern, die wie gläserne Augen
auf dunkelglänzende Fluten zu blicken schienen
und über uns hellgrüne Ulmenblütenbüschel
an noch kahlen, geschwungenen Zweigen
und ein blauer, wolkenloser Osterhimmel:
Die Grachtenstadt im Vormittagssonnentraum.
Bei der ziegelfarbenen Heinekenbrauerei stiegen wir aus
und begaben uns zum Rijksmuseum. Nach dem Durchgang
gelangten wir in einen weitläufigen Park mit Hecken,
Restaurants, Kiosken und weiteren Museen wie
dem Diamantenmuseum in einem kleineren,
älteren Gebäude. Später wandten wir uns
in die Altstadt, wo wir uns von einem Café,
berühmt für seinen Apfelkuchen auf den Weg
zum Krämer- und Blumenmarkt machten.
Unterwegs entdeckten wir den Laden Blond Amsterdam
mit rosagestrichener, blumenbesteckter Fassade,
später einen Blauglockenbaum mit dichten
helllavendelfarbenen Blütenbüscheln
und blieben zwischen diversen Marktständen
bis zum Rückweg in einem Secondhandshop
mit bunter, dennoch teurer Kiloware hängen.

Dann verließen wir die Stadt Richtung Küste
zum bekannten Badeort Volendamm, wo wir
den Deich entlang wanderten bis zu einem
schmalen Sandstrand mit Boot und in einer
Fischbude den besten panierten Kabeljau aßen.
Nach bunten Touristenläden spiegelte sich
die Mittagssonne in einem romantischen Dorfteich
mit Enten, die mit aufgestellten Schwanzfedern
kopfunter nach geeignetem Futter tauchten.
Eine schmale Straße verband die Halbinsel
Marken mit dem Festland, wo eine weiße,
geschwungene Brücke zu dunklen Häusern
mit bunten Farbwimpeln führte und zu einem
rechteckigen Yachthafen, in dem Boote schaukelten
und metallene Seemannshände metallenen Delphinen
einer Skulptur am grasigen Hafenstrande zuwinkten.
Auf dem Rückweg grüßten nicht nur Tulpenfelder
mit blumenpflückenden Menschen, sondern schon
erste Kamillenblüten, Pfeilkresse und Mohnblumen.
Der Aprilsommer hatte die roten Tupfen von
Klatsch- und Sandmohn zum Glutleben erweckt.

Sonntags erlebten wir den Höhepunkt der Reise,
einen Märchentraum aus tausend Blüten im
großangelegten Blumenpark des Keukenhofes
inmitten farbenfroher Tulpenfelder, die ihre
bunten Läufer weiß, gelb, orange und rot
unterm sonnenhellen Türkishimmel breiteten.
Fasziniert streiften wir zwischen bunten Beeten
mit weißen und gelben Narzissen, cremefarbenen,
mehrblütigen Tulpen an einem graugrünen Stängel.
Wir stießen auf Beete mit zweifarbigen Sorten -
weißrosa, sahniggrün, gelbgrün oder gelborange -
oder auf Tulpen mit feinfransigen, goldgelben
karminroten oder fliederfarbenen Blüten, andere glühten
paprikarot oder fast samtschwarz mit glatten Blütenkelchen.
Tintenblauen Traubenhyazinthen umrahmten Beete,
manchmal drängten sich Lilien und Vergißmeinnicht,
rosaroter Storchschnabel oder pastellgetönte Hyazinthen
zwischen die Tulpen oder auch weiße Salomonssiegel
oder bunte Gartenanemonen mit schwarzen Staubgefäßen.
In einem Meditationsgarten luden beschriftete Steine
zum besinnlichen Verweilen ein. Dort thronte in der Hütte
ein silberner Buddha vor einer schillernden Perlmuttwand.
Buchsbaumhecken mit Muschelsand führten zur Anhöhe
mit Blick zwischen Erlen auf einen Wasserlauf mit
plantschenden Enten und dahinter liegenden Tulpenflächen
unter dem endlosen, weiten Aprilhimmel über bunter Ebene.
Unter blühenden Mandeln, Kirschbäumen und Weißdorn
fielen uns einen halb in den Boden eingelassener
MINI Cooper und ein VW-Käfer der sechziger Jahre auf, deren
Inneres Gartenerde und blühende Narzissen ausfüllten.
Am anheimelndsten wirkte der Jungfarnwald mit
weit geöffneten Sumpfdotterblumen, Bärlauch,
Blaustern, Traubenhyazinthen und rosa Reiherschnabel.
In einem Gartenhaus empfing die Parkbesucher
ein verschiedenfarbiges Orchideenmeer in Gefäßen
und feingeflochtenen verschiedenfarbigen Faserkörben.
In einer Galeriewand formierten sich verschiedene Blumen
in Wasserröhren zu herrlichen Pflanzenbildern.
Bänke an Brunnen, Fontänen, Kanälen, am Seeufer
oder in Heckengärten luden zum Innehalten
in diesem Märchengarten der Liliengewächse ein.

Noch beeindruckt vom vielfältigen Farbenmeer
begaben wir uns in das sonntägliche Stadtgewimmel
des Amsterdamer Einkaufszentrums, vorbei am Bahnhof,
dem alten Rathaus und der Ausstellung Körperwelten
und machten auch einen Abstecher in die winkeligen
Straßen des Rotlichtviertels rund um die Oude Kerk,
eine alte Kirche, wo die Zeit stehengeblieben schien.
Nach Einbruch der Dunkelheit sollen dort zwischen
alten Häusern rote Laternen aufflammen und
eine geheimnisumwitterte Atmosphäre verbreiten.
Doch unser Bus wartete schon am Quai der Ausflugsschiffe.
Mit Abschiedsblick auf ein Hochhaus mit luftiger Schaukelterrasse
verließen wir die betriebssame Sonntagsstadt Richtung Almere.

Ostermontag letztes Frühstück im Hotel mit Früchtemüsli
und englischem Rühreifrühstück mit Speck sowie Osterkuchen,
dann Aufbruch zum Windmühlendorf Zaanse Schaans
wo neben den Mühlen auch bunte Häuser in diversen
Baustilen ab 1795 mit Besuch der Innenräume zeigen,
wie Menschen damals arbeiteten, wohnten und lebten.
Besonders gemütlich ein Biedermeierrestaurant,
eindrucksvoll ein steinernes Kaufmannshaus
mit prächtigem Türschild oder ein Tante-Emma-Laden
der dreißiger Jahre mit angegliedertem Museum.
Als wir uns bei schönstem Wetter auf der siebenstündigen
Heimfahrt befanden, drehten sich die Windmühlen
ohne uns weiter und die Kühe grasten wie immer
auf wasserdurchzogenen Löwenzahnwiesen
unter dem Weißwolkenblauhimmel, die nächste
Besucherschar an sich vorbeiziehen lassend.

© Inge Hornisch

 

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