Horst Fleitmann

Mein Friseur

Wenn mein Friseur barbiert, dann muss er reden.
Bin ich bei ihm, macht er das gern einmal.
Er redet unablässig über jeden
und setzt sich damit ein Friseurdenkmal.

Der Mensch heißt, wie Friseure eben heißen:
Rene‘, Didi oder Gerard und so.
Er ist wohl schwul, wie von der Zunft die meisten,
was mich nicht stört. Darüber ist er froh.

Wenn er sich hermacht über meine Stoppeln
an Wangen, Oberlippe, Hals und Kinn
kann sich sein Redeschwall oft glatt verdoppeln
weil ich ja „eingeseift“ ganz wehrlos bin.

Nun informiert er mich zum Weltgeschehen:
Zum Brexit, Urlaub, Steuern, Autos, Sport
zu Kirchen, Klöstern, Nonnen und Moscheen
und jedes Mal denk ich dabei an Mord.

Hat dann Pascal, (den ich nur so benenne
sein echter Namen bleibt hier ungesagt)
den Bart gestutzt, gestylt und ich ihn scanne,
hab' ich's Ergebnis bisher nie beklagt.

Man kann Friseuren, gleich in welcher Stadt,
das Reden beim Barbieren nicht verbieten.
Wenn man das tut und andre Meinung hat
liest er, wenn's schlecht läuft, dir noch die Leviten*.

© Horst Fleitmann 2019

*"Die Leviten zu lesen" bedeutet so viel, wie jemanden zu tadeln, zu schimpfen oder zu ermahnen. Die Redewendung geht zurück auf das Mönchswesen und auf die Bibel, genau genommen auf das dritte Buch Mose, das auch "Levitikus" genannt wird.

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