Aylin

Mentalitätsfrage

Mentalitätsfrage

 

Geboren war ich in einem sauerländischen Bergdorf. Dort, wo Hase noch den Igel küsst, Schneewittchen noch die Zwerge und der Paster böse schaut, wenn du nicht genug in den Klingelbeutel wirfst. Ich behaupte mal, es wird dort immer noch so sein. Ich weiß es aber nicht, denn ich trat mit achtzehn die Flucht zum Studium ins Ruhrgebiet an. Nie wollte ich so werden wie die!

Die Ruhrgebietler mit ihrer geraden Art und ihrem freundlichen Humor gefielen mir gut und lehrten mich, dass man sein Leben auch anders bestreiten kann als die im Märchenwald. Nie wieder wollte ich zurück.

Dreißig Jahre lang lebte ich darum später im Rheinland, also im richtigen Rheinland. Jenes, was dort anfängt, wo die Menschen das Lebensmotto “Lewwe un lewwe losse“ vertreten. Der Düsseldorfer bezeichnet den Kölner und alles, was bis Voreifel hinter Köln hängt, als laut, primitiv, nervig lustig, übergriffig. Da grüßen sich gar wildfremde Leute, bloß, weil sie sich begegnen! Einfach so.

In Düsseldorf und allem, was bis ins Bergische davor hängt, tut man das nicht. Weil man es eben nicht tut! Darum bezeichnet der Kölner den Düsseldorfer als etepitete, aufgeblasen, unfreundlich, permanent muffig und sein Wohngebiet als „schäl Sick vum Rhing“.

Vermutlich stimmt beides so pauschal nicht, aber nun ist mir aufgefallen, dass meine Tochter, immer hin wohnhaft seit zehn Jahren „op de schäl Sick“ vum Rheinland, mich öfters, wenn wir unterwegs sind, leise rügt: Mama! Und ich weiß überhaupt nicht, was ich gemacht habe.

Ein paar falsche Rheinländer schauen mich jedoch indigniert und muffig an. Aber da die meisten sowieso immer indigniert und muffig schauen, sehe ich da für mich kein Problem.

 

Heute nun lädt uns meine Tochter zum Stadtfest in der City ein. Wir wohnen seit einem Jahr op de schäl Sick und es ist unser erstes Stadfest hier. Wegen Töchterchen und Enkel sind wir hergezogen, um mit ihnen zu leben, zu lachen und alle Probleme gemeinsam zu bestehen. Ich freue mich auf das, was ich kenne: Mitsinge, Klatsche, lecker Esse un Drinke, Laache un einfach mol dä Alltagdriss verjesse. So war das beim Stadtfest bei uns immer, hunderte Minsche sprange vun de Bämke op un maachten mit, wenn de Musik spiellte, Tanzjruppen vum Fasteleer zeigten ihre Künste un alle wore jut drop.

Meine Tochter will zunächst allein auf dem Flohmarkt schnuppern. So gehen Opa und ich mit Enkelschen dorthin, wo de Musik spillt, wie so oft schon bei uns in Kölle. Die Band ist gut, spielt flott und hat leicht satirische Liedtexte, zwar nicht auf Kölsch, aber immerhin. De Kölner is ja nit anspruchsvoll. Enkelschen un Oma klatsche met, und sonst niemand.

Die Leute klatschen nicht mal, wenn ein Lied zu Ende ist, blicken sauertöpfisch in der Gegend herum und unterhalten sich mit denen, in deren Begleitung sie gekommen sind. Ich finde das unfair gegenüber den Künstlern.

Der Enkel sieht mich fragend an. Ich sage laut und vernehmlich: Is ejal, Jung, Mir wolle Spass han. Der kleine Junge neben Enkelchen klatscht plötzlich auch und hinten, ganz hinten auf den Bänken klatschen auch zwei, drei Versprengte. Mein Lieber, die trauen sich was!

 

Der Sänger schaut mich dankbar an. Opa singt nun mit. Schief wie immer und Enkelchen und ich lachen. Nur wir lachen. Sonst niemand.

Die Oma des Enkels daneben sieht mich indigniert an und mahnt ihren Kleinen, man müsse nach Hause. Nein, Oma, protestiert der, Musik machen! Nein, antwortet die Oma, WIR machen keine Musik. Sie wirft mir einen Blick zu, wie ich ihn mir zum letzten Mal von meinem Grundschullehrer im Bergdorf eingefangen habe, als ich wieder einmal furchtbar renitent war und diesen ekelhaften Kakao nicht trinken wollte.

Jott, denke ich, wat für saublöde Lück he. Ihr Blick wendet sich auf meine Brilliantohrringe. Passt wohl nicht so ganz mit dem „Kölsche sind primitiv“. Nützt nix. Die drei gehen. Obwohl das Kind weint.

Von nun an spreche ich nur noch Kölsch. Ich muss an die Migranten denken, die urplötzlich und ohne für Nebenstehende ersichtlichen Grund in ihre Muttersprache wechseln. Obwohl Kölsch gar nicht meine Muttersprache ist, will ich ein Zeichen setzen.

Mein eigener Mann, Norddeutscher, versteht mich nicht mehr und der Bandsänger ruft, ich solle mir ein Lied wünschen. Ich sage : Irjendwat vun de Paveier. Ok, lacht er, simmer de einzije Kölsche he? Die Band spielt und Enkelchen und ich singen lauthals mit. Sonst niemand.

Die Stimmung der anderen fünfzig ist im Keller. Ach, wat saach isch: Em Julli.

Danach wünscht sich eine Dame nach langer Überwindung Happy Birthday . Für Birgit. Aus Gnaz singe ich nicht mit. Sonst auch keiner. Birgit kennt ja keiner. So ist das hier. Und schließlich muss ich ja irgendwann anfangen, mich zu integrieren.

Töchterchen kommt und meint. Na, habt ihr Spaß? Ja, sagt Enkelchen. Oma singt Kölsch und alle gucken blöd. Meine Tochter schaut ihren Sohn an und mahnt: Jona! Er lächelt und zuckt die Schultern: Sagt Oma.

Meine Tochter schaut mich an. Irgendwie kämpft in ihrem Blick etwas zwischen Stolz und Indigniertsein. Leise sagt sie: Mama.

Mein Banknachbar rückt gefühlte zwei Meter von mir ab. Ich fühle mich wie im Kindergarten und bin doch schockiert, wie sehr die hier Töchterchen in zehn Jahren schon verformt haben.

Ich denke an ihre Erzählungen über fünf Frauen in ihrem Bekanntenkreis, die alle an Depressionen leiden.

Gut vernehmlich antworte ich: Kind, loss dir dinge kölsche Frohnatur nit nämme! Sonst kannste he nit lewwe, sondern nur sterbe.“

 

Anm.

 

lewwe un lewwe losse - leben und leben lassen

 

schäl Sick vum Rhing - falsche, schräge Seite vom Rhein

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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