Alexander Löblein

Verdun Requiem

O schlafe, Bruder Tod
Verdun-Requiem

O Schlafe Bruder Tod,
der Pulverdampf ist verflogen,
erloschen das Feuer der Signalraketen,
das Schreien der Ketten,
der Klang von Stahl auf Stahl.
Sicher bist du vor der Blutmühle, ja Knochenmühle Verdun.

Die Gebeine ruhen lange schon
zerrissen in der Gruft,
die ihre Knochen geizig freigibt.
Kleine Naschereien,
mit denen du Lebenden, Atmenden,
in die Gegenwart nachfährst.
Bruder Tod bringt etwas mit 
von seiner Reise, Bruder Tod.
Schritt um Schritt ein neues Leichenfeld.

Uralte Riffetzen entfachen 
auf verwesten Schädeln 
hellbreites Grinsen,
das dir Kerze ist
in den zerbombt verfaulten Unterständen.
Altarnischen vernichteter Körper,
Die nie von Lebenden gefunden werden.
Es schlug erst ein und nach einem gewissen Moment krepiert das Ding.


O schlafe, Bruder Tod!
Die Hoffnungskapellen 
einer ganzen Generation.
bauen deinen Dom, Gevatter.
Hier fand Deine Krönung statt,
in blauen, braunen und grauen
Gewändern, die sich gegeneinanderwälzten
im Takt deiner Messordnung.
Wir sind mühsam rausgekrochen.

O schlafe, Bruder Tod!
Dein Domschatz
findet sich in den Vitrinen
der Lazarette;
Abgerissene Beine,
Arme, Kiefer bilden das Chorgestühl 
Deiner grob geschnitzten Litanei.

Was bedeutet der schaurigste Schauplatz des blutigen Deliriums, durch das sich die Völker für nichts und wieder nichts jagen ließen? Sie haben vor jenen Märtyrern und Toten den Vorzug einer erstklassigen Verpflegung in der Ville Martyre und am Ravin de la mort.

O schlafe, Bruder Tod!
Von Kalksplittern zermahlen,
von Feuerstein und Eisen getaktet 
warten Deine Meßdiener auf ein Zeichen,
aufzuspringen, Dir zur Hand zu gehen
Beim Brechen der Beine - 
Klingelbeutel der Würmer,
Choral der Toten.
Gesangsstück tausendfacher Einsamkeit.

O schlafe, Bruder Tod.
Du hast Deine Kathedralen
aus dem Stein und den 
Hügeln Verduns gebaut,
in denen Kinder Deiner Erde ruhen.
Wir sind zurückmarschiert wie eine geschlagene Truppe.

Unter der hohen Wölbung
jahrhundertealter Seufzer
blecken die Verschwundenen
knochenlos pulverisiert
ihre Lefzen.
Ungefunden in den Erde
disparu.
Monsieur le poilu
im tonnenschweren Alkoven
des Granatenbeschusses
erloschener Träume.

O schlafe, Bruder Tod.
Kapitelle deines Domes geben die Kaliber
der Bomben und Granaten wieder.
Fratzenhaft verschrobene Einsichten
an den Kämpfern deiner Armeen.
Metrisch in Kilogramm.

Schlafe,Bruder Tod.
Die Schreie der Verwundeten besorgen Deine Ernte.
in den Wäldern und Feldern,
in den Ackerfurchen
zertrümmerter Dörfer.
Du gräbst der Verzweiflung nach im Rinnstein der Souvenirs.
Der schlimmste Feind der Infanterie ist die eigene Artillerie.

Mein Lachen gefriert
beim Anblick deiner 
feuersteinernen Zähne,
die mich durch Jahrhundertalter
feist und schrotig
anblecken.,
durch den Rückendom
des gefallenen Sohnes.
Mausestill ist dann alles, duckt sich in die Erde hinein.

Fil barbelé barbé
avec les poils des poilus

In deiner Sakristei aus Splittern
und Schrapnellen
bleibt dein Hohnlachen
ungehört von der Gemeinde,
die sich in die Erde eingräbt,
einspinnt unter dem Höllendonner
Deiner neugierigen Werktätigkeit.
Reingetrieben in die Front -  Wenn du lebst, dann lebst du, wenn du stirbst, dann stirbst du.

O schlafe, Bruder Tod.
Dein Gewand ist befleckt
Dein Atem keucht mir 
Angstschweiß ins Gesicht,
Schlafe, sei endlich müde,
Bruder Tod.
Erhebe Deine Stimme nicht wieder
über den Hügeln von Verdun.
Errichte Deinen 
vielumtanzten Maibaum
nicht mehr. 
Sicher bist du vor der Blutmühle, ja Knochenmühle Verdun.

Dein Werk ist getan.

O schlafe, Bruder Tod.

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