Horst Werner Bracker

Die Pappelallee - Gedanken eines Nachdenklichen

Die Pappelallee – Gedanken eines Nachdenklichen
 
PROSA
 
Ballade
 
Die Pappelallee marschiert in reih' und Glied
Entlaubt und düster ragend
Vor Nässe triefend
Einer Gespensterarmee gleich
Verpflichtet dem Gutsherrn zu dienen
Verwurzelt auf ewig dem Boden -
Der Joch und Heimat waren
Es ist Herbst!
Es ist die Zeit der düsteren Tage und der Depression
Grau zeigt sich der Himmel
Kaum, dass ein Sonnenstrahl unser Auge trifft
Und Herz und Seele erfreut und Hoffnung erweckt
Und doch, der Frühling wird wiederkehren, das ist gewiss!
Modernes Laub hat alles zugedeckt
das Kopfsteinpflaster, den von Moder erstickten Teich
den Kaninchenkadaver vorm Gartentor.
Ein Rabenschrei entfacht im Gutshaus ein fahles Lämpchen.
Wer mag im alten Gutshause wohnen -
Das seit Jahren leer steht und zerfällt
Wilder Wein hat das Haus umrankt
Und haben mit seinen roten Ranken alle Fenster dicht verhängt
Grad' so, als wollte es verbergen
Wer als Letzter im Gutshaus wohnt
Ich wollte mich abwenden und meinen Weg fortsetzen
als die große, weißgrün gestrichene Doppeltür
Sich knarrend öffnete und eine alte
Tief gebeugte Frau hinaus in den Garten trat
Sie war Schwarz gekleidet. Ihr offenes
Haar hing in wirren Strähnen auf ihre schmalen Schultern herab
In den Händen hielt sie eine hölzerne Kippe
Einen Moment blieb sie vor der Haustür stehen
Schaut zu mir herüber und nickt wie grüßend mit dem Kopf
Ohne meinen stummen Gruß zu erwidern
Ging sie zu einem großen Apfelbaum
Ihre Schritte waren unbeholfen und unsicher
Als sie den mächtigen Apfelbaum fast erreicht hatte
Streckte sie ihren rechten Arm aus und
Erreichte mit zwei Schritten den knorrigen Stamm
Ihre Rechte tastet über die raue Rinde
Sie beugte sich herab, stellte die Kippe zu ihrer Linken
Und begann, das Fallobst in die Kippe zu sammeln
Ihre Hände bewegen sich halbkreisförmig über den feuchten Rasen
Mit kleinen Schritten umkreiste sie den Baum
Und fand behände die Äpfel
Ihre Finger tasteten flink jeden Apfel ab
Die Guten sammelte sie ein, die schlechten ließ sie wieder fallen
Sie war blind
Eine Weile blieb ich reglos stehen und schaute der Frau zu
Nachdenklich setzte ich meinen Weg fort
Die Kopfsteinstraße verlässt mich zur Linken
Der Waldweg führt mich auf verschlungenen Wegen zur alten Mühle
Wo sich noch heute, das Wasserrad an der Stauwehr dreht
Um das silbrige Korn zu weißem Mehl zu mahlen
Nebelschwaden ziehen aus dem feuchten Bruch
Und tanzen wie Elfen schwebend auf den Mühlenteich
wo still die Karpfen stehen die zur Weihnachtzeit
So wie es ihr zugedachtes Schicksal ist
Des Menschen Gaumen erfreuen
Wie feines Silberflies, von Elfenhand gewebt
Liegt erster Raureif auf Schilf und Zweigen
Bereit, den Winter zu empfangen
Ein schmaler Pfad am Teich entlang
Führt mich zum Gasthaus "Zur Mühle"
Noch grüßen mich die mächtigen Buchen
Die knorrigen Eichen, die Jahrhunderte alt
Am Wegesrand stehen
Raschelndes Laub zu meinen Füßen
Kein anderer Laut durchbricht die Stille
Ich bin mit meinen Gedanken allein
Ist nicht der Herbst das Ende jener Zeit
Die wir die Jugend nennen
Mein müder Schritt, die Schwere meiner Glieder
Der Schmerz der nicht Weichen will
Erinnern mich eindringlich daran
 Der Herbst ist gekommen
Vorbei die Leichtigkeit der sorglosen Jugend
vorbei die Zeit das Alter zu ignorieren
Wehmut will sich in mein Herz schleichen
Als zwei sich jagende Eichhörnchen meinen Weg kreuzen
Die putzigen Gesellen vertreiben bald allen Trübsinn
Gleich rote Irrwische jagen sie den Buchenstamm hinauf und hinab
Beäugen sich kurz und weiter geht die wilde Jagd
Durch den stillen Herbstwald
Wie still und farbenfroh, noch ganz dem Leben zugewandt
Und voll Reife, die nur das Alter kennt
Kann sich der Herbst erheben
Schöner noch, als der Frühling es je vermag
Der Frühling mit seiner verschwenderischen Blütenfülle
Treibt nur den Keim. Der Sommer lässt ihn reifen
Doch ernten wird nur der Herbst
Er ist der Wegbereiter neuen Lebens -
Er hält bereit und bewahrt die Millionen Samen des neuen Werdens
Darum sollte uns der Herbst nicht schrecken
In der Reife liegt die Größe, die uns erhebt zum Göttlichen hin
Zu sterben am Ende der Zeit, so wie es unser Schicksal ist
Wenn grau das Haupt bedeckt die schwarze Erde
Ich will es tapfer tragen. Selbst dann,
Wenn der Tod den Sieg errungen
Erheben sich die Säfte und geben zurück den kleinsten
Teil der Mutter, die uns gebar, - der Erde
Zur Herbstzeit an den Tod denken, wer mag es nicht
Doch nicht der Tod ist es, der und gedankenvoll erschreckt
Der Weg dorthin lässt uns bang erschauern
Wohl wissend, - es ist der letzte Weg auf dieser Erde
Die uns von Geburt an stehst traute Heimat war
Was erwartet uns an jenen Ort in den die Seele wandert
Kaum, dass sie unseren Körper verlassen
Wir wissend es nicht. Und doch, - es muss das Paradies geben
Hoffnungsvoll sind wir gezwungen zu glauben
Das Paradies liegt hinter unseren Tod
Denn des Menschen Geist ist nicht von Erde gemacht
Ist nicht Physik und nicht Chemie
Er ist Teil des Schöpfergeistes, den wir Gott nennen.
Er fließt zurück um sich zu vereinen mit dem
Der über allen Dingen steht
Genauso, wie sich nach unserem Tod Physik und Chemie vereinen
Loyalität den Dingen, - ist das Weltenprinzip
Ihr zu gehorchen, ist, was uns verbindet
Unser Geist kennt die Wahrheit
Doch unser Körper weigert sich zu glauben
Er kann die Erdgebundenheit nicht abschütteln
Doch die Zeit ist aller Dinge Vermittler
Sie ist geduldig und schreitet stehst voran. Rastlos
Die Vergangenheit verachtend und würdigt
Der Gegenwart nur einen flüchtigen Blick
Die Zukunft ist ihr einziges Ziel
Sie ist der Anfang und ist das vorbestimmte Ende allen Seins-
Egal, ob Stern, Planet, Felsengebirge oder Ozean
Egal, ob Mensch oder Tier, Sandkorn, Molekül oder Atom
Am Ende der Zeit ist das Nichts
Aus dem Nichts aber wird Neues entstehen
Eine neue Zeit wird beginnen. Die Zeit ist ein Phänomen
All gegenwärtig und doch nicht zu verstehen!
Am Mühlenwehr, wo braune Wasser brausend und stürzend fliehen
greift meine Hand das rostige Geländer
Mein Blick schweift in die gurgelnde Tiefe
Und schaut dem schäumenden Wasserschwall hinterher
Der gierig mit sich reißt, fahles Laub
Geäst, den modernen Baumstamm einer Buche
Das Wasser liebt die Tiefe, und findet stehst das Tal
Es ruht niemals still. Selbst nicht der Tau zur frühen Morgenstunde
Schon um die Mittagszeit ist er vergangen
Trockenheit macht sich breit, - der durstigen Kreatur zu quälen
Wechselhaftigkeiten allerorten, jetzt da und schon vorbei
Das rostige Geländer ebenso wie der harte Granit
Welcher die Straße beschreibt und den Weg in die Vergänglichkeit weist
Mit knarrenden Dielen empfängt mich die alte Mühlenschenke
In den Raum ist es dunkel
Die kleinen Sprossenfenster lassen nur wenig Licht herein
Eine Bank mit grünen Kissen darauf und einen eichenden Tisch davor
Lädt mich zum Sitzen ein. Ich bin allein im stillen Raum
Nur eine alte Wanduhr tickt ihr monotones Lied
Von der Vergänglichkeit der Zeit
Ein Kähnchen Kaffee steht dampfend vor mir auf den Tisch
Ein freundliches Mädchen hat ihn mir gebracht
Still ist sie wieder gegangen. Nur der süße Veilchenduft, der sie umgab
Liegt wie Frühling noch im Raume
Ich sitze am Fenster und schaue auf die Lindenallee
Die knorrigen, alten Bäume haben längst ihr Laub verloren
Wie aufgestellte riesige Besen ragen sie in den grauen Himmel
Bereit die Straße vom Laub zu reinigen.
Ein junges Mädchen hoch zu Ross, kommt die Allee herunter geritten
Unter ihrer schwarzen Kappe quillt ihr Schulterlanges
Blondes Haar in großer Fülle hervor
Ihr noch kindliches Gesicht ist gerötet
Und von einer ebenmäßigen Schönheit
Das schwarze, von Schweiß glänzende Fell des Pferdes
Und ihres schwarzen Reitanzuges schien zu einer Einheit zu verschmelzen
In stolzer, gerader Haltung reitet sie am Fenster vorüber
Noch eine Weile ist der Hufschlag zu hören, dann ist es wieder still
Nur die alte Wanduhr tickt ihr gleichförmiges, monotones Lied
Ich hänge meinen Gedanken nach
Und schlürfe bedächtig den heißen Kaffee
Draußen ist es nass und feucht. Grau ist der Himmel
Die Erde und alles, was darauf ist
Selbst die alte Mühle mit ihren roten Fachwerkmauern
Schien sich in stiller Melancholie
Unter den mächtigen Eichen zu ducken
Doch hier drinnen ist es behaglich und warm
Gerade hatte ich mir Notizblock und Stift hervorgeholt
Als die schwere Eichentür sich öffnete
Und ein hünenhafter Mann in die Schankstube trat
Er war ganz in grünen Loden gekleidet
Sein breitkrempiger Hut und das dämmrige Licht
Welches in der Schankstube herrschte, verbarg sein Gesicht
Eine Weile verharrte er still und schaute zu mir herüber
Dann ging er geradewegs auf den Tisch zu, an dem ich sah’s
Seine Schritte waren laut und schwer
Die Holzdielen ächzten und knarrten unter seinen derben Schuhen
In den Vitrinen, die an den Wänden der Schankstube standen
Klirrten leise die Gläser. Ja selbst das messingene Pendel
Der alten Wanduhr schien aus dem Takt zu kommen
Am Tisch angekommen, zog er seinen Hut
Und verneigte sich und sagte mit lauter, honoriger Stimme
"Kein Mensch ist gern allein in dieser düsteren Jahreszeit
Setzen wir uns zusammen und reden miteinander"
Ohne meine Antwort abzuwarten, zog er seinen Mantel aus
Hängte ihn an einen Kleiderhacke
Und setzte sich mir gegenüber an den Tisch
Er streckte mir seine Hand über den Tisch und sagte
Mit einem lachenden Gesicht: "Harm ist mein Name
Und wie wirst du genannt"
Ich ergriff die dargebotene Hand
Und nannte meinen Namen
Eine Weile saßen wir uns stumm gegenüber und schauten uns an . . .
(17.08.2019) E Storie
 
*
 
 
 
 
 
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Horst Werner Bracker).
Der Beitrag wurde von Horst Werner Bracker auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.08.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Angel, a life between: Ein Leben zwischen zwei Welten von Romy Rinke



Ein verletztes, und schon auf den ersten Blick sonderbar erscheinendes Mädchen wird im Wald gefunden.

In der Klinik, in die man sie bringt, glaubt man nun ihr Leiden lindern zu können und ihre vielen teilweiße sichtbaren, teilweiße noch verborgenen Besonderheiten aufklären zu können. Doch das Martyrium beginnt erst hier...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Balladen" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Horst Werner Bracker

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Paule, der Flaneur von Horst Werner Bracker (Ode)
DAS HIMMELSPFERD von Simone Wiedenhöfer (Balladen)
Ups! von Lizzy Tewordt (Das Leben)