Patrick Rabe

Eine moderne Auslegung des Thomasevangeliums (Prosagedicht)

Eine moderne Auslegung des Thomasevangeliums ohne jede theologische, aber mit viel Heilsrelevanz

 

(Und warum Schriftstellerehefrauen zwar ihren Männern nicht in ihre Texte reinreden sollten, aber sie ab und zu zum Sex nötigen sollten, damit nicht immer so viel Libido in die Länge ihrer Gedichte geht.)

-Das letzte Ding da in der Klammer nennt man Punkt.-

(Muse Suse)

 

Als Thomas das All auflöste,

war Jesus gerade beim Sex

mit Maria Magdalena.

Thomas kam rein

mit Gurkengesicht,

einer Affennase am Nabel

und dem Regenwald als Haartracht.

 

Er tickte Jesus von hinten an.

Jesus erschrak furchtbar

und sein Kopf drehte sich reflexartig

einmal halb um,

während er gleichzeitig

weiterhin konzentriert

Maria Magdalena

in ihre lustgeweiteten Augen sah.

 

"Ach, du bist es, Tom.",

sagte er.

"Hab dich gleich an dieser Anfasserei erkannt.

Schön, diese ganze Mystik.

Aber dir ist schon klar,

dass die Gurke von Aldi ist,

der Affe noch leben wollte,

und der Regenwald

das Klima der Erde reguliert?"

 

Da hörte er Thomas bitterlich schluchzen.

In vollster Konsequenz

zog Jesus den Schwanz aus Maria Magdalena,

schwang sich vom Bett

und nahm Thomas in die Arme.

*

"Ach, immer diese Borderliner mit ihren extremen Stimmungsschwankungen!"

seufzte der Psychiater genervt, als er den weißgekalkten Flur

seiner Klinik hinablief.

Er knallte mit dem Kopf gegen eine Wand,

die da vorher noch nicht gewesen war,

federte zurück

und hüpfte, in einen Gummiflummi verwandelt

über den Gang

in den Mund der schwarzen Spinnenfrau,

die zum ersten Mal merkte, dass Gummi nach Gummi schmeckt,

den Flummi zurück auf den Flur kotzte

und sich in ihr Zimmer verdrückte, um nicht auch noch eine Bulimiediagnose zu bekommen.

*

Im erweiterten Kopf von Janus Cäsar rollten der Polarstern und der Sirius

als Köpfe, die niemand zog, augengleich in den Höhlen

eines Paralleluniversums

und Jesus las Maria Magdalena und Thomas

alle 72 Evangelien vor.

Aus einem Buch.

*

Nach der Hälfte schlief Maria ein

und träumte, sie wäre als Spinnenfrau in der Psychiatrie,

müsste dort ihr Trauma, nicht einparken zu können, bearbeiten

und freute sich auf die neuartige Gewalttherapie

bei Dr.Schwulzt, die es erlaubte,

nervige Psychiater, auf die man seinen Vater, seine Mutter oder Bernd das Brot projiziert hatte,

mitleidlos zusammenzuschlagen.

Die Methode war noch im Test.

Selbst Scientology war sich nicht mehr sicher, ob es sinnvoll war, Psychiater abzuschaffen.

*

Plopp! machte es

und das Klo in Jesu Wohnung explodierte.

Während Magdalena in Träumen versunken war,

hatte sie sich zu einem lila Nebeleinhorn transformiert,

was Jesus und Thomas gar nicht bemerkt hatten, weil sie mittlerweile

Walzer tanzten.

*

Stinki ließ sich kurz von der Decke herab

und sang auf Pseudohebräisch:

"Könntet ihr mal ein Fenster aufmachen und lüften?"

*

Da wurde Jesus urplötzlich knallewach,

übergab sich und fiel ohnmächtig

von den Gestankwolken aus der Toilette

auf den zum Glück mit Teppich ausgelegten Boden.

*

Die Polizeirazzia, bei der drei Beamte

die ganze Wohnung nach Drogen durchkämmten,

bemerkte keiner von den drei naturstoneden Freunden.

Der älteste der drei Polizisten

nahm Jesus mitleidig vom Boden auf,

legte ihn auf sein Bett

und wischte ihm mit einem Nelkentaschentuch

das Erbrochene vom Mund.

Während er hinausging, weinte er hemmungslos.

"Die demolierte Tür bezahlen wir, Jungs!",

sagte er.

Sein linker Untergebener fragte:

"Chef, du stehst aber nicht zufällig in einem verwandtschaftlichen Verhältnis

zu diesem Typen? Wir haben den schon lange im Verdacht,

dass er was Revolutionäres plant."

 "Ich glaube, du projizierst...",

flüsterte der Kommissar

und warf einen vielsagenden Seitenblick

auf den Beamten zu seiner Rechten.

Der schrak zusammen, als er den Blick seines Vorgesetzten an der Schulter spürte.

"Chef!?", rief er und salutierte."Ich war gerade wieder im Sekundenschlaf, tschuldigung. Immer diese Nachteinsätze, wissen sie?"

*

"Böller!" bellte der Poliziechef nun mit deutlich veränderter Stimmlage,

"Gehen sie bitte nochmal da rein in diese Siffwohnung

und putzen sie das Klo.

Ich fürchte, unser Abhörgerät ist explodiert.

Wir werden uns nie wieder von Ethan Hunt beraten lassen, okay?

Und ich sage ihnen, wir können nicht immer irgendwelche Türen eintreten

und Toiletten so ruinieren, dass die ganze Wohnung voller Kacke ist.

Das kriegen ja nicht mal die Bluemeanies mit ihrer schlechtesten Laune weggeätzt.

Wir wollen doch nicht, dass jeder Einsatz eine Mission Impossible wird.""

 

Da sanken die beiden untergebenen Beamten mit den Köpfen ineinander

und schwebten als Bananenkuchen durchs Treppenhaus.

Der Polizeichef lief fröhlich pfeifend die Treppe hinunter

und grüßte den muslimischen Nachbarn von Jesus.

"Ach, diesmal nur einer?", fragte er.

"Naja, wenn sie das nicht wissen, wer dann?",

fragte der Polizeichef, und verließ frohgemut das Haus.

 

"Was hat der gesagt? Verdun?"

grummelte der Muslim.

"Seit die jetzt auch noch Franzosen bei der Polizei einstellen,

beginnt selbst mein Glaube an Multikulti zu bröckeln."

Gedankenlos griff er sich den Bananenkuchen aus der Luft

und biss ab.

"Mh... das schmeckt, Issa.", sagte er anerkennend.

Vielleicht können wir morgen über den Namen Jesus diskutieren.

Für diese Jeschua-Sache brauch ich noch ein paar Umdrehungen.

Aber die hab ich ja als Sufi voll drauf. Fand das geil, dass du wusstest, dass das in Wirklichkeit nicht "Derwisch" heißt. Und dass man Sufi nicht mit Suffkopp verwechseln sollte."

 

Da ertönte sanft, freundlich und volltönend die Stimme des Issa genannten Nachbarn

freischwebend im Treppenhaus, ohne jede Mikrophontechnik:

""Faruk, ich weiß doch, dass du unzufrieden bist.

Du wolltest dir die übliche Banane abholen, nicht wahr?

Aber, ich habe dir drei Offenbarungen und einen Offenbarungseid mitzuteilen.

Erstens: Bananen gibt es günstig bei Aldi,

Zweitens: Ich wollte dir mal zeigen, dass die schmecken (deswegen der Kuchentrick), und dass Dildos bei uns etwas anders aussehen und auch nicht so leicht abbrechen, was du allerdings auch verhindern kannst, wenn du die Verpackung drum lässt (nennt man "Schale", ist nicht aus Plastik und voll biologisch abbaubar.)

Drittens: Ich mache dich darauf aufmerksam, dass dieser Bananenkuchen aus zwei Polizisten besteht

und du dich bereits durch das einmal Abbeißen

der Gewalt gegen Polizeibeamte schuldig gemacht hast

und dir den dringenden Verdacht des Kannibalismus zugezogen hast."

Und nun der Offenbarungseid.

Ich bin weder Jesus, noch Gott, noch Allah, noch Jahwe.

Mein Name steht an der Türklingel.

Wir sind beide entweder schizophren

mit Symptomen, die es früher eindeutig nicht gab,

vergiftet von Autoabgasen und den vielen Nazisprüchen an Hauswänden

oder wir sind zeitlose Mystiker im Wandel der Äonen.

Such dir irgendwas davon aus.

Übrigens: Ich merke grade nicht, dass ich mit dir spreche.

Ich schlafe tief und fest.

Und du hast recht.

Deine sexuellen Neigungen gehen mich nichts an."

*

Faruk war glücklich. Endlich war er sicher, Mohammed zu sein

und sich selber sowohl in Öl malen, als auch karikieren zu dürfen.

Singend lief er die Treppen zu seiner Wohnung hinunter,

wobei ihm bereits die Hose runter rutschte.

Er lachte, streifte sie ab, ließ sie im Treppenhaus liegen

und schob sich gewohnheitsmäßig,

noch ehe er wieder seine eigene Wohnung betreten hatte,

die Banane in den Allerwertesten,

ohne zu bemerken, dass es vor drei Sekunden noch ein Kuchen gewesen war,

der sich jetzt in eine grünblaue Gummigurke mit dem Aufkleber "Made in Taiwan" verwandelt hatte.

Kichernd schlich er sich in seine Wohnung

und schloss die Tür.

*

Eine Millisekunde später

öffnete der im Erdgeschoss lebende Rentner Hans-Helmut-Fürchtegott Spieß seine Tür,

 nahm witternd einen aufatmenden Luftzug aus dem Treppenhaus auf

und seufzte: "Wie schön! Hier riecht es immer gut. Nach Araukarien und Bodenwischmittel.

So schön deutsch eben.

Und hier im Haus wohnt nicht ein Moslem, und nicht ein Jude!

Und dieser nette Nachbar mit dem schönen, deutschen Namen...",

- er watschelte zu Faruks Tür und besah das Klingelschild -

"mit dem schönen, deutschen Namen Özgüs

spendet immer so lieb für die kirchliche Altkleidersammlung.

Der scheint nur nicht zu wissen, in welchen Container das kommt.

Aber ich mach das ja gerne für ihn. Könnte mein Sohn sein."

Lächelnd hob er die am Boden liegende Hose auf,

schulterte sie

und lief pfeifend in den Frühlingsmorgen.

*

Der Wecker klingelte.

"Oaaahhh.", stöhnte Jesus, "Mein Schädel!

Irgendwann schmeiß ich das blöde Ding noch mal aus dem Fenster!"

Magdalena schrak auf und sah Jesus ängstlich an.

"Du willst deinen Kopf aus dem Fenster schmeißen?"

"Nein.", beschwichtigte Jesus sie.

"Den Wecker."

"Aber ich find seine Musik so gut!", quäkte Magdalena.

"Nein! Das Ding hier!", schrie Jesus jetzt mit 100 Dezibel

und hielt Magdalena seinen Funkwecker unter die Nase.

"Frauen! Wenn Thomas nicht so eine komische Nase hätte, wäre ich längst schwul geworden!"

"Wieso, ich hab doch gar keine komische Nase!",

protestierte Thomas.

"Ich hatte gestern nur meine Gurkenmaske auf. Damit ich länger jung bleibe."

Magdalena sah von einem zum anderen.

"Jung?", fragte sie, "Ich dachte, wir hätten eroriert, dass Jung ein Esoterikspinner ist

und beschlossen, uns bei Freud behandeln zu lassen."

Jesus atmete tief durch.

"Maggie, komm klar. Wir befinden uns gerade im Jahr 2019. Freud und Jung sind beide schon tot. Wenn du unbedingt einen Psychologen zu brauchen meinst,

empfehle ich dir Dr. G. Schwulzt oder Dr. G. Nachhause.

Letzteres lege ich dir übrigens dringend nahe.

Du hast schon Ränder unter den Augen.

Und ich glaube, du solltest zur Abwechslung mal wieder deine Wohnung vermüllen, anstatt meine.

Leg eine Gurkenmaske und eine Konstantin-Wecker-Platte auf

und komm aus dem Quark.

Dann redest du nicht so viel davon."

*

"Show we nisst!" giftete Magdalena.

"Das schreibst du falsch." belehrte sie Jesus.

"Wieso schreiben?" fragte Magdalena. "Ich spreche doch!"

"Naja, du weißt doch, dass ich Gedanken lesen kann, Maggie.

Und der Google-Translator taugt nichts!"

"Was denn für ein Google-Transgender?"

schrie Magdalena jetzt in schrillem Kreischton.

"Bist du taub, du Nutte!?" schrie Jesus so laut,

dass in Jerusalem die Klagemauer wackelte.

"Das nennt man heute gehörlos.", wisperte Magdalena.

Thomas, der in ihrer Mitte gelegen hatte,

schreckte hoch, schlang beide Arme um ihre Schultern

und rief mit Tränen in den Augen:

"Bitte versöhnt euch! Sonst erinnert ihr mich wieder unangenehm an meine Eltern!

Ich bin doch Waage. Ich komm immer so schnell aus dem Gleichgewicht."

Jesus wurde erst bleich wie Kalk,

dann grün wie veganer Brotaufstrich,

schließlich regulierte sich sein Teint wieder auf ein angenehmes, leicht sonnengebräuntes Rosa

und dann nahm er beide ganz zärtlich an sein Herz,

streichelte sie und sagte:

 

"Es sind immer drei.

Drei Probleme,

Drei Falten,

Drei Einigkeiten,

drei Möglichkeiten, eine Frau zu penetrieren,

drei Klopfer auf Holz,

drei gute Dinge,

drei Wünsche frei,

dreimal raten und ein Telefonjoker,

drei Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sprechen,

drei Neffen von Donald Duck,

drei Geister, die Mr. Scrooge besuchen,

drei Weihnachts- und drei Osterfeiertage, äh, Moment, am Karfreitag feiern ja nur die Atheisten..."

*

Magdalena sah ihm einfach nur lang und tief in die Augen

und sagte mit ihrer samtig-erotischsten Stimmlage, die ihr zur Verfügung stand:

"Und der Mörder ist immer der Gärtner und 33 nach Christi Geburt gab es noch keine Heckenscheren."

*

Thomas segelte währenddessen einmal als Geist eine Runde um die Zimmerlampe

und ließ sich dann, sich langsam wieder materialisierend,

im Schneidersitz vor dem Bett nieder.

Jesus hatte sich derweil in Luft aufgelöst.

"Komm, Magdalena!", sagte Thomas.

"Du bist wieder nüchtern."

"Du weißt ja, du heißt Selena,

ich bin dein Psychiater Dr. Postel,

und über unsere Affäre müssen wir im Krankenhaus schweigen.

Schade, dass ich dir immer Drogen geben muss, damit du alles im Bett machst, was ich will. Schnips! Die Hypnose ist beendet!"

*

Selena schreckte auf. Der Lehrer erzählte gerade irgendetwas aus dem alten Rom.

Sie hatte von Batman geträumt und sich gewünscht, sie wäre Selina Kyle, also Catwoman.

Der Lehrer referierte mit ekligem Sprechkäse an den Mundwinkeln:

"Und ca. 1912 fand man im Wüstensand bei Nag Hammadi alte christliche Handschriften, von denen man lange nichts gewusst hatte. Unter anderem das Thomasevangelium, das sich mittlerweile unter alternativen Jesusjüngern und Mystikern großer Beliebtheit erfreut. Es ist allerdings bis auf den heutigen Tag umstritten." Selena nickte wieder ein. Sie konnte einfach nichts dagegen machen. Die Geschichtsstunden bei Dr. Wurst waren einfach immer sterbenslangweilig.

*

Patrick musste nicht erst aufwachen. Er hatte die ganze Nacht durchgemacht und bekämpfte Langeweile, Einsamkeit und Sexentzug, indem er Kaffee trank, Gedichte schrieb, sich Blödsinn vorstellte und davon träumte, wie es wäre, Theologiedozent in Marburg zu sein, sich jeden Abend in Huchting mit Gofi Müller zu besaufen und mit Jay Friedrichs ellenlange Diskussionen über die Vor-und Nachteile von Atheismus und Christentum zu führen.

*

Der Wecker klingelte. Patrick stand seelenruhig auf, nahm ihn, ging auf den Balkon und schmiss ihn über die Brüstung.

 

"Ey, du Psycho! Hol dir mal Hilfe!"

schrie der Rechtsradikale aus der Wohnung über ihm,

der dem Geruch und der Rauchentwicklung nach

gerade auf seinem Balkon grillte.

*

Patrick ging wieder nach drinnen,

frühstückte gutgelaunt,

freute sich auf das Treffen mit einem Freund,

der wie er großer Bob-Dylan-Fan war,

bedauerte kurz, dass er zur Zeit keine Freundin hatte,

und dass nur so wenig Leute die Flowerpornoes kannten

(eine Band, keine Hippiesexfilmreihe)

und dachte sich:

"Jedes Evangelium macht Sinn.

Hätte ich nur das von Thomas gelesen,

würde ich überhaupt keine Unterscheidung der Geister

und keine Unterscheidung von Äppeln und Eiern hinbekommen.

Diesen ganzen Thomasiern empfehle ich immer eine deutliche Prise Matthäus,

die Kargheit von Markus,

die Herzlichkeit von Lukas,

und nur in kleinen Dosen Johannes.

Der ist aber immerhin besser, als den ganzen Tag lang zu kiffen."

*

Frohgemut, und in richtiger Dozentenlaune

verließ Patrick seine Wohnung,

registrierte nur kurz,

dass die Tür nicht beschädigt war,

(seit die Bullen hier einmal durchgetobt waren wie die besengten Rinder, hatte er eine Traumatisierung diesbezüglich),

und ging treppab.

Das war weder ein Symbol für die Höllenfahrt, noch für den sozialen Abstieg.

Es ging einfach nicht anders, wenn man zur Haustür gelangen wollte.

*

Im Flur begegnete ihm sein Nachbar Faruk Özges,

den er für etwas verrückt hielt.

"Äh, Herr Rabe...",

fragte er,

"Isch hab mal eine Frage am ihnen.

Diese Dosenjohannes, die sie mal erwähnten,

gibt es die auch in kleine Dosen?"

 

"Was denn für ein Dosenjohannes?", fragte ich leicht genervt,

"Ich habe nie mit ihnen über einen Dosenjohannes geredet!"

 

"Na, dann war das Stimmen in Kopf, ich manchmal hören,

oder Lehrer bei Deutschkurs. Gibt auch manchmal Alditips, wo könne kaufe billig,

und nich musse gehe zu Pennertafel."

 

"Wie heißt denn da ihr Lehrer?", frage ich im Präsens, denn ich bin Patrick Rabe.

 

"Dr. Gugli Fitzbuck", entgegnet mir Herr Özges, den ich manchmal fragen möchte, ob ich ihn nicht duzen darf, ebenfalls im Präsens, was mich analogiemäßig daran erinnert, dass ich neue Präservative kaufen muss. Nur so, um welche dazuhaben, falls...

 

"Mhhh, also Herr Özges, ich will sie nicht beunruhigen, aber ich habe manchmal das Gefühl, diese Deutschlehrer für Flüchtlinge bringen hin und wieder den Migranten absichtlich falsche Wörter bei, damit sie sich hier blamieren, und schnell wieder gehen."

*

"Ich weiß, du Opfer.", sagt Özges. "Ich bin auch kein Türke und kein Araber. Ich bin ein Außerirdischer. Und ich meine Wiener Würstchen, du Schnitzelkopf! Du mit deinen dämlichen Bananen immer, die du mir schenkst. Wäre ich wirklich Syrer, würdest du mich damit total beleidigen. Glaubst du, wir kennen in den südlichen Ländern keine besseren Südfrüchte als die? Aber genauso habt ihr es schon mit den Ossis gemacht, und jetzt wundert ihr euch, warum die sauer sind und immer P. Gida und B. Hacke wählen."

*

"Mhhh." sage ich gedehnt und merke deutlich, dass meine Versuche, heute in der Realität zu leben, bereits jetzt schon weder arg torpediert werden. "Pegida und Björn Höcke. Nicht zu verwechseln mit Lucke. Der hat die AfD lediglich gegründet."

 

"Danke", sagt Özges. "Hab ich sowieso gleich wieder vergessen. Ich ernähre mich von Worten, scheiße sie aus, mache daraus Wiener Würstchen, und stelle sie im Rahmen meines 1-Euro-Jobs bei Aldi in die Regale, um eure Unterschicht zu vergiften. Jodie Foster hat uns in diesem doofen Alienfilm genau das empfohlen, um hier nicht groß aufzufallen. Ihr macht das doch so, oder? Issa sagt doch auch: "Der Mensch lebt nicht vom Doof allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Arsch Gottes kommt."

 

"Ich empfehle ihnen dringend, nicht immer alle Heiligen Schriften samt Apokryphen durcheinander zu lesen. Lieber immer eine nach der anderen.", rate ich ihm.

 

Als ich nun zur Haupttür gehe, und heilfroh bin, dass nicht auch noch der nervige Herr Spieß rauskommt, und mich in ein Gespräch verwickelt, ist mir so, als würde ich aus den Augenwinkeln sehen, dass sich Özges eine Cordhose über den Kopf stülpt.

*

Draußen ist es wunderschön. Kriegssirenen heulen, napalmverbrannte Kinder rennen über die Straße, zwei meiner Nachbarn spielen die Balkonszene aus "Romeo und Julia" nach, während an der Straßenkreuzung eine Frau mit Kinderwagen und zwei Männer in Trenchcoats darauf warten, dass die Limousine von Hanns-Martin-Schleyer kommt und nervös an den MG's unter ihren Klamotten spielen, in der Hoffnung, dass dem bürgernahen Beamten, der gerade falschparkende Autos aufschreibt, nichts auffallen wird; also ein ganz normaler Tag. 
*
Dann kommen die drei. Nämlich in Form von synoptisch laufenden Joggerinnen, die zu hübsch sind, um alt sein zu können, und die, während sie joggen, die Rollen von den drei Hexen aus Macbeth laut vor sich hersagen. Wahrscheinlich Laienschauspielerinnen. Kurz lache ich. Denn synoptisch joggen...diesen Ausdruck gibt es glaub ich nicht. Es gibt nur die drei synoptischen Evangelien. Aber jeder Dödel weiß, dass da noch ein viertes kommt, und in "Die letzte Versuchung Christi" kommt sogar noch ein verräterischer Höllenengel vorbei in Form eines blonden Mädchens, dass Jesus dazu überredet, vom Kreuz zu steigen, aber darauf würde ich nie reinfallen. Wer all diese Filme gesehen und geschoben hat, ist gewappnet. Kurz fällt mir auf, dass ich viel zu dünn angezogen bin, und es wie aus Kübeln schüttet. Ein ausländischer Student ruft: "You forgot your umbrella! There's rain, man!" "Was denn für ein Raymond?", rufe ich ihm zu, während ich über die Straße stolpere und wie durch ein Wunder mehreren hupenden Autos ausweichen kann. "Ach, Rain Man!", rufe ich dann zurück. "I've seen this movie. But that's long ago!". Der bürgernahe Beamte steht plötzlich vor mir. Ich erschrecke ein bisschen. Aber dann fällt mir auf, dass er ein bisschen aussieht wie Dustin Hoffman. "Nicht immer so viel auf einmal machen.", sagt er, und schaut mich besorgt an. "Sie hatten Glück, dass da ein Zebrastreifen war, und dass die Autos, die sie fast umgefahren hätten, alle verkehrswidrig einfach da drüber fahren wollten."

*

Plötzlich habe ich den absoluten Überblick, und mir ist, als könne ich über den bürgernahen Beamten, der mir eben noch vorkam wie mein eigener Vater,

hinwegsehen, und hinter ihm ein blondes Mädchen wahrnehmen, in dem ich urplötzlich alle meine Jugendlieben erkenne, und eine zwar superrassige und attraktiv aussehende Brünette, die aber mit irre rollenden Augen und noch irrerem Gelächter von hinten auf einem Motorroller auf sie zurast.

*

Ab jetzt ist alles nur noch eine Sache von Sekunden.

 

Oder eben nicht.

*

Der bürgernahe Beamte packt mich plötzlich grob am Arm und stiert mich an mit rasant aufflackernden Hassaugen. Die Brünette rast mit ihrem Motrorroller in die Blonde, die wie eine Puppe durch die Luft gewirbelt wird und knallt von hinten dem bürgernahen Beamten in den Rücken. Sein Rückgrad knackst durch wie ein Golgathakreuz aus Streichhölzern und dann erfasst auch mich der Motorroller.

*

Kurz verstehe ich endlich ganz und gar, wie das mit Bob Dylans Motorradunfall war, und warum er danach noch fast ein Jahrzehnt brauchte, um Christ zu werden, obwohl er schon wiedergeboren war. Ich vergebe ihm alles, was ich je schlechtes über ihn gedacht habe. Die Unsinnigkeit dieses Gedankengangs levelt mich über die Wolken.

*

Dann sitze ich plötzlich auf einem weißen Pferd hinter Cat Stevens, der aussieht wie Yusuf Islam, und eine kleine Katze schmiegt sich vertrauensvoll an uns. "Josef ist die schönste Geschichte aus dem Alten Testament, nicht wahr?" ,fragt Yusuf. "Ja.", sage ich. Sie hat fürchterliche Momente, aber sie geht gut aus." Und eine warme, volltönende Stimme sagt vom Himmel über uns: "Gott sei Dank hast du ihn gerettet, Bruder Cat! Er muss das mal verstehen, das eine Kreuzigung und all diese Gewaltsachen mindestens drei Nummern zu groß für ihn sind. Ich hab dich doch lieb, Mensch!" Und ich sehe Bob Dylans weinendes Gesicht, das mich ansieht, wie einen Heimgekehrten. Ich weiß, seine Fans feiern es immer ab, wenn er auf der Bühne mal lacht. Aber, und das wird mir nun klar... weinen hat man ihn noch deutlich seltener gesehen. 

*

Liebe. Gnade. Becky Thatcher. Becky. Nicht Maggie.

***

 

 

Patrick Rabe, 18. November 2019, Hamburg.

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