Patrick Rabe

Das Salz

 

Der Christ, er salzt Suppen,

der Jude salzt Feinde,

zu viel in die Wunde

macht dir keine Freunde.

 Der Redner, der klug ist,

nutzt es körnchenweise,

die Hausfrau, der Wand'rer

nimmt's mit auf die Reise.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

Sie geraten in Panik,

"Holt ihm einen Südwester!"

"Bald sinkt die Titanic!"

"Schickt zu ihm seine Schwester!"

Doch du hebst deine Hand

und zitierst aus der Schrift,

da wird Galle der Himmel

und im Sektglas ist Gift.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

Eine Frau naht sich zu dir,

legt den Arm um dich, küsst.

und du lachst, weil sie mutig

und so ohne Scham ist,

und sie holt dich zurück

in den tödlichen Tanz,

Magdalena wirft weinend

in die Wellen den Kranz.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

"Es ist die Frag' die du stelltest,

hab zu oft sie gehört,

dein "Rabbuni, bist du's?"

hat schon Ehen zerstört.

Ich bin, der ich bin,

reicht das nicht irgendwann?

Wenn der Glanz matter wird,

rennst du zum nächsten Mann."

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

 

Da schreit sie und weint

und will in die Flut springen,

da ist ihr, als ob tausend Engelein singen.

Und der selbe, der strafte,

hält sie bei der Hand

und führt sie in Stille ins gelobete Land.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh uns gnädig zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

Und im Unterdeck sitzen

bei Poker und Wein

Bob, Leonard,  Paul

und der Heilgenschein,

der als heiliger Schein

die Getränke bezahlt

auf den anderen Decks

und mit Farbe noch malt.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben...

und siehst einfach zu.

 

Ob das Schiff schon gesunken,

weiß keiner genau,

jeder fragt sich jedoch:

"Ging er mit jener Frau,

die das Unheil verheißt,

weil sie zu stürmisch tanzt,

oder ging er mit der,

die ihm brachte den Kranz?"

 

Und die Wellen sie branden

und der Steuermann steht

wieder nackt im Südwester,

steuert, wo nichts mehr geht,

mancher fragt, wer den schützenden

Mantel ihm gab.

Es war die aus Samarien,

der er traut, selbst im Grab.

 

So jedenfalls künden es Mythos und Sagen,

doch wie's wirklich war?

Müsst im Unterdeck fragen.

Halb tot war schon jener

und fast ohne Verstand,

zitternd hielt der Samarier die liebe Hand,

die ihn einmal erwählt, als er war eine Frau,

und die Wasser ihm gab, und ihn nicht ausschalt "Sau!"

Aber dennoch spürt er ganz genau, was geschieht:

Dieser, der hier krank liegt, kam für jenen Levit,

der schon damals vorbei ging,

ihn nicht wiedererkannt,

obwohl er sein Gesetz schrieb

und ihm gab auch sein Land.

Und sein Herz, das noch bebt,

kam für jenen, der hart

an dem Fremden vorbeigeht,

Bild aus Eis nur bewahrt.

Kann der liebe Samarier sich überwinden?

Ohne Eifersucht ihm seine Wunden verbinden?

Erkennen, dass der, den er oft schon gehasst,

glaubt, dass die Samarierin besser ihm passt,

und er besser mit ihr träte zum Brautaltar?

"Es stimmt doch nicht!" ruft sie, "Dich quält hier ein Mahr!"

Und es flüstert der Kranke: "Lasst den Levi doch durch,

eh es für ihn zu spät, und umzäunt seine Burg."

Doch man gab ihm Gift und ein Zimmer voll Wanzen,

da sah er Levit und Samarierin tanzen,

mal trug sie 'nen Schleier und mal ein Gewehr,

aber immer 'nen Bart, und die Hand, sie war leer.

Der Kranke kann niemals enthüllen, wie's war,

er war zu zerschlagen, und selbst noch dort in Gefahr,

zu benebelt vom Gift, zu sehr halluzinierend,

um die Freundin zu scheiden von der Giftspinne gierend.

Er würd' sagen, Samarien hat die bessere Show,

Sufis dreh'n sich wie Derwische, Wellness macht froh,

doch das was ihn herausholte, zwischen Wolf und Hyäne,,

war des frommen Leviten still vergossene Träne.

Und er fürchtet für ihn, schließt ihn in sein Gebet ein,

bittet, es möge für ihn auch noch nicht zu spät sein,

und es ringen das Tavor und das LSD

auf der Kommandobrücke

und draußen fällt Schnee.

Der Verwundete hofft den Levit wohl bewahrt,

fern von Galle und Gift, das die Sinne ihm narrt,

wünscht ihn glücklich und froh und aus jeder Gefahr,

und die Gewissheit, dass jene Träne es war,

die ihn netzte so salzig und überwand jedes Gift,

dass man sich an dem Orte des Heils liebend trifft.

Doch gelebt hat man mit samaritischen Frau'n,

hofft, als letzer, noch Gnade und Liebe zu schau'n.

Hofft trotz Kenntnis der Schrift auf ein Glück himmelwärts,

Weihnachten steht vor der Tür,

 herz ein liebendes Herz!

*

Und er hebt seinen Kopf, als sie schon ist gegangen,

wieder nüchtern im Dunkel, und kein Licht zu erlangen.

"Oh, Herzensschatz, sag bitte, du bist nicht tot!

Mich quälte ein Gift, dass sie gaben, um Not

mir zu lindern, doch es war gepanscht,

mit Süße vermengt, Galle drunter gemanscht,

dass ich nichts mehr erkenne, deinen Wert niedrig schätze,

und dein treues Gesicht gegen Gottes ersetze,

das mal so und mal so und mal so ausseh'n kann,

egal, was sie sagen: Du warst Frau, und ich Mann!

Und Samarier waren wir beide, nicht Juden,

roten Haars wie die Iren, Chaos in unseren Buden.

Unsere Liebe war größer als die Worte dazu.

Mein Name ist Patrick und Roxana warst du!"

 

Und er hört ein Echo, und es ist mehr als das,

er hält wieder fest an vergangenem Glas.

Ihre Stimme scheint abermals zu ihm zu sprechen,

Tote ruhen zu lassen ist die Warnung von Bächen,

die schon blubbern und Modriges aufsteigen lassen,

doch in Krise und Angst muss er wieder sie fassen.

Und er redet mit ihr, als sei sie noch am Leben,

Ein Abhörgerät dokumentiert es eben.

Er lässt scheinbar sie nun aus seinem Mund sprechen,

bricht Gesetze von Logik, auch die Schrift tut er brechen.

Doch Geheimdienst, Esoteriker und Psychologen

checken eifrig, ob es simuliert und gelogen,

ob es Krankheit und Wahn, ob es Jenseitskontakt,

er liegt dort und stammelt, jeder Hinsicht nach nackt.

 

Und sie scheint zu sprechen und es aus ihm zu sagen:

 

"Auch ich hatte Sehnsucht nach Gott, viele Fragen.

Doch wenn schon das erste Wort giftig vermittelt,

das man von Gott hört, wird man wie er gedrittelt,

glaubt das Kreuz, glaubt die Schläge, glaubt die Strenge, die Not,

aber niemals die Gnade, den Sieg über den Tod."

 

Und alles scheint eines im Nachtfieberwahn,

Ärzte, Kranke, Gesunde auf dem sinkenden Kahn,

Religionen geh'n unter, und die Weltreiche beben,

Babylon hebt den Becher, Gifte quälen das Leben,

doch sein Geist hält dran fest, sein Mund sagt abermals:
Lasst ihn aus dem Arrest, in der Träne war Salz!"

Und der weinende Sufi und der treue Chinese,

was partout nicht hineinpasst, wird zur Prüfung der Lese

des Weins der gekeltert wird, eh er getrunken,

Bitt'res heilt nur die Liebe, was wie Galle gestunken,

trinkt niemand, der schon mal Galle gekostet,

nur, was oben froh macht, das wird unten gemostet.

Drum mach deine Seele für das kranke Herz weich,

und halt es in Liebe, an 'nem friedlichen Teich.

Der Geist ist zerbrechlich, so zart, wie eine Taube,

er ist nicht nebensächlich, in ihm wurzelt der Glaube.

 

 

 

***

 

Und tosen die Wellen,

ruft keiner "Juchu!",

keiner nennt SEINEN Namen, keiner glaubt, er sieht zu.

Und im Unterdeck pokern sie

ums letzte Salz,

ohne Mantel und Schuh,

aber mit Gänseschmalz.

Und das Meer, es ist salzig,

und Salz ist auch im Wind,

und du stehst im Südwester,

freust dich so, wie ein Kind.

Gott ist immer die Fülle,

wer nach draußen sich traut,

wird nie glauben, dass weniger wird,

worauf alles gebaut.

Doch fragst du, warum das Meer salzhaltig ist?

Es sind die Striemen von Jahwe und die Tränen von Christ.

 

***

 

Und sie bietet den Kranz

stets aufs neue dir an,

keine Dornen sind dran,

bist ihr einziger Mann.

Es sind deine Tränen,

woran sie dich erkannt

und die Güte, mit der du sie rührtest,

die Hand, mit der du schützend sie führtest

über Wellen der Not ins gelobete Land.

 

 

*

 

 

© by Patrick Rabe, 6. Dezember 2019, Hamburg.

In diesem Gedicht klingt vieles an. Die Überfahrt der jüdischen Flüchtlinge aus Nazideutschland nach Amerika, die gegenwärtige Lage der Welt, der grundsätzliche Zweifel an einem Gott, der scheinbar nicht eingreift und die ganz unterschiedlichen Arten, wie wir dennoch für ihn und sein Wunder empfänglich sein können, selbst in der tiefsten Nacht. Gesegnete Adventszeit wünscht euch Patrick Rabe

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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