Inge Offermann

Botanischer Herbst

Rotgrün das Weinlaub am Eingangstor
des botanischen Gartens der Universität.
Noch grünt die Hasel, doch ihre Nüsse
wurden schon längst geerntet oder
fahren vereinzelt im Gras herum.
Unterm burgunderlaubigen Blumenhartriegel
finden sich fliederfarbene Flämmchen
der Herbstzeitlosen, letzte Sonnen
von Löwenzahn und Habichtskraut
sowie Gänseblümchensterne.

An der Institutsmauer stehen Schachtelhalme Spalier,
umwedelt von breitblättrigen, paarfiedrigen Farnen.
Eine Amsel wechselt von karminroten Pfaffenhütchen
zu gelbgrünen Milchorangen unterm Osagedorn.
An die rostnadelige Wasserzeder kuscheln sich
rosa Alpenveilchen und zartlila Zimbelkraut.
Sonnenröschen strahlen hellgelbes Leinkraut an.
Taglichtnelken schwingen ihre weißen Röckchen
über Glockenblumenkissen, und Graukresse
winkt Wegerich und Doppelsame mit ihrem Schleier.

Unter Kermeseiche, Stechpalme und Kiefer
kriecht Efeu zwischen Portulak über den Boden.
Eine zitronenfarbene Spritzgurkenblüte
grinst apfelsinengelbe Ackerringelblumen an,
und ein Stechapfel wiegt sich in weißlila Eitelkeit.
Wilde Trauben lehnen sich an buntes Weinlaub,
darunter grüßen violette Oktoberbrunellen.

Die hochhalmige Herbstwiese wartet noch
mit Blütenreichtum von hellen Feinstrahlastern,
wolkenblauen Wegwarten, fliederroten Flockenblumen
gelbem Rainfarn und hohen Goldruten zwischen Kletten,
Rosenmalven, Bärlauch und Schafgarbe auf.
Wiesenstorchschnabel blaut neben Fransenenzian,
und der Natternkopf glüht in tiefem Azur.

Unter buschiger Mispel fühlen sich
Reiherschnabel und Taubnessel rosarot wohl,
auch der Ehrenpreis lässt sich
in Gesellschaft der Vogelmiere blicken.
Blasslila Knautie und gelber Sauerklee
wollen noch nicht ihr Sommerquartier aufgeben.
Nachtkerzen flackern weiter für Falter,
Lampionblumen sind für den Herbst entbrannt.

Im Feld nebenan glost ein feuerfarbener Kürbis,
noch hängen reife Maiskolben an trockenen Stängeln,
die Kamille säumt mit Rotklee den schmalen Wegrain,
der sich zu Blumenbeeten mit kobaltblauem
chinesischem Eisenhut und Steinsamen,
gelbbraunen Chrysanthemen, hellrotem Tabak
und späten rosa Bohnenblüten öffnet.

In Wasserbecken ruhen die Goldteller
verblühter Seerosen über spiegelndem Grund,
am kiesigen Rande schauen einen Stiefmütterchen
treuherzig mit gelbvioletten Gesichtern an.
Rohrkolben bilden eine stramme Reihe,
wie Wachsoldaten in Ockeruniform.

Herbst kleidet den Garten in ein Farbengewand
mit Glanztropfen in vormittäglicher Silbersonne.
Diese Idylle entfernt einen von der nahen Stadt,
hüllt ein in den zartgoldenen Schleier
der Einheit mit Natur und Jahreszeit.

© Inge Offermann

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Inge Offermann).
Der Beitrag wurde von Inge Offermann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.12.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Du brauchst nicht Tischler lernen um ne Yacht zu bauen von Jan van Oosterbeek



Der authentische Bericht über den erfolgreich abgeschlossenen Bau einer Ferrocement Yacht von Laienhand.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Natur" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Inge Offermann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Perlengarten von Inge Offermann (Natur)
Das Licht allen Lebens von Karl-Heinz Fricke (Natur)
Erwachende Natur von Margit Farwig (Natur)