Aleksandar Gievski
Hört die Schneeflocken fallen
In einem Kämmerlein unterm Dach,
saß der Herr von Göhr noch wach
und wartete auf die ersten Schneeflocken.
Denn, er hörte ihnen gerne zu, wie sie flogen.
Wenn der erste Schwung dann kam,
füllte sich sein Herz mit Elan.
Dann sprang er vom dem Stuhle auf,
rannte zum Fenster und schlug drauf.
Glück verzerrte sein Gesicht,
er maß dem Treiben fiel Gewicht.
Wild vor Freude klatschte er in die Hand,
auf das was folgen sollte war er gespannt.
Schnell beruhigt sah er zum Giebel hinauf,
dort fiel ihm ein Tropfen auf,
welcher fast zu glänzen schien.
So sagte er: „Ab jetzt - mach hin.“
Täglich nahm er sich die Zeit,
bald wäre es soweit,
den Dachboden aufzusuchen
und mit seinem Geschenk andere Leute zu besuchen.
Als es soweit war,
zog er sich an und kämmte sich sein Haar.
Machte sich bereit,
nur noch die Stiefel vom Dreck befreit.
Mit einem Ledertuch in der Hand,
ging er Stufe für Stufe ganz galant,
zum Dachboden hinauf in seine Kammer.
Er öffnete das Fenster und dort hang er.
Der Eiszapfen, so lang wie ein Speer und so dick wie ein Stamm.
Herr von Göhr beugte sich aus dem Fenster und nahm
sich sein Geschenk und wickelte es ein.
Seine Gedanken schrien, du bist mein, du bist mein!
Draußen, unter dem freien Himmel,
hörte er eine Klingel.
Es kam von den Wolken ganz oben,
die sich in Richtung Osten schoben.
Hypnotisiert von dem Geräusch, ging er dem nach,
bis zu einem Park, dann brach
es ab. Und Stimmen nahmen dessen Platz ein
und führten ihn herein.
Die Stimme brachte ihn zu einem Versteck,
zwischen zwei Büschen und einem Haufen Dreck.
Dort packte er den Speer aus,
setzte sich und war still wie eine Maus.
Die Nacht brach ein und es wurde ihm kalt,
in der Hocke verlor er oft den Halt.
Seine Beine schliefen schon fest.
Und Schmerz durchzog den Rest
seines Körpers, durch das nicht bewegen.
Wenn es jetzt vorbei sein könnte, wäre dies für ihn ein Segen.
Mit festem Griff umklammerte er das Eis,
loslassen um keinen Preis.
Er würde warten, bis zur Bewusstlosigkeit,
für ihn galt nur seine geistige Freiheit.
Es musste passieren, in dieser Nacht,
das Schicksal hatte ihn dorthin gebracht.
Und als die Not am größten war, Blase hin Blase her,
„dann lass ich´s laufen, bitte sehr.“
Hörte er endlich Schritte,
die zu ihm riefen: Bitte, bitte.
Mit Wucht und Speer voraus,
sprang er aus dem Busch heraus.
Doch sein verkrampfter Körper war nicht sehr gewandt,
die Spitze des Speeres streifte nur des Anderen Gewand.
Herr von Göhr flog in hohem Bogen,
Kopf voraus auf den gefrorenen Boden.
Dabei musste er mit seinen Händen,
den unaufhaltsamen Fall bremsen.
Und der Eiszapfen zerbrach,
für ihn seine größte Schmach.
Der andere war nur erschrocken
und ging einfach weiter, ohne ein Zucken.
Am Boden zerstört, blieb der Herr von Göhr noch liegen.
Das war der Beweis, man kann nicht immer siegen.
Überkam ihn Frust und Trauer?
Nein, er war einfach nur sauer.
Er rappelte sich wieder auf und sah nach unten,
wo die Scherben lagen und Blut von seinen Wunden.
Eine zerstörerische Wut war drauf und dran
die Oberhand in seinem Geist zu übernehmen.
Er ging aus dem Park und ließ seine Gedanken spielen.
Was war der Grund für sein Versagen?
Es klappte doch über all diese Jahre.
„Was war der Grund?“, war seine Frage.
Die Stimmen in seinem Kopf überkreuzten sich,
ein Durcheinander, welches nicht wich.
Er hörte alles
Und auch nichts.
Dann, stand er vor einer großen hölzernen Tür.
Die Geräusche und Stimmen waren verschwunden und für
Einen Moment verspürte er Reue,
und versprach Gott seine ewige Treue.
Aus der tiefen Ruhe in seinem Kopf, flüsterte ihm eine Frauenstimme:
„Da hast du doch den Grund für deine Häme.“
Er blickte nach oben und sah die Kirchturmspitze,
die Wut erzeugte in ihm eine entladene Hitze.
Ein lauter Schrei durchbrach seine Kehle
Und dabei schlug er mit voller Kraft gegen die Türe.
Im selben Moment, löste sich ein Eiszapfen von ganz oben
Und kam sehr schnell herab geflogen.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2020.
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