Aylin

Ein Kreis schließt sich

Ein Kreis schließt sich

 

Das Haus sieht genau so aus wie Mutter es beschrieben hat. In einer Reihenhaussiedlung eng an das nächste gepresst, steht die kleine Buchte seit den sechziger Jahren. Düster wirkt sie, irgendwie wie vergessen. Die alufarbenen Rolladenkästen sind angerostet, die Fenster verhängt mit Gardinenbögen, die die Scheiben fast verdecken. Auf den Fensterbänken breiten riesige Grünpflanzen ihre nackten Arme aus, als wollten sie jeden Einblick verwehren. Die Glasscheibe der Haustüre hat einen langen, senkrechten Riss.

Nina hat mit der Familie, die sie kaum kennt, etwas zu besprechen. Ihr Vater ist gestorben und da sich ihre Eltern fünf Jahre zuvor haben scheiden lassen, obliegt es nun ihr, für seine Beerdigung zu sorgen. Gerade volljährig geworden und voller Ideale, will sie Vaters Familie einbeziehen.

Ihre Mutter hat sie vorgewarnt. Das sei eine falsche Baggage. Darum hatte sie sich zunächst im Cafe im Ort mit ihnen getroffen. Die Großmutter, Mitte achtzig und noch erstaunlich fit für ihr Alter, hatte Nina begeistert in die Arme genommen, sie immerzu angesehen und gemeint, dass sie aussehe wie ihr Vater. Vaters Brüder, Jürgen und Horst, beide Anfang sechzig, partner- und kinderlos, standen auf und reichten ihr die Hand. Jürgens Händedruck war herzlich und fest. Sein jungenhaftes Lächeln, die schon schütteren grauen Haare und die Hasenscharte ließen ihn verletzlich wirken, sympathisch. Horsts Hand hingegen streifte fast an Ninas vorbei, als wollte er sich nicht fassen lassen. Horst erinnerte Nina zwar an ihren Vater, das schwarze Haar, der Schnäuzer, die Figur. Die Ausstrahlung war jedoch eine völlig andere. Horsts Blick war eindringlich, übergriffig irgendwie. Er verhieß nichts Gutes. Nina dachte daran, dass ihr Vater immer erzählt hatte, wie er als Kind Jürgen gegen Horst verteidigt hatte, weil der den Kleinen heimlich schlug.

Nina spürte eine Gänsehaut an ihren Armen emporkriechen, so wie auch ihre Mutter es vor zwanzig Jahren empfunden hatte. Als sie Horsts Blick standhielt, senkte er seinen und wich ihrem zukünftig aus.

Das war also der Bruder, um dessentwillen der Kontakt zu dieser Familie abgebrochen war. Oft hatten Ninas Eltern über den Nachmittag gesprochen, an dem ihre Mutter und Nina die Großeltern alleine besucht hatten und unerwartet Horst auch dort war.

Er hatte damals Fotos von dem Baby machen wollen. Beim Windeln. Ninas Mutter war empört und alarmiert gewesen und hatte daraufhin heimlich in seinem Zimmer spioniert. In den Schubladen fand sie unzählige Fotos von nackten Babys und Kleinkindern. Kinder beim Baden, Windeln, Spielen am Strand. Alle nackt oder spärlich bekleidet. Es waren die Kinder der Cousine aus Österreich, die er jedes Jahr mit den Eltern besuchte. Schockiert hatte Ninas Mutter von Horst den Film in der Kamera gefordert. Mit drohend erhobener Hand hatte er dies verweigert. Ninas sportliche und furchtlose Mutter jedoch entwendete ihm in einem wilden Handgemenge die Kamera und zertrat sie mit den Worten: „Meine Tochter wird nicht deine Wichsvorlage!“ . Ein Eklat war das gewesen. Ein Eklat! Für alle Zeit hatte Ninas Mutter den Kontakt untersagt und war mit dem Baby aus der Haustüre gerauscht, die sie kräftig zugeknallt hatte. Nie wieder würde sie dieses Haus betreten. Nie wieder! sollte das signalisieren. Seitdem hatte die Haustüre diesen Riss.

Das alles geht Nina durch den Kopf, als sie die Gartenpforte öffnet und auf das Haus zugeht. Sie sieht sich im Vorgarten um. Er ist ungepflegt, ein paar vereinzelte Stiefmütterchen kämpfen gegen das Unkraut im Beet an. Nina denkt an Mutters umsorgte Rosenbeete zuhause, an die vielen blühenden Stauden und Sträucher. Traurig wirkt das hier. Wie verlassen.

Sie fragt sich, wo der grüne BMW ihres Vaters geblieben ist. Letzte Woche, als sie hier vorbeigefahren ist, hat er noch vor dem Haus gestanden. Vater war da längst verstorben. Die Begrüßung verläuft freundlich, der Tisch ist gedeckt mit Kuchen und Kerzen. Doch die Stimmung scheint Nina angespannt, besonders als sie nach dem BMW fragt, der ja nun als Alleinerbin ihres Vaters ihr gehören würde. Das Sparbuch für Nina mit einer erheblichen Summe, von dem ihr Vater ihr noch auf dem Totenbett erzählt hatte, ist nicht auffindbar. Ebensowenig Vaters Laptop. Ihr Vater habe den Wagen verkauft, antwortet die Großmutter streng und bietet dabei Kuchen an. Horst blickt finster in seine Kaffeetasse. Jürgen springt spontan auf, zieht eine Schublade des Eichenschrankes auf und sagt: „Wir müssen ihr die Unterlagen…“. Horst kickt mit einem aggressiven Tritt die Schublade zu und die Großmutter ruft laut, zu laut: „Wir haben keine Unterlagen!“

Nina schweigt und beobachtet die Drei, die offensichtlich in Stress kommen. Die Großmutter zubbelt an ihrem Westenärmel, Horst knibbelt an seinem rechten Daumen. Jürgen schaut schweigend aus dem Fenster. Eine falsche Baggage, hatte Mutter gesagt. Was läuft hier? denkt Nina. Die Großmutter beginnt ablenkend zu lamentieren, wie sie das Grab gestaltet haben wolle, ein Grabstein müsse gesetzt werden, eine große Feier müsse gehalten werden. Viele würden kommen und sie wolle sich nicht blamieren vor den Leuten. Und wer soll das alles bezahlen, fragt Nina. Na WIR, schallt es ihr entgegen. Wir bekommen doch die Lebensversicherung deines Vaters!

Die Lebensversicherung hatte Ninas Vater nach der Scheidung von ihrer Mutter auf Nina umgeschrieben. Was also haben die damit zu tun? fragt Nina sich und denkt an Mutters Warnung und ihren Rat, hart zu bleiben, sich auf nichts einzulassen. Darum sagt sie nun mit fester Stimme: „ Papa hätte so einen Aufwand nicht gewollt und ich will es auch nicht. Wir werden das alles in bescheidenem Rahmen halten und ich werde die Gäste bestimmen.“ Horst schlägt mit der Faust auf den Tisch. Sein grobes Gesicht läuft rot an, er schnauft drohend. Die Großmutter kreischt, ihre Stimme überschlägt sich: „ Du kleines Aas, du bist genau wie deine Mutter!“

Nina zuckt zusammen. Worte wie ein Schlag ins Gesicht. So etwas kennt sie von zuhause nicht. Enttäuschung und Entsetzen über diese Frau, von der sie doch so umgarnt worden war, wallen in ihr auf. „ Ich nehme das mal als Kompliment,“ ruft sie zornig, greift ihre Tasche, rauscht aus dem Raum, durch den Flur und knallt die Haustüre so fest zu, dass die Scheibe aus Glas erzittert. Nie wieder will sie mit dieser falschen Baggage etwas zu tun haben. Nie wieder! Der Riss in der Scheibe springt. Klirrend fällt das splitternde Glas der Großmutter direkt vor die Füße.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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