Bernhard Pappe

Das leere Blatt - Eine Faszination


Das leere Blatt,

ich schaue es an,

ich bin ihm nicht gram,

es frustriert mich nicht.

Im Gegenteil,

es reizt mich,

es fasziniert mich.

 

Das leere Blatt,

das vor mir liegt,

ist weiß.

Natürlich könnte es farbig sein,

aber Weiß ist die bessere Option.

Jede Art Schreibgerät,

ob Bleistift, Buntstift, Kugelschreiber oder Tuschefeder,

alles passt zur Weißheit des Blattes.

Jede Farbe kommt auf ihm zu Geltung,

in jedem Strich schlummert Einmaligkeit

 

Das leere Blatt,

es macht keine Vorgaben,

es kennt keine Konventionen,

es gewährt mir seine rechteckige Freiheit,

die ich nach Herzenslust ausfüllen kann.

Buchstaben, Zahlen, Muster, eine Zeichnung,

(Ich bin kein guter Zeichner)

ein Gedicht, ein Aphorismus, der Beginn eines Romans,

Unsinn, höherer Blödsinn, ein Haiku vielleicht?

Hat meine Muse heute ihren freien Tag?

 

Das leere Blatt,

es kann auch leer bleiben.

Gefaltet wird es zu einem Flugzeug oder einem Schiff.

Ein Flugzeug für meine Gedanken,

das sich in die Lüfte erhebt.

Ein Schiff für meine Gedanken,

einfach auf einem Bach dahinsegelnd.

Ich schaue dem Flugzeug und dem Schiff nach.

Winkt da nicht meine Muse von ihnen herab?

In dem Blatt stecken ebenso Tiere.

Ein Origamimeister vermag es, sie daraus hervorzuzaubern.

 

Gelingt das alles nicht,

dann formt sich aus dem Blatt ein Ball.

Ein Symbol der Frustration, das für Fehlversuche steht.

Ist so ein Papierball nicht auch ein Spielzeug?

Der Frohsinn kehrt wieder.

Vielleicht, ja vielleicht wird der Papierball wieder entrollt,

glattgestrichen entsteht auf ihm ein Gedicht,

das von Frohsinn und Glück handelt.

Zweifellos ein schöner Gedanke,

der es wert ist, auf ein leeres Blatt geschrieben zu werden.

 

Ich schreibe dieses Gedicht auf ein leeres Blatt,

jedoch ist es nur imaginär.

Das leere Blatt, es sieht echt aus,

wenn ich es auf meinem Computerbildschirm ansehe.

Seine Bits und Bytes sind schließlich digitale Realität.

Natürlich kann ich in dieser Welt die Farben auswählen,

natürlich kann ich Muster malen, Symbole einfügen usw.

Natürlich kann ich mir das gestaltete Blatt ausdrucken,

es hernach beliebig falten oder es zu einem Ball knüllen.

Trotzdem ist das Erleben ein anderes.

 

Ich sollte wieder mehr ein einfaches weißes Blatt zur Hand nehmen,

um mit Hilfe seiner Weißheit jene Weisheit zu finden,

die jenseits der hochgelobten digitalen Welt liegt.

 

© BPa / 01-2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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