Renate Tank

DIE LOCKUNG


DIE LOCKUNG

Im Traum wurde ich einen Weg geführt.
Es sprachen Stimmen, sie machten verwirrt.

Doch konnte ich mich ihnen nicht widersetzen.
Manchmal hörte ich auch nur einzelne Wortfetzen.

Geh weiter - geh weiter,
trieb es mich an,

bis ich zu einem Walde kam.

Ich spürte, dieser war anders als gewohnt.
Als ob über ihm das Unheil thront…
Seltsame Gewächse - nie gesehen,
säumten den Weg beim Weitergehen.
Auch manchmal Gerüche,
beißend und fremd,
hatten öfter meinen Geist beengt.

Dunkel und Hell wechselten sich ab.
Manche Flächen ähnelten Gräbern.
Mein kleiner Mut sank tief hinab.
Dann umfingen mich Laute 
wie von fleißigen Webern…
Und plötzlich entstieg einem Erdhügel Dampf;
es zischte und dröhnte - wie bei einem Kampf.

Es knirschte und knackte 
- ein tiefer Spalt tat sich auf
und presste unter Wehlaut ein Gebilde herauf.

War dies „Bauwerk“ gedacht als Haus?
Auf bestimmte Weise sah es märchenhaft aus…
Bemooste Stämme uralter Bäume
gaben dem Ganzen Halt.
Dicke Äste stützten das alte Gestänge,
was da erwuchs zu einer seltsamen Gestalt. 
Zerbrechlich für’s Auge, doch robust und alt.

Fenster, geformt wie in frühen Kirchen,
waren zahlreich eingefügt.
Man glaubte, sie wären mit Zeichen versehen.
Wohl niemand mehr konnte den Sinn verstehen!
Und eine Tür, mittig, in gleicher Form,
war in massivem Holz ersichtlich.
Für welchen Besucher war sie wohl richtig?

Daneben Bänke, aus Ästen hergestellt.
Zwei rechts und zwei links, neben der Tür:
sie gehörten und passten zu dieser Welt!

Durch zwei der Fenster konnte ich fast blicken.
Braun und Grün leuchtete es von dort her.
Blattfarben, wie aus Oktober und Mai
riefen eine lockende Sehnsucht herbei…
Doch etwas machte mich vorsichtig und scheu.
Da spürte ich eine klamme Hand
- und erstarrte neu.

Verweilte wie gelähmt am Ort.
Über mir wölbte sich etwas wie ein rundes Dach.
Der riesige Pilzkopf mit bräunlichen Lamellen
hielt mein Interesse wach.
Seltsam verwandelt sah er nun aus.
Oberhalb dieses Gesamtgebildes
stellte er seine Macht heraus.

Und keinen Schritt tat ich jetzt mehr:
wer weiß, was ich erführe.
So bezähmte ich Angst und Neugier sehr.

Plötzlich schauderte mich entsetzlich.
Ein gespenstisches Licht fiel mehr und mehr
auf mich herab.
Allmählich wurden auch Schatten größer 
- bewegten sich nicht fort.
Und mein Instinkt gebot mir:
Löse dich umgehend von diesem Ort!

© Renate Tank
11.01.2020

Foto-Grundlage zum Gedicht:

Hütte Landscape Nature - Kostenloses Foto auf Pixabay

pixabay.com › de › photos › hütte-landscape-nature-landschaft-2017964

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Zwei sensible Frauen, die sensible Gedichte schreiben. Beide schürfen tief. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Beide schöpfen aus ihrem emotionalen Reichtum und ihrem souveränen Umgang mit Sprache. Dabei entfalten sie eine immer wieder überraschende Bandbreite: Manches spiegelt die Ästhetik traditioneller formaler Regeln, manches erscheint fast pointilistisch und lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und Empfindungen des Lesers. Ein ausgefeiltes Sonett findet sich neben hingetupften sprachlichen Steinchen, die, wenn sie erst in Bewegung geraten, eine ganze Lawine von Assoziationen und Gefühlen auslösen könenn. Bildschön die Kettengedichte nach japanischem Vorbild! Wer hier zunächst über Begriffe wie Oberstollen und Unterstollen stolpert, der hat anhand dieser feinsinnigen Texte mit einem Mal die Chance, eine Tür zu öffnen und - vielleicht auch mit Hilfe von Google oder Wikipedia - die filigrane Welt der Tankas und Rengas zu entdecken. Dass Stefanie Junker und Monika Wilhelm sich auch in Bildern ausdrücken können, erschließt an vielen Stellen eine zusätzliche Dimension [...]

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