Thomas Theo Emanuel Hannen

WEF - Wahrschau!


Am Rhein ist es romantischer, als
am Ufer des toten Kanals, der in meinem Stadtteil liegt.
Doch so viel romantischer ist es am Rhein gar nicht, als
am Ufer des toten Kanals, der in meinem Stadtteil liegt.
Darum, weil der Rhein eben nicht der tote Kanal ist,
der in meinem Stadtteil liegt.

Den Rhein kann man mit grossen weissen Ausflugsdampfern befahren,
vorbei am Siebengebirge, dem Rolandsbogen und dem Felsen der Loreley.
Das ist romantisch, weil man Dinge sehen kann, die es dort nie gab:
Schlafende Ungeheuer z.B., die umherirrende Nonne Rolands, aka Orlando, aka Ertoki;
und was man auch nicht wirklich sehen kann ist Deutschland.

Der Rhein entspringt in den Schweizer Alpen,
durchfliesst den Bodensee und stürmt auf der anderen Seite wieder hinaus.

Zwischen Frankreich und Deutschland gibt er vor Grenze zu sein,
zwängt sich durch die vulkanischen Reste des Eiffelschilds,
durchströmt das Ruhrgebiet und mündet als Waal zusammen mit der Schelde

in einem gewaltigen Delta in die Nordsee.
Jeder kann das in prächtigen Bildbänden mit eingeklebter DVD nachlesen.
Aber nur sehr wenige wissen, was das für ein toter Kanal ist,
der in meinem Stadtteil liegt und wie er heisst und wohin man auf ihm kommt.

Jenseits der Rheinmündung auf der anderen Seite des Ärmelkanals
geht es die Themse hinauf nach London bis zur
30 St Mary Axe
Dort steht eine gewaltige Gurke aus Glas. Unter einer Kuppel auf ihrer Spitze
singen Statistiker engelsgleich Tag und Nacht: 

Rethink, Redesign, Rebuild”

Dabei blicken sie auf das glitzernde Band der Themse und imaginieren
Formeln für die Fahrt über den Ärmelkanal,
den Rhein hinauf, vorbei an der Loreley,

über den Bodensee, den schnellen Hinterrhein,
durch die aufgewühlte Albula und das rauschenden Landwasser,
Formeln um einer der zahllosen Verästelungen zu folgen,
die sich
im weissen Nichts des Zauberbergs verlieren.

Ganz oben auf dem Gipfel angelangt, träumen sie als
"Stakeholders for a Cohesive and Sustainable World"
beim Klang eines alten Grammophons von einer besseren Welt.

Niemand aber hat jemals darüber nachgedacht, wohin man kommt,
wenn man aus dem toten Kanal hinausfährt und was das für ein Hochhaus ist,
dass jenseits des toten Kanals über d
en Dächern meines Stadtteils aufragt und
und ob es jenseits davon eine bessere Welt gibt.

Der tote Kanal lässt an nichts weiter denken.
Wer auf die zusammengetriebene Entengrütze
auf der unbewegten, dunklen Oberfläche blickt
und vielleicht den umgekippten Einkaufswagen am Ufer bemerkt,
sieht nichts weiter als zusammengetriebene Entengrütze
auf unbewegter, dunkler Oberfläche und

bemerkt den umgekippten Einkaufswagen am Ufer.

Erst gestern, auf einem Spaziergang an seinem Ufer sah ich einen Achter!
und hörte den Ruf des Steuermanns: "Wahrschau!"


 

C 2010-2020 (frei nach Fernando Pessoa "O tejo é mais belo")

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.01.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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