Patrick Rabe

Die ganze Geschichte von Michel von Lönneberga

Die ganze Geschichte von Michel von Lönneberga

und warum sie jetzt kein andermal mehr erzählt werden kann

 

Die Scheiben klirren,

die Meute stürmt herein.

"Verdammte Axt, zum Teufel,

hier muss der letzte Jude sein!"

 

Sie stoppen, denn sie sehen

einen Greis am Tische sitzen,

vor sich den Teller Erbsensuppe,

und beim bedächtig etwas schnitzen.

 

Heinz nimmt verschämt die Mütze ab;

"Wir ha'm uns wohl geirrt!"

Der Alte sagt: "Nur in der Zeit.

Doch wenn 'ne Scheibe klirrt,

 

Dann zitter ich, dann bibber ich,

dann ahne ich den Feind,

dann werde ich zu etwas,

was der Eindringling verneint."

 

Heinz ist betreten, sagt ganz sanft:

"Heinz. Hier mein Kollege Michel."

"Ich weiß es.", sagt der Alte mild,

"Der Mond ist eine Sichel."

 

"Nein, er ist voll.", wagt Michel sich,

"Sieht aus, so wie die Sonne."

Der Greis, er sieht ihn freundlich an:

"Tritt ihn nie in die Tonne."

 

"Und lass nie zu, dass jemand dich

mir vorstellt anstatt deiner,

vor deutschen Namen fürcht' ich mich,

sei's Hans, sei's Franz, sei's Heiner."

 

"Doch wenn du sprichst, erkenn ich dich

und habe keine Angst;

man sperrte in den Schuppen mich,

nur du nicht vor mir bangst.

 

Ich musste immer Männchen machen,

halt schnitzen, wie du weißt,

dabei entglitt mein Name mir,

ging draußen um als Geist.

 

So nennt ihr es, ich nenn's so nicht,

ich nenn es ein Gespenst.

Das quält dich in der heil'gen Nacht,

wenn du alleine pennst."

 

Heinz setzt dich Mütze wieder auf:

"Der Kerl ist Rumpelstilz!

So nennt man diese Judensau,

ich schieße, wenn du willst!"

 

Da steht der Alte keckernd auf,

und wedelt mit den Händen,

Heinz wirft die Waffe weg: "Mensch, lauf,

der will die Welt beenden!"

 

Doch während panisch er entflieht,

bleibt Michel ruhig stehen,

und fragt mit freundlichem Gesicht:

"Darf ich die Männchen sehen?"

 

"Weißt du", der Alte grinst verschämt,

"dein Mädchen, das ist scharf.

Wenn man so lang im Dunkeln war,

hat man Nachholbedarf."

 

Da hebt der Michel das Gewehr:

"Der Mond ist eine Sichel!

Was ich grad sagte, gilt nicht mehr,

ich bin der deutsche Michel!"

 

"Ach, Michael, ach, Michael,

mach es doch nicht nochmal.

Du siehst zu deutlich, bist nicht schnell,

du hast doch noch die Wahl!"

 

Der Michel schwankt, der Michel wankt,

"Mein Mädchen gehört mir!

Was du im Dunkeln nicht erlangt,

das ist auch jetzt nicht hier."

 

"Was kümmert dich, Herr Lönneberg,

was ich im Dunkeln treibe?

Du tobtest dich aus auf der Welt

und machtest sie zur Scheibe.

 

Ich saß hier einsam und allein

und weinte manche Träne,

kannst du nicht so verständig sein,

dass ich mich nach ihr sehne?"

 

Da heulte Michel laut und weinte.

"Genauso ging's mir auch!

Was machen wir denn jetzt mal bloß,

da draußen schwärt schon Rauch.

 

Sie wollen alle sie verbrennen

und geben ihr die Schuld,

kein Mensch will mehr den nächsten kennen,

man bellt vor Ungeduld."

 

Sa spricht der Alte rätselhaft:

"Die Mutter ist die Erde.

Das Sternbild ist der große Bär,

Hiob denkt 'Stirb und werde!'
 

Das zeigt die Welt, und mancher flieht

und sieht es als Problem,

das kommt, wenn niemand liebend sieht,

dann wird's unangenehm!"

 

Der Michel fragt: "Was siehst denn du?

Wir sind da draußen blind."

Der Alte flüstert angerührt:

"Ich seh das Jesuskind!"

 

"Es zittert in der dunklen Nacht,

und kann sich nimmer wehren,

ihr schießt auf es, als wär's ein Wolf,

doch es will euch ernähren!

Suleimon spricht ein Rätselwort
und deutet meine Zeilen,
er heißt auf jüdisch Salomo,
er wird nichts übereilen.

Er gibt nur wieder, was ich sprach
und glaubt, es zu erklären,
doch währender es niederschreibt,
sitz ich schon vor Gewehren.

So sind die Worte, die er bringt
vielleicht auch rätselhaft.
Das sind sie. Deuten euch gelingt
nur mit der Gotteskraft:

 

' Der Bär, er bleibt, die Erde auch,
die Sterne werden fallen,
wo Feuer ist, ist meistens Rauch,
Jesus gibt Gnade allen.'

Michel wird langsam leicht nervös,
"Was faselst du da, Alter?
Du weißt wohl nicht, was weht der Wind,
und wer grad sitzt am Schalter!"

 

"Du gehst mal aus, du gehst mal ein,

das macht dich uns verdächtig.

Du bist mal Abel, bist mal Kain,

mal schwach, und mal sehr mächtig."

 

"Ach, weißt du, Michel, es ist kalt,

lass uns nach draußen gehen,

Geheimnis wird zu schnell Gerücht,

sie soll'n die Wahrheit sehen."

 

Da fleht der Michel "Bitte nicht.

Sie halten mich für schwul.

Nur sie hat eine andre Sicht,

nennt's Nachtigall, nicht Uhl."

 

"Ihr habt Probleme, meiner Treu,

ihr seid zu doll verknallt,

wenn man nicht mitteilt, was man weiß,

machen sie alles kalt."

 

Es klirrt erneut, Sirene heult,

der Mond ist eine Sichel,

ein Mann schluchzt ganz und gar allein:

"Kein Heinz da, und kein Michel!

 

Ich kochte Erbsensuppe froh

und wollte sie bewirten,

da kamen sie als Römer, statt

als Könige und Hirten."

 

Voll Lust schaut er Maria an

und holt sich einen runter,

s'ist Magdalena, nur ihr Bild,

das macht ihn wieder munter.

 

Von draußen heißt es "Blasphemie!

Er lästert Gott und Luther!

Er kannte wohl die Bibel nie,

wichst auf die Gottesmutter!"

 

Muslime, Juden, Nazis, Christen,

sie schmeißen Scheiben ein.

Schnitzt man sich selbst ein Jesuskind,

wird man der Nächste sein.

 

Ein alter Mann mit der Maria,

dem Josef und dem Kind,

den sperrte man zum Schnitzen ein,

wie Väter oft so sind.

 

Er schnitzte Männchen vieler Art,

bevölkern manches Reich,

der Vater aber, er blieb hart:

"Die sind ja alle gleich!"

 

Dann schloss er mal den Schuppen zu

und öffnete nicht wieder,

dem Jungen ließ es keine Ruh,

sie sangen böse Lieder.

 

Es fielen Schüsse, Vater schrie,

und Schwester schrie und Mutter,

das steht in Kinderbüchern nie,

auch Astrid hielt zu Luther.

 

Es haben Pippi, Ronja, Karl,

ja stets den Feind besiegt,

doch wer es war, der das gewirkt,

bis heut im Dunkeln liegt.

 

Die Mutter kam, die Hure kam,

der beste Freund kam auch,

sie sahen, er bleibt weiter dran

und füllten seinen Bauch

 

mit Speisen, die ihn kräftigten

und ihm Vertrauen gaben,

und was im Sommer Spatzen sind,

das sind im Winter Raben.

 

Doch eines Tages war'n auch sie

dann ausgeblieben, fort,

es blieb nur Schmerz und Agonie,

Stahl, Wahnsinn, Hass und Mord.

 

Und draußen fiel'n Figuren um,

man fluchte roh beim Schach,

der Turm als König, bauerngleich

trug es der Dame nach.

 

Und als man schließlich wissen wollt',

ob Holzmichel noch lebt,

da war's, als ob ein Donner grollt,

man schrie: "Die Erde bebt!"

 

Ein Zeichen schien am Himmel auf,

es war der Davidstern,

von Gott als Friedenslicht gemeint,

doch keiner sah es gern.

 

Es brannten Hütten und Paläste,

und Sicherungen durch,

Good News, Fake News und Neben-News,

man stürmte Schloss und Burg.

 

Und irgendwann ging Liebe los,

zerschlissen und gering,

im Herzen ein "Wo bist du bloß?"

Im Mund ein "Ach, geling!"

 

Und während alle sicher war'n

"Der Michel schnitzt den Hitler!",

da wusste sie als einzige,

er ist nur der Vermittler.

 

Und dass im Schuppen, der schon brennt,

auch nicht mehr Michel sitzt,

nur einer, der verzweifelt ruft,

nur ruhig ist, wenn er schnitzt.

 

Doch wenn sie schaut, hält er's ihr hin,

sie sieht, was er geschaffen:

des Lebens Trost, des Lebens Sinn,

nicht lauter nackte Affen.

 

Doch nicht mal sie kennt seinen Schmerz,

sein Flehen und sein Rufen,

man sieht nur A, man sieht nur Z,

wen scher'n die Zwischenstufen?

 

Wen schert, um wieviele Figur'n

er einsam hat gerungen,

wer ahnt, wieviel, was man gelobt,

er selbst hielt für misslungen?

 

Wer hat verstanden, wenn er warf

Figuren an die Wand?

Man sagte, dass er bleiben darf,

und nahm ihm doch sein Land.

 

Ein Flittchen nannten sie sein Herz,

Hetäre seine Muse

und seine Mutter schalten sie

"Star bei Beate Uhse".

 

Er lächelt, sieht Maria an,

er hat ihr längst vergeben,

er schnitzte, was kein and'rer kann:

Figuren, die auch leben.

 

Und wenn sie denken, dass A Alpha

und Z Omega ist,

dann tröstet ihre Liebe ihn,

und die von Jesus Christ.

 

Und wenn Soldaten grob sie ziehen

am Haar zur Tür hinaus,

kommt dann ein Türkenbischoff an,

statt Schokonikolaus,

 

dann gibt's den einen, der doch sah,

und sei's nur kurz und schnell,

er stellte sich nicht selber vor,

doch er heißt Michael.

 

Er sah die heilige Familie,

das Werk des Alten Hände,

wer das sah, tötet nimmermehr,

gelungen ist's am

Ende.

 

 

© by Patrick Rabe, 3. Februar 2020, Hamburg.

 

Es war Michael Ende persönlich, den ich als Kind bei einer Lesung aus "Momo" kennen lernen durfte, der mich ermutigte, Schriftsteller zu werden. "Herr Ende", sagte ich, als ich ihm mein Jim Knopf-Buch zum signieren reichte, "Ich möchte auch Schriftsteller werden!" Er freute sich, sah mich warmherzig an und sagte: "Bleib dran. Du schaffst das schon."

 

"Er legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten."

 

(Matthäusevangelium)

 

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Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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