Tony Ettlin

Filiberts Burn-out


 

 

Hamster Filibert rannte und rannte. Das Rad drehte sich, die Menschen schenkten ihm Beachtung und lachten. Filibert fühlte sich gut, wertgeschätzt und produktiv. Er liebte das Surren des laufenden Rades und das Gefühl, im Zentrum der Welt zu sein, die sich um ihn drehte. Wenn er sich ab und zu eine Pause gönnte, um etwas zu essen oder zu schlafen, erhielt er die Bestätigung: Die Welt steht still, wenn ich nicht renne! Also hielt er seine Pausen kurz und machte sich so schnell als möglich wieder an die Arbeit. Er rannte mit langen Schritten und genoss die Wirkung, die er erzielte. Das Rad drehte sich schneller, wenn er an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit ging, es verlangsamte sich, wenn er müde wurde. Er war der Motor der Welt!

 

Eines Tages fühlte sich Filibert nicht gut. Eine seltsame Müdigkeit lähmte ihn. Er hatte die Lust am Rennen verloren. Sein Meister, der ihn immer mit bewundernden Worten unterstützt hatte und ihm mehr Futter hinstellte, je schneller er rannte, trieb ihn an:

„Komm schon Filibert! Renn! Bring das Rad wieder in Schwung!“

Doch Filibert wollte beschleunigen, doch er konnte nicht mehr. Seine Kraft liess nach und das Rennen machte keinen Sinn mehr. Er legte sich hin und nahm eine Auszeit. Das Rad stand still und Filibert fühlte sich elend und schuldig.

 

„Wenn ich nicht renne, dreht sich die Welt nicht mehr!“ sinnierte er. „Das ist das Ende. Ich werde kein Futter mehr erhalten. Die Menschen werden mich nicht mehr beachten. Mein Meister wird nicht zufrieden sein mit mir. Das Leben hat keinen Sinn mehr!“ Er versank in eine tiefe Depression. Schliesslich schlief er ein.

 

Als er aufwachte, brauchte er eine Weile bis er wusste wo er sich befand und was geschehen war. Das Wohnzimmer lag ruhig im Nachmittagslicht. Das Surren des Rades, das sonst alles übertönte, fehlte und Filibert hörte das leise Rauschen der Vorhänge, die von einem Luftzug bewegt wurden. Von draussen drang Vogelgezwitscher durch das halboffene Fenster. Ein warmer Sonnenstrahl fiel auf Filiberts Bauch. Er streckte und räkelte sich und war überrascht, dass er noch lebte. Die Welt stand still, aber er lebte! Neben seinem Kopf stand die Futterschale gefüllt mit seinen Lieblingskörnern und frischem Wasser. Er drehte sich gerade genug, dass er mit der Schnauze ein paar Körner erwischte und Wasser schlürfen konnte. Dann liess er sich wieder auf den Rücken rollen und verschränkte seine Arme über dem Bauch.

„Eigentlich gefällt mir das Leben ohne rennen ganz gut.“

Er liess seinen Blick über die Decke des Wohnraums schweifen, entdeckte die Stuckaturen und Verzierungen, die er noch nie gesehen hatte, verfolgte mit Freude das Spiel des Sonnenlichts und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass es eine Welt ausserhalb des Laufrades gibt. Sie schien auch zu existieren, wenn das Rad still stand.

 

Nach ein paar Stunden trat sein Meister an den Käfig.

„Filibert! Bist Du krank?“ fragte er besorgt. „Warum läufst Du nicht? Soll ich Dich zum Tierarzt bringen?“

Filibert schrak auf. Nein, das wollte er nicht. Lieber würde er rennen! Er rappelte sich auf und begann wieder seinen Lauf. Der Meister lobte ihn. Filibert rannte ein paar Minuten, beschleunigte das Rad, bremste wieder ab, trabte in einem lockeren Rhythmus weiter, hielt an und beobachtete, was passierte. Er entdeckte, dass er selber bestimmen konnte, wie schnell er laufen musste. Es gab eine Geschwindigkeit, um seinen Meister zufrieden zu stellen und Futter und Aufmerksamkeit zu erhalten. Es gab aber auch den genussvollen Trab oder das entspannende Schlendern. Er begann zu experimentieren. Was passierte, wenn er rückwärts lief? Wie fühlte sich eine Rolle vorwärts an? Wie lange konnte er sich vom ausschwingenden Rad schaukeln lassen? Es machte Spass und zudem erhielt er noch speziellen Applaus von seinem Meister.

Vor allem aber stellte er fest, dass die Welt nicht stillstand, wenn er sich ab und zu eine längere Pause gönnte und die Ruhe und den Blick in die Umgebung genoss. Er war nicht mehr der Motor der Welt!

Tony Ettlin, 2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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