Aylin

Denunzianten(Serie Corona)

Denunzianten (Serie Corona)

 

Mein vierjähriger Enkel steht vor der Tür. Seine Augen strahlen, und seine Ärmchen strecken sich mir entgegen. Oma, ruft er selig und ich rufe ebenso selig: Jona! Wie zwei Ertrinkende, die sich an den Strand gerettet haben, halten wir uns in den Armen. Eine Woche lang haben wir uns nicht gesehen. Sonst passen wir drei Mal pro Woche auf den Kleinen auf.

Kinder können den Virus in sich tragen, Kinder sind ein Risiko. Kinder werden jetzt als Dämonen an die Wand gemalt. Das kommt den kinderfeindlichen Deutschen gerade recht. Kinder machen Lärm und Dreck und nun sind sie auch noch gefährlich!

Die These, dass Kinder ein erhöhtes Infekt-Verbreitungs-Risiko darstellen als andere Menschen, ist wissenschaftlich ebenso unbewiesen wie alles andere auch, was wir über Corona hören und lesen. Vermutungen, Annahmen, Hypothesen- nicht mehr.

Mein Enkel geht seit Wochen nicht mehr in die Kita, trifft keine Freunde und ist meist zuhause. Warum also sollte er ein höheres Infektionsrisiko darstellen als jeder Rentner, der im Supermarkt an mir vorbei schleicht. Ohne den Abstand einzuhalten?

Meine allein erziehende Tochter hat in den letzten Wochen Homeoffice gemacht, aber nun fordert ihr Arbeitgeber die Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Ein Wohnungsnachbar, der nie Besuch von seinen Kindern erhält, murrt: Das ist verboten, dass die kommt mit dem Kleinen! Falsch, raunze ich, es ist nicht verboten in NRW, nur nicht empfohlen. Gehen Sie schnell vorbei, sonst werden Sie noch krank!

Warum hängt der verbitterte Alte so an seinem einsames Leben, wenn doch nicht mal seine Kinder mit ihm zu tun haben wollen, frage ich mich.

Ja, es ist vielleicht ein Risiko, vielleicht auch nicht, aber mit einem Schlag hört das Stechen in meinem Herzen auf, als ich den Kleinen im Arm halte. Wenn es ein Risiko wäre, dann wäre es meines. Und die Zeit, die ich noch habe, gestalte ich innerhalb der Regeln so, wie ich es für richtig halte.

Ich zeige Sie an, schimpft der Mann. Ich lächele höhnisch und denke: Armseliges Würstchen.

Mein Vater hat in punkto Risiko immer gesagt: Man kann sich auch den Finger in der Nase brechen!

Und ich füge gedanklich dazu: Vielleicht auch beim Schreiben von Anzeigen über die Nachbarn.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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