Robert Müller

Grenzen

Ein Sachse aus Dresden und ein Rheinländer aus Bremen,
ihr Alter war gleich, doch nicht ihr Benehmen.
Man konnte glauben, es wären zwei Welten,
die sich einander gegenüber stellten,
in den sechziger Jahren, an Brandenburgs Tor.
Der eine dahinter, der andre davor.

Er durfte nicht jammern, er durfte nicht klagen,
der Sachse aus Dresden, er durfte nicht sagen,
wie sehr er ihn hasste, den Mauerbau Täter,
den lispelnden Walter, den Deutschland Verräter.
Und trotz dieser Mauer, so dachten sie beide,
wir bleiben verbunden, der Tod nur uns scheide.

Die Jahre vergingen, sie arbeiteten gleich.
Der Sachse blieb arm, der Bremer ward reich.
Sie konnten sich schreiben, sie konnten sich sehn.
Getrennt von der Schranke dort stundenlang stehn.
Wie zwanzig Jahr früher, an Brandenburgs Tor.
Der eine dahinter, der andre davor.

Dann kam sie, die Wende.
Und mit ihr das Ende
der trennenden Mauer.
Und Hoffnung ersetzte bei vielen die Trauer,
darüber, dass sicherlich manches zu spät
und viele Samen vergeblich gesät.

Jetzt wollte der Sachse die Zukunft neu planen.
Nichts sollte ihn meh ans Vergangene mahnen.
Viel Freude und Reichtum, das will er jetzt teilen,
an einem gemeinsamen Glücklichsein feilen.
Nur Sonne, nur Wonne, so stellt er sich's vor.
Die andere Seite von Brandenburgs Tor.

Dann drei Jahre später, noch feilt er, der Sachse,
damit seine Zukunft nach Westen hin wachse.
Der Rheinländer aber, oft packt ihn ein Schauer,
der sieht es, der Ostblock, der liegt auf  der Lauer.
"Zu solch einer Zukunft", sagt er, mit Bedauern
"Da sehe ich lieber die Ulbrichtschen Mauern."

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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