Ralph Bruse

Sturm

 

Sturm



ln den Nachrichten wurde es gemeldet: Wirbelsturm an der
Nordsee...

Dann ist er da.
Die Sonne duckt sich hinter rabenschwarzen Wolken. Sie wird
heute wohl nicht mehr wiederkommen.
Der wütende Wind treibt haushohe Wellen vor sich her, direkt
auf das Festland zu.
Der Tag beugt sich der Finsternis.
Die brodelnde See reisst alles mit sich - tobt sich aus an grün-
satten Deichen. Ein Schäfer treibt seine Herde zur Eile an. Er
sah jenen launischen Himmel, der nichts Gutes verheißt, schon
oft - dennoch ist Handeln jetzt oberstes Gebot.
Wie ein riesiges, schwarzes Tuch deckt der Himmel das Land
binnen Minuten zu, um nach kurzer Atempause blutrot aufzu-
brechen. Nun zeigt er sein wütendes Gesicht, um allen und al-
lem seine grenzenlose Macht zu lehren.
Die Luft steht still - nur für ein paar Sekunden. Möwen fliehen
an Land und suchen Schutz in der Stadt.
Einige übermütige Menschen - sicher keine Einheimischen -
stehn breitbeinig oben, auf den Deichen, um das gefährliche
Schauspiel hautnah mitzuerleben. Die Natur gibt ein Konzert,
aber die Streicher werden Donnerschläge sein. Der Dirigent ist
ein unersättlicher, gefräßiger Taktgeber, und das wüste Ende
dieser Vorstellung wird bestimmt nicht zu Beifallsstürmen hin-
reißen.
Blitze zucken nieder, schlagen Pfeile in die See, treten am Ufer
aus, bohren sich in ein Schaf, das den Weg zurück nicht recht-
zeitig gefunden hat.
Die mutigen Leute, da oben, auf den Deichkronen, werden zu
Angsthasen. Einige nehmen sich bei den Händen und fliehen
Hals über Kopf in ihre sicheren Unterkünfte. Andere schreien
entsetzt auf, doch es passiert ihnen nichts. Noch nicht...
Stille. Tiefe, unheimliche Stille.
Nieselnder Regen fällt wie Staub schnurgerade vom drohenden
Himmel. Die Luft steht noch immer still, und die Zeit scheint
ihr zu gehorchen.
Eine Möwe mit gebrochenem Flügel hüpft landwärts, um sich
vor der anrollenden Flutwelle in Sicherheit zu bringen. Sie
schafft es nicht, bleibt zwischen Muscheln und Steinen im seich-
ten Schlick liegen. Ihr schneeweißer Kopf reckt sich empor. Nie-
mand hilft. Alles und jeder sind mit sich selbst beschäftigt.
Die Möwe ergibt sich der ungeheuren, anstürmenden Übermacht.
Draußen - ganz weit draußen, vereinen sich peitschende Winde
zur drohenden Sturmflut. Das Meer erwacht wie aus langem, zu
kurzem und schlechtem Schlaf. Es streckt die Glieder, wälzt sal-
zige Armkeulen gegen alle Grenzen und Befestigungen, bis alle
Mauern endgültig fallen.
Die erdrückende Stille ersetzt ein ohrenbetäubendes Grollen, das
wie aus unendlicher Ferne direkt hier, an den hohen Deichen, an
Land tritt. Es ist, als sei Wassergott Neptun leibhaftig aus der See
aufgetaucht, um schnürende Deiche und Betonpoller ein für alle-
mal zu zerschmettern.
Aus dem Grollen wird Donnern. Hallendes Donnern. Der Wind
frischt auf, wird immer stärker, duldet keinen Widerstand mehr.
Der Sturm bricht los.
Die Möwe im flachen Wasser starrt in die erste, totbringende Wel-
le...Ihre Aufgabe ist erfüllt. Sie hat Nachwuchs zur Welt gebracht -
hat sich bei der Suche nach Futter entkräftet den rechten Flügel ge-
brochen und ihn schließlichlich ganz eingebüßt. Nun wird sie für
eine Sekunde Unachtsamkeit mit dem Leben bezahlen müssen.
Sie wird überspült, fortgerissen, und niemand wird mehr an die
kleine, weiße Möwe denken, die ergeben ihr Schicksal erwartete.

Steine rollen ins Meer hinab. Die Deiche geben Steine als Pfand,
doch das Meer ist gierig, und holt sich mehr davon - viel mehr! -
soviele es braucht.
Der Wasserstand im Hafen zeigt acht Meter über normal an. Nur
einmal - vor dreizehn Jahren - war er höher.
Die Deiche drohen vollends zu kippen. Wer will die wildbrodeln-
den Wassermassen auch aufhalten, wenn sie in die Stadt stürmen?
Dachziegel krachen von den Dächern der Häuser. Handgroße Stei-
ne und Schutt wirbeln durch die Luft, Holzbretter und Geröll. Ir-
gendwo klirren Scheiben. Hilflose Schreie jagen umher. Der peit-
schende Wind kennt kein Erbarmen.
Die Sonne kämpft, doch schwarze Schatten aus vorbeijagenden
Wolken nehmen sie wieder gefangen. In manchen Fenstern sieht
man Gesichter von Menschen. Alte und junge. Sie blicken stumm
ins wütende Grau. Ihre Lippen zittern, die Hände falten sich zum
Gebet.
Die Sonne kämpft, brennt Löcher in schwarze Himmelseide und
züngelt zum Durchbruch. Noch immer siegt die beinah rachedurs-
tig anmutende Allmacht der tobenden See. Schiffs - und Strom-
masten knicken wie Grashalme. Noch nicht entladene Fische
wirbeln hochauf, in die Luft. Fliegende Fische...Ein schon schief
stehender Krabbenkutter kippt gänzlich um, knallt donnernd an die
Mole. Seine Besatzung kann sich gerade noch an Land retten, ehe
der Kahn zerschellt und im Hafenbecken verschwindet.
Alle Lichter in den meist strohgedeckten Häusern zittern, oder fal-
len ganz aus. Hunde heulen mit dem Wind.

Die Sonne kämpft. Mutig reisst sie taghelle Löcher in schwarze
Wolkenfetzen. Sie schafft die Wende. Golden erstrahlt ihr Sieger-
lächeln. Der prasselnde Regen lässt allmählich nach. Die Flut hat
ihre letzten Kräfte eingebüßt. Wirbelnde Winde fliehen raus, auf´s
offene Meer. Dort sammeln sie sich, um anderswo neue Angst zu
schüren. Aber hier haben sie verloren. Aus Himmelschwärze blin-
zelt zartes Blau. Die Deiche haben gehalten, doch wehe dem Tag,
der sie doch besiegt.
Die Leute halten Ausschau nach einem Regenbogen. Und werden
belohnt. Gleich zwei klettern zum Himmel rauf. Die Luft riecht
frisch. Möwen schwingen sich auf, um der zurückweichenden See
ihre hungrige Referenz zu erweisen. Das stillgewordene Meer hat
Berge aus Schlick, Schlamm, Geröll, unzähligen, gebrochenen Mu-
scheln und Seesternen zurückgelassen.
Der Tag klingt aus. Die Sonne sinkt langsam.
Winde säuseln um Land, jedes Haus, Ställe und Hafen. Tier und
Mensch atmen Ruhe.

Vorn, am Deich, sitzen schemenhaft und wie der Welt enthoben,
eine Frau und ein Mann. Die Liebenden hielten sich die ganze Zeit
lang einfach nur fest. Bis dichter Nebel aufzog und sie in graunas-
sem Mantel tröstlich zu sich holte.



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.05.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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