Ralph Bruse

Es fährt ein Schiff

Es fährt ein Schiff
  
Noch eine halbe Stunde, dann treffe ich ihn. Mein Herz pocht so laut, dass man es
bis dort  zum Yachthafen hören kann. Hier ist es menschenleer. Ich schlendere wei-
ter, an wuchtigen  Felsteinen vorbei, zum Strand. Zwei einsame Strandkörbe stehen
da, wie vergessen. Etwa  für uns?
  
Jenny zieht die Schuhe aus und spürt den lauwarmen, feuchten Sand unter ihren 
Fußsohlen.  Eine leichte Brise streicht ihr durch´s Haar und die Wolkenbilder lassen
sie in Fantasiewelten tauchen...Eine Kutsche, dahinter ein behäbiger Bär und vorne
sitzt ein kleiner Junge mit  Lockenschopf. Oder ein Mädchen vielleicht?
  
Am Strandkorb angelangt, stellt sie die Badetasche ab und die zwei Fischbrötchen,
die sie  vorne, in der Imbissbude geholt hat. Zehn Minuten noch. Von ihm ist nichts
zu sehen.  
Wird er kommen? Zum starken Herzklopfen schleicht sich noch sowas wie Lampen-
fieber  ein.
Was ist das? Da singt doch jemand, oder? „Seemann, lass das träumen“ Lolita´s Stim-
me.  Die 60er Jahre - Erfolgssängerin. Sitzt sie vielleicht dort oben in den Wolken und
will uns  zu unserem Glück ermuntern?  
Die Stimme nähert sich. Sie hört Schritte im Sand. Dort, ein großer, schlanker Mann
mit  einem Kofferradio.  Er!
Sven kommt lächelnd auf sie zu – etwas befangen. Jenny eilt ihm entgegen und um-
armt ihn  herzlich. Als sie sein leichtes Zittern bemerkt, hakt sie sich bei ihm unter  
und lacht alle Unsicherheiten in den Wind. Heiter zieht sie ihn hin, zum Strandkorb.
Dort holt er aus seinem  Rucksack die Thermoskanne mit schwarzem Tee.  
„Magst du ein Fischbrötchen mitessen?“ Jenny reicht es ihm hin.  
„ Oh danke, sehr gerne.“
Sie kauen an ihren Semmeln und schauen sich verstohlen von der  Seite an.
  

Es begann vor zwei Jahren:
Jenny wollte ihren kranken Onkel anrufen und jedesmal, wenn sie dessen Nummer 
wählte,  meldete sich ein Herr Bergmann. Zweimal entschuldigte sie sich, doch beim
dritten Versuch  gab sie es auf. Wahrscheinlich eine Störung beim Anbieter. Kurz da-
rauf läutete das Telefon  und am anderen Ende lachte Herr Bergmann.
„ Ihre Stimme klingt so sympathisch, die würde ich gern öfter hören.“  
Sie plauderten fast eine Stunde munter drauflos und wurden sich einig, dass sie diese
Bekanntschaft fortsetzen wollten. Daraus entwickelte sich eine freundschaftliche Ver-
trautheit und nach und nach schlichen sich tiefe Gefühle ein. Liebe vielleicht? Sie
kannten sich  ja nur vom Telefon.
  
Sven reicht ihr Tee und sie blicken gedankenverloren auf´s Meer. Stille. Irgendwo
kreischen Möwen und von weit her klingt fröhliches Kinderlachen. Sie lehnt sich an
seine  Schulter.  
“ Sven, ich hatte Angst, diesen Zauberbann zwischen uns zu zerstören.“  
„ Liebes, du denkst zuviel. Diese Angst hatte ich nie“. Er zieht Jenny zu sich, küsst sie
zart  auf die Stirn und streicht ihr dabei über´s zerzauste Haar. Sie fährt mit der Zun-
ge über ihre  salzigen Lippen und sucht seinen Mund zu einem Kuss. Ein starkes Gefühl
der Wärme  durchströmt ihren Körper. Begehren auch. Nach einer innigen Umarmung 
sieht sie ihm  tief in die Augen. Darin spiegelt sich die See – seine große Sehnsucht.
Sven richtet sich auf: „ Komm, wir laufen zum Leuchtturm und kühlen uns dann spä-
ter  im Wasser ab.“ Eng umschlungen, die Schuhe in der Hand, bummeln sie weiter
und bemerken nicht, daß es bereits dämmert.
  
Am Leuchtturm angekommen, küssen sie sich wieder. Setzen sich in den spröden Sand,
der noch warm vom Tag ist. Sie schweigen lange. Die Sonne sinkt am Horizont nieder,
ein Schiff kreuzt den feuerroten Lichtball. Stimmen fliegen ihnen zu. Leute winken ih-
nen aus der Ferne. Sie haben nur Blicke füreinander. Umarmen sich fest. Immer fester.
Es ist, als wollten sie in sich hinein - tief in ihren Leibern versinken, um sich auf immer
dort einzuschließen.
Der Feuerball der Sonne sinkt nur halb - nicht ganz hinab. Mittsommer. Die Nächte
sind  lau und schwaches Licht flirrt silbrig über Wellen hin. Möwen kappen die leeren 
Schnäbel, schreien nicht und ziehen landwärts, um im nahen Hafen auf Booten und an 
trocknenden Fischernetzen nach letzten Nahrungsresten zu suchen.
Sven lockert die kräftge Umarmung etwas, greift seitwärts, in den Rucksack, holt sei-
ne  Lieblings-Kassette hervor, schiebt sie in den Schlitz am Kofferradio - drückt auf
Start.  Wieder erklingt Lolita mit ihrem ´´Seemann, deine Heimat ist das Meer´´. Er
holt tief  Luft, sagt schließlich: > Ich hab auf einem dänischen Frachter als Matrose an-
geheuert,  Liebes. Warum, das weiß wohl nicht mal der ´da oben´ genau. <
Jenny schaut ihn etwas erschrocken an. Doch sie versteht und schmiegt sich wieder
an  ihn. Sie zittert leicht.
Sven zittert ebenso. Er schaut ihr tief in die Augen und dann lange auf´s stille Meer
hinaus.
Jenny sinkt hintenüber, zieht ihn mit sich. Jetzt sind sie hier, am Strand. Diese Nacht
gehört ihnen allein - nicht dem säuselnden Wind, nicht dem Meer, den Sternen, darü-
ber,  nicht den fortfahrenden Schiffen, den Seevögeln, den raschelnden Dünen, oder 
endloser  Weite. Es ist ihre Sehnsucht, die sie allein für sich stillen: mit fieberhaft su-
chenden Händen und Mündern, mit hitzigen Leibern, brennender Leidenschaft und 
kochender Lust.  
Sie lieben sich die ganze Nacht lang - begehren, verzehren einander ohne Unterlass,
weinen Tränen der Freude und solche aus Trauer, schreien ihr ungestilltes Begehren 
heraus  und streicheln einander im nächsten Moment still, zutiefst zärtlich und ver-
traut.  Bis unerbittlich der andere Morgen kommt...
  

2.
Ich warte hier auf ihn: im Rostocker Überseehafen.
Wird er kommen? ...Und dann wieder gehen?
Ich schaue rauf, zum Himmel. Beinah dasselbe Wolkenbild wie noch vor wenigen Ta-
gen: die Kutsche, der behäbige Bär...Nur das Kind in der Kutsche fehlt. Dafür zieht  
eine Schwanenschar an weißen Streifen des Himmels hin.
  
Er kommt: den großen Seemannssack geschultert. Lächelt. Aber sein Lächeln ist  
schwach und schon von Weitem sehe ich in seinen Augen feuchte Schimmer.
Plötzlich stoppt er - keine zehn Meter entfernt, wuchtet den riesigen Sack zu Boden,
blickt zuerst mich an, dann den monströsen Frachter am Kai.  
Seine Zweifel wachsen an - ich spüre es. Er setzt sich hin - hockt sich einfach neben  
den prallen Sack auf harten Beton. Schlägt die Hände zitternd vor´s Gesicht. Ich eile  
hinzu, setze mich zu ihm. Halte seine zärtlichen, großen Pranken fest, frage mit be-
bender  Stimme: > Willst du wirklich fort? <
Er kann nicht sprechen. Sucht nur nach Antworten.
  
  
Etwa eine Stunde später legt der Frachter ab, verlässt den Hafen fast lautlos.
Sven winkt ihm sehnsüchtig nach. Lässt dann die Arme fallen - von Land, vom Kai
aus.
Jenny schaut, einer plötzlichen Eingebung folgend, abermals hinauf, zum Wolken-
gebilde, dort oben. Und erkennt einen kleinen Jungen mit Lockenkopf in der Him-
mels-Kutsche.
  
Sie gehen davon.
Er schaut immer wieder zurück, zum Hafen.
  
  

(c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wenn erst ein laues Lüftchen weht,
das sich naturgemäß dann dreht
und schnelle ganz geschwind,
aus diesem Lüftchen wird ein Wind,
der schließlich dann zum Sturme wird,
und gefahren in sich birgt-
Dann steht der Mensch als Kreatur,
vor den Gewalten der Natur.
Der Mensch wird vielleicht etwas klüger,
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