Liselotte Brand-Cerny

Das neue Bild 05.07.2020

»Siehst du der Sonne Abendstrahlen?
Hol' Farbe und Pinsel, versuch es zu malen.
Ach, du triffst das ja nicht genau -
es ist zu dunkel, deines Himmels Blau,
das Rosa der Wolken könnte kräftiger sein,
und der Baum in der Nähe ist zu klein.
Hingegen ist die Sonne ein wenig zu blass,
und das Bild braucht mehr Tiefe, siehst du das?
Beim Haus da stimmt die Perspektive nicht -
und ausserdem fehlt hier zum malen das Licht!«

Meine Freundin will mich weiter 'beraten',
doch in finde, mein Bild ist gut geraten.
Ich weiss, ich bin keine Künstlerin
und mir fehlt für Gestaltung der Sinn.
Die Farben sind es, die Glück mir geben,
auf meinem Bild und im wahren Leben.
Mit Freude nehm' ich das Bild zur Hand
und hänge es auf; hier ist noch freie Wand.

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Zwei sensible Frauen, die sensible Gedichte schreiben. Beide schürfen tief. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Beide schöpfen aus ihrem emotionalen Reichtum und ihrem souveränen Umgang mit Sprache. Dabei entfalten sie eine immer wieder überraschende Bandbreite: Manches spiegelt die Ästhetik traditioneller formaler Regeln, manches erscheint fast pointilistisch und lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und Empfindungen des Lesers. Ein ausgefeiltes Sonett findet sich neben hingetupften sprachlichen Steinchen, die, wenn sie erst in Bewegung geraten, eine ganze Lawine von Assoziationen und Gefühlen auslösen könenn. Bildschön die Kettengedichte nach japanischem Vorbild! Wer hier zunächst über Begriffe wie Oberstollen und Unterstollen stolpert, der hat anhand dieser feinsinnigen Texte mit einem Mal die Chance, eine Tür zu öffnen und - vielleicht auch mit Hilfe von Google oder Wikipedia - die filigrane Welt der Tankas und Rengas zu entdecken. Dass Stefanie Junker und Monika Wilhelm sich auch in Bildern ausdrücken können, erschließt an vielen Stellen eine zusätzliche Dimension [...]

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