Inge Offermann

Nun sind die Blätter deines Lebens gefallen

Viele Jahre und Begegnungen verbanden uns:

Ein Podiumstreff, eine Kunstausstellung

mit anschließendem Kurparkbummel

und Caféhausbesuch in Baden-Baden

oder eine Autorenlesung bei einem

gemütlichen Glas Rotwein,

ein Vortrag über indianische Kulturen,

ein Geburtstagessen mit Hirschragout

im herbstlichen Stechpalmenwald,

Rundgänge durch das Ettlinger Schloss

oder eine Winterausstellung

über Karlsruher Brunnen mit

anschließendem Spaziergang

unter Silbermond und Glitzersternen.

Wie gemütlich saß es sich auf der Bank

unter gelbgrünen Ahornblüten

am Schlossgartensee, wenn Enten

sich von den Bäumen in den

rötlichen Abenddunst erhoben,

wie dufteten Veilchenkissen

besternt mit Buschwindröschen

und gelbem Scharbockskraut

unter Trauerweiden an der

langsam fließenden Alb im April.

Wie farbig säumten Tulpen, Narzissen,

Blaukissen, Hyazinthen und Stiefmütterchen

die Kreisbeete im botanischen Garten.

Unter Magnolien und Blauglockenbäumen

leuchteten Traubenhyzinthen und Tulpen

während die Scillawiese schon verblühte.

Bärlauchsterne rochen wir im Maiwald,

entdeckten Klappertopf und Knabenkraut

am Hochwasserdamm, streiften

durch Auenschilf mit Blutweiderich,

Weidenröschen, Johanniskraut,

Ziest und indischem Springkraut,

beobachteten nachmittagsversonnen

Rheinschiffe unter malerischem Wolkenhimmel,

dessen ruhiges Bild sich über den Strom spannte.

Mohn glühte auf Spätsommerfeldern,

zwischen Kamillenbüscheln umrankten

Winden hohe Maisstängel, wir sahen

Wäsche am Bergwaldrand bei Hochhäusern

unter Augustbuchen und im Halblicht

grüßten uns rosaroter Reiherschnabel

violette Waldglockenblumen und weiße

Schattenblümchen am Brennnesselrain.

Abends vesperten wir Käse und Tomaten

in deinem Elternhaus oder gönnten uns

Pizza im nahen italienischen Restaurant,

verweilten bei der Kirche am Dorfbrunnen

beim Plätschern schimmernder Tropfen.

Im Herbst wanderten wir durch Rotkleehänge

mit gelbem Habichtskraut und Hahnenfuß

sammelten Walnüsse und Fallobst

zwischen letztem Storchschnabelblau

Goldruten und Brombeeren am Hohlweg.

Wir tauschen unsere Lebenserfahrungen aus,

du hörtest mir geduldig zu, wenn ich

über Sehnsüchte, Romanzen und

Beziehungen aus meinem Alltag erzählte.

Maler waren unsere Freunde,

einer gestaltete ein nachblaues Bild

mit zartvioletten Saturnringen,

uns bei Besuchen in seiner Wohnung

über seinem buddhistischen Altar

mit Blumen und Früchten faszinierend,

oder eine Malerin, bei der wir uns

in gesprächiger Runde versammelten,

als sie uns ihre Gemälde wunderbarer

Frauengestalten präsentierte.

Beide sind dir bereits vorangegangen

ins Regenbogenland des Lichtes.

Mit der Zeit entfremdeten uns

Beruf und verschiedene Lebenswege,

deine späte Freundin schenkte

dir Rückhalt, innere Kraft und stilles Glück.

Doch immer, wenn wir an der Bushaltestelle

unter Kastanien bei Kronwicken und Johanniskraut

zusammensaßen, plauderten wir über Alltag und Kultur,

sahen die Sommerkastanien reifen und

das Laub einen warmen Goldton annehmen.

Nun sind auch die Blätter deines Lebens gefallen,

die Erde nimmt dich wieder in ihren Schoß auf,

dein Körper kehrt zur Natur zurück, der du dich

innerlich sehr verbunden fühltest, doch deine Seele

wandert den Regenbogenweg in Sternenreich.

Die hiesige Landschaft hält Erinnerungen an dich

als verständnisvollen, zuverlässigen Menschen wach

und an die zahlreichen Begegnungen vieler Jahre.
 

Für Reinhard S. zum Gedenken

© Inge Offermann

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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