Patrick Rabe

Galeeren

Galeeren

 

Wenn alles fällt, wer fällt dann nicht?

Und brennt die Welt, wer zeigt Gesicht?

Wer schützt die Jenny, wenn sie kommen,

hat man auch sie noch mitgenommen?

 

Doch nein, es steht noch an der Stell‘,

das kleine, lumpige Hotel,

in dunklen, viel zu engen Kammern

wir zwei uns aneinander klammern.

 

Kein Schiff kommt her, keins mit acht Segeln,

kein Zorro kommt, um das zu regeln,

und für gechillte Lässigkeit

sind wir nicht genug schmerzbefreit.

 

Es hallen Schüsse, dumpfe Stimmen,

es klirrt auch Glas, doch bei den Schlimmen,

keine zerbroch’nen Fensterscheiben,

nein, Gläserklingen. Und sie bleiben.

 

Denn Ehre sucht man hier vergeblich,

Honoratioren? Eher kläglich

wirft man die Preise, Orden raus,

man schmeißt sie uns direkt vors Haus.

 

„Hier, Leute, könnt euch was für kaufen.

Wir geh’n jetzt heim, uns zu besaufen,

wir werden weg sein, wenn sie kommen,

soll’n sie euch holen, euch zwei Frommen.“

 

Und Jenny sieht mich an. „Frappant.

Sie ha’m uns beide fromm genannt.

Ich glaub, wir müssen Störche braten.

Die Schiffe sind doch voll Piraten.“

 

Dann fällt ein Schuss, da fällt das Laub,

und alle werden davon taub,

und Jenny taumelt, hält mich fest,

ich taumel selbst, es tobt die Pest.

 

Ein Schiff aus Holz, es steht am Hafen.

Ein Mann steigt runter, alle schlafen.

Er ist sehr dünn und abgemagert,

doch kein Gespenst, nur schreckverhagert.

 

Er geht durch Straßen, geht durch Gassen,

und ruft: „Ich will euch wissen lassen:

Ich kam zu euch noch immer durch,

die Stadt ist keine tote Burg.

 

Doch auf dem Ozean sind Stürme,

und Wellen, hoch wie Babels Türme,

und in den Tiefen glühen Feuer,

es regen sich die Ungeheuer.

 

Ich nur allein, ich bin entkommen,

das Meer hat mich nicht angenommen.

Dank Quiqueg bebt in mir die Seel‘.

Ich lebe. Nennt mich Ismael.

 

 

Für Wolfgang Niedecken

 

 

„Und zum Laden nur flüchtig vertäut,

steh’n Galeeren schon längst unter Dampf,

die am Hafen auf Sklaven gewartet haben,

auf den Schrott aus dem ungleichen Kampf…

In der Kristallnacht.“

 

(BAP, Kristallnaach‘)


© by Patrick Rabe, 15. August 2020, Hamburg.


Anmerkungen:

Die Jenny aus diesem Gedicht bezieht sich auf die Seeräuberjenny aus dem Bertolt-Brecht-Song "Seeräuberjenny" aus der Dreigroschenoper. Der Ismael in der letzten Strophe ist die Hauptfigur aus Herman Melvilles "Moby Dick".

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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