Patrick Rabe

Auserwählt/Bepokalypse now (ein Gedichtduo)

Auserwählt

 

Er kam aus den heftigsten Handwerksvierteln

einer Bruchstadt, in deren Straßen

der Schlamm sich mit vergorener Scheiße mischte.

Jeden Tag fluchten die Leute.

Bei der Arbeit, bei Tisch und auf den Gassen.

Der Junge hatte schon früh gelernt,

sich nach innen zurückzuziehen.

 

Er war anders, konnte es nicht erklären.

Er spürte ein Leuchten in sich,

von dem er wusste, dass dieses

Fluchen und Schimpfen,

das ihn umgab,

ihn und alle anderen

verunreinigte.

 

Sein Vater,

von dem sie im Dorf sagten,

es sei gar nicht sein Vater,

hatte ihm aus der Schrift vorgelesen.

„Jedes Wort enthält Tod und Leben. Du kannst wählen.“

Das brannte in seinem Herzen wie ein Feuer.

 

Und irgendwann ging er weg.

 

Um sich diesen Ort abzuwaschen.

 

Und er ging viele Wüstenmeilen,

denn er hatte von einem Propheten gehört,

von dem alle sagten,

aus keinem käme das Wort so mächtig hervor,

wie aus ihm.

 

Und es stieg der Wasserdunst auf

von einem Fluss,

und sein Herz jubelte.

Doch als er bangen Herzens näherkam,

hörte er ihn rufen.

„Ihr Schlangenbrut! Ihr Otterngezücht!

Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt!

Und der, der nach mir kommt,

wird seine Tenne mit unauslöschlichem Feuer reinigen!“

 

Da senkte der Knabe den Kopf.

„Nein.“, dachte er.

„Das werde ich NICHT!“

 

Von da an ging alles viel zu schnell, als dass er es selber noch begreifen konnte.

 

Sie standen sich gegenüber,

und über die Wangen dieses dreißigjährigen Knaben

strömten Tränen,

die den Fluss, in dem der andere stand,

reiner wuschen, als das Wasser darin war.

Und die Schale brach von den Augen des anderen,

und er sah klar.

 

„DU kommst zu MIR?“,

fragte er.

 

Der andere lächelte ihn an.

Sie waren bereits Geschwister.

 

„Lass es nun geschehen.“,

sagte der Knabe.

„Damit erfüllen wir alle Gerechtigkeit.“

 

Und der andere,

immer noch ungläubig

ob dieser Einfachheit,

 

lachte,

 

und tauchte seinen Bruder unter.

 

Das Wasser, kristallklar, spritzte,

und sie rangelten,

wie damals

im Westen von Eden.

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 19. August 2020, Hamburg.

 

 

 

„Wenn du noch einen Konflikt mit deinem Bruder hast, so kläre ihn mit ihm auf dem Weg,

denn sonst langt ihr beim Richter an und er wird den, der den Konflikt nicht lösen konnte, in den Kerker werfen, und von ihm jeden Pfennig einzeln zurückfordern.“

 

(Gleichnis vom ungerechten Knecht aus der Bergpredigt)

 

Der „Vater“ erscheint in diesem Bibelwort noch als anonymer “Richter“, also als ein wertneutraler Vollzugsbeamter, dem es allenfalls darum geht, ein Verbrechen zu bestrafen. Zumindest sehen wir das heute so. In der Zeit Jesu, und von der jüdischen Tradition her, hatte ein „Richter“ aber auch die Aufgabe, Streite zu schlichten. Der Anspruch eines „vollmächtigen“ Richters war es eigentlich immer, dass die beiden Streithansel nach der Verhandlung versöhnt nach Hause gehen konnten. Einen so blutigen Ernst, wie es sogar unser Justizsystem, in dem es keine Todesstrafe gibt, hat, hatte die Gerichtsbarkeit im alten Judäa klassischer Weise früher nicht. Es ist nicht allzu verwunderlich, dass die Begegnung von Jesus und Johannes so stattfand, wie es im Neuen Testament beschrieben ist. Verblüffender Weise ist es eine der Geschichten, die schon in den synoptischen drei Evangelien am stärksten variieren, teilweise nur in einzelnen Worten, die aber die ganze Geschichte um so und so viel Grad drehen, und ihr eine andere Gewichtung geben. Am stärksten greift Lukas in den Originaltext ein. Bei ihm „mussten“ Jesus und Johannes Cousins sein, ich vermute, alles andere hätte der nach Versöhnung dürstende Lukas nicht ausgehalten (sein Evangelium entstand zu einer Zeit, als es für den israelischen Frieden unter Rom schon äußerst düster aussah.) Im Johannesevangelium wird die Taufszene schlicht weggelassen.

 

 

 

Jesus und Johannes der Täufer waren geistliche „Cousins“. Daher konnte das, was sich viele von diesem „Duo“ erhofften, nicht geschehen. Sie hätten geistliche „Brüder“ sein müssen. Oder eigentlich Vater und Sohn. Nur wird ein Konflikt, der so schwer wiegt, eben langsam geheilt. Das Christentum krankt aus meiner Sicht fast von seinen Anfängen an an einer „Hauruck-Erwartung“.

 

 

Bepokalypse now

(wer „A“ sagt, muss auch die Zunge zeigen)

 

I met my maker in dem Park mit den zwei Sphinxen einst,

ich fände es so irre stark, wenn du dort auch erscheinst.

Wir rauchten, und das nasse Gras gab einen andern Klang,

für mich war’s Ernst, für dich war’s Spaß, es war ein Neuanfang.

 

Wer Stipper für gefährlich hält, der weiß nicht, was sie stippen

in Kaffee, den es gibt für Geld, sie geh’n danach nicht strippen;

doch Rammstein ließen es ja weg, es war ein blanker Hohn.

„Let me see you stripped“, doch nicht mehr ganz „down to the bone“.

 

Es ist kein Vorwurf, wer wär ich, so einen zu erheben,

man rennt blind in das Schwert hinein, so läuft das Spielchen eben.

Ein Jahr zu spät im selben Park denselben Mann zu treffen,

ist vielleicht tödlich, denn der Tag hat Nächte stets zu äffen.

 

So kommt man mit verquoll’nen Augen und Zwiebelringen drunter

zur Stelle auf der Krähenwiese, wo Kiffer werden munter.

Und ich, ich steh jetzt hier für dich, und zeig dir, was ich habe:

Oh, Krähen, lasst mich nicht im Stich, der Vogel war ein Rabe.

 

 

 

„Stipper sind am gefährlichsten.“, sagte ich mal ironisch zu einem Mann, der einen total leckeren Keks in den Kaffee stippte und ihn dann völlig aufgeweicht aß. Er wollte mir sein Weltbild mit Handschlag andrehen. Ich sagte „Nein.“, schüttelte ihm aber die Hand. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich ihn ein Jahr später im Hamburger Stadtpark wiedertreffen würde. Wir lachten beide, und waren irgendwie peinlich berührt. Unsere Seelen haben wir nicht miteinander getauscht. Nur die Erfahrung, dass man manches falsch verstehen kann, und dass die Apokalypse erst kommt, wenn sie kommt. Oder auch nicht. Was das Ganze mit Dirk von Lowtzow und Tocotronic zu tun hat, erschließt sich mir selber auch nicht immer. Aber dann umso mehr. Lange in derselben Stadt zu wohnen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man aneinander vorbeigeht, ohne sich gegenseitig um eine Unterschrift zu bitten…;)

 

 

© by Patrick Rabe, 17. August 2020, Hamburg.

 

Für Tanja,

Billie,

Dirk,

den stippenden Klempner,

Richard Linklater,

das Kreuz, das man trägt,

und das Kreuz, das man macht.

 

 

Könnte man das Ganze nicht mit einem launigen Baden gehen im Hamburger Stadtparksee lösen? Wir dürfen uns echt nicht den ganzen Sommer von diesem Corona-Wahn verderben lassen.

 

 

 

 

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