Brigitte Waldner

Gedanken über das verlorene Gottschee


Ein halbes Jahrtausend lang bauten die Menschen
das Herzogtum Gottschee im Süden Sloweniens.
Sie rodeten Urwald im Karst und machten bewohnbar,
was vorher verwildert und unbewohnt war.

Rund zweihundert Dörfer mit Kirchen entstanden
mit Bauernhöfen, die sie umfassend versorgten.
Im Zentrum erblühte die Stadt, deren Kirche
mit ihren zwei Türmen bis heute die Zier ist.

Familien waren an Kindern und Söhnen reich,
die Ehre und Ruhm ihrem Land bescherten.
Es gab viele Schulen und Deutschunterricht.
Als Umgangssprache bewahrte sich auf der Sprachinsel

ein altertümlicher oberdeutscher Dialekt,
mit zunehmend slowenischem Einfluss.
Von dort wanderten junge Erwachsene aus,
bevorzugt, um Geld in Amerika zu verdienen.

Das schickten sie ihren Familien nach Hause,
daher wurde sehr früh auch Englisch gelehrt.
Obwohl sie wieder zurückkommen wollten,
verblieben doch viele in Kanada und den USA.

Nach Ende der Monarchie wurde am Gymnasium
der Gottscheer nur mehr in Slowenisch unterrichtet.
Die Slowenen bedrängten die ethnische Minderheit,
im Sinne, sie zu vertreiben oder zu slowenisieren.

Zur Zeit der Monarchie gab es kein Nationalitätenproblem,
es gab Kindertausch meist beim Kirchtag, zum Erlernen der Sprache,
die Gottscheer Kinder kamen zu Slowenen,
die slowenischen zu den Gottscheer Bauern.

Man sieht hier, erst nach der Monarchie wurde
das Nationalitätenproblem von außen hineingetragen.
Das slowenische Joch wurde zu schwer bis unerträglich
und Ängste, vernichtet zu werden, schwelten.

Die junge Gottscheer-Führung rief das Altland zu Hilfe.
Es kam wiederholt zu ethnischen Säuberungen.
Auf beiden Seiten passierte großes Leid, zur
Verbitterung der Menschen.

Das Land, das von den Ortenburgern an die Grafen
von Cilli vererbt wurde und dann an die Habsburger ging,
und 1791 zum Herzogtum erhoben wurde,
besetzten im zweiten Weltkrieg Italiener und Slowenen.

Das Gottscheer Volk, das Türkeneinfälle und Napoleon überstanden hatte,
vertrieben sie und beschlagnahmten Besitz und Geld.
Ermordet wurde, wer sich Ausweisung und Enteignung widersetzte.
Die Kirchen und ganze Orte wurden nach und nach von Slowenen zerstört.

In der Gottschee und der weiteren Umgebung bleiben durfte nur,
wer sich als Slowene fühlte und sich unterordnete.
Wer sich aber zur deutschen Kultur bekannte,
der war beim zukünftigen Jugoslawien nicht mehr erwünscht.

Die Alt-Deutschen wollten die deutsche Volksgruppe
aus ihrer schlimmen Lage in den Kriegswirren
befreien und siedelten sie um in ein anderes Gebiet,
wo sie Slowenen aus deren Häusern vertrieben,

die sie in deutsche Läger zur Zwangsarbeit brachten.
Vom dortigen Rann-Gebiet wurden die Gottscheer
von den Slowenen zur Flucht gezwungen,
wodurch die zuvor vertriebenen Slowenen ihren Besitz,

schön hergerichtet, zurückerhielten, während den
Gottscheern alles weggenommen wurde, dass sie bettelarm
in Flüchtlingslager kamen. Kinder unter zwei Jahren starben,
da sie die schlimmen hygienischen Zustände nicht überlebten.

Wer nicht nach Amerika ausgewanderte, bekam eine neue Heimat
in Kärnten und der Steiermark in einer Ortenburger-Gegend.
Ich sah öfters deren Fahne bei Beerdigungen, man erfuhr aber nichts
von deren Schicksal, nur dass sie Kriegsvertriebene waren.

© Brigitte Waldner

Anmerkung zur Sprache:

Die Sprache der Gottscheer
geht auf das Altertum zurück und enthält Wörter aus mehreren Dialekten, so dass man die Siedler zuordnen kann, dass sie aus Kärnten, Osttirol, Bayern, Schwabenland, Sachsen und einige weitere kamen und sie ist auch slowenisch beeinflusst.

Das Gottscheer Heimatlied

Dü hoscht lai oin Attain,
oin Ammain dərtsüə
dü hoscht lai oin Höimöt,
Göttscheabaschər Püə.

Avoar in dər Barəlt
gait’s Laitə gənüəkh,
döch liəbər ahoime
ischt dar Göttscheabaschə Püə

Də Göttscheabaschn Laitə
hent ollə shö güət,
shai hent ollə biə Priədrə,
shai hent ollə oin Plüət.

A rachtər Göttscheabar,
ob uərm ödər raich,
ar liəbət shain Hoimöt
grut biə’s Himmlraich.

Gött Vuətər in Himml,
biər patn guər schean,
shö luəß insch inshər Lantle
in Vridn pəschtean!

          Wilhem Tschinkl


Ich fand im Internet keine Übersetzung und habe es selber übersetzt:

Das Gottscheer Heimatlied

Du hast nur einen Vater,
eine Mutter dazu,
du hast nur eine Heimat,
Gottscheer Bub.

Draußen in der Welt
gibt es Leute genug,
doch lieber daheim
ist der Gottscheer Bub.

Die Gottscheer Leute
sind alle so gut,
sie sind alle wie Brüder,
sie sind alle ein Blut.

Ein rechter Gottscheer,
ob arm oder reich,
er liebt seine Heimat
gerade wie’s Himmelreich.

Gott Vater im Himmel,
wir beten gar schön,
so lass uns unser Ländchen
in Frieden besteh‘n.

*
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Brigitte Waldner).
Der Beitrag wurde von Brigitte Waldner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.08.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Heiter Bis Wolkig von Yvonne Habenicht



Kleine Erzählungen aus dem Alltag, wie der Titel schon sagt: Heiter bis wolkig. Ein kleines unterhaltsames Büchlein.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (3)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Vergänglichkeit" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Brigitte Waldner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Erfolg in Mathematik von Brigitte Waldner (Schule)
Herbstgesicht von Uwe Walter (Vergänglichkeit)
Trauersonett von Heino Suess (Trauriges)