Wolfgang Zacharias

Eine Verwandlung

Einst strich ich durch den Wald,
es war nicht sonderlich kalt,
ich fühlte mich gut und fit
und spürte großen Appetit.
Und außerdem, wie es bei Wölfen auch so ist,
die Lust einhergeht etwas zu jagen
für den Magen.
Mein Reich ist groß, das kommt daher, weil ich als Einzelgänger
so schön und stark und mächtig bin.
Für andere hat es keinen Sinn gegen mich zu sein,
sie würden immer wieder fürchterlich verlieren.
So probieren sie es nicht und akzeptieren
in friedlicher Koexistenz meine Grenzen.
Ganz vorsichtig auf meinem Weg
zwei Äste ich zur Seite schob.
Der Wind stand gut und unmittelbar vor mir erhob
ein lecker braunes Reh sich aus des Grases Bett.
Ich dachte mir, ganz nett die Süße anzusehen,
so gut gebaut das Hintenrum mit seinen saftigen Keulen.
Dann wand es sich, sein Blick fing meinen.
Ein Schauer bebte durch mich hindurch, ließ mich glatt erstarren.
So einen supergeilen sicheren Fang verpeilen doch nur Narren.
Blamieren werd ich mich, mein Reich verlieren,
ein armer Wolf am Bettelstab, verhöhnt, verlacht und ausgegrenzt.
Und doch, trotz hoher Pulsfrequenz,
mein Gemüt immer sanfter wurde.
Ein Zauber trug mein Herz.
Dann sprach es aus mir raus.
Und, ohne Scherz, hörte ich mich sagen:
„Du bist so schön, du zartes Ding,
was ich bisher so fing, war nur für meinen Magen.
Aber dich kann ich nur jagen, um dich zu lieben.
Du musst mir glauben, wenn meine Fänge dich bald packen
in deinem zauberhaften Nacken
werd ich dich niemals niederstrecken,
nur lecken deine Wunden gar,
weil, ich finde dich so wunderbar.“
Unsicher und deutlich verstört vernahm das Reh die Worte.
So etwas hatte es noch nie gehört
von mir, dem Wolf in diesem Wald.
Es sprach: „Wie soll ich glauben, was hier geschieht,
wo sonst du nur tötest in diesem Gebiet.
Du bist ein Macho, ein Unhold, ein Draufgänger in diesem Ort,
ich mach mich lieber fort.“
Ich heulte auf vor Liebesglut, versprach ihm tausend Dinge.
Ich würde nehmen meinen Hut, mich therapieren lassen,
in diesem Wald Beschlüsse fassen, die es verbieten,
sich gegenseitig umzunieten.
Es wirkte irgendwie und Schritt um Schritt es näher kam.
Mein Herz schlug schneller und ganz lahm in den Knien mir wurde.
Endlich stand es neben mir mit Blicken noch verwundert.
Ich konnte nur noch sagen, es sei das letzte von den Hundert,
das ich niemals verletzen werde.
So fasste es vertrauen.
Sein Huf in meinen Klauen gingen wir fort,
in einen fernen, toleranten Wald mit keinerlei Gewalt,
an einem Ort, den niemand kennt,
wo jene mal mit jenem pennt,
wo ich beschließen konnte,
ab jetzt von meinem Tisch,
gestatte ich zu speisen nur vegetarisch.
Zugleich beim Anblick meiner schönen Frau
mein Herz jedes mal vor Jagdlust beginnt zu pochen,
aber reißen werde ich sie, ehrlich und versprochen für alle Zeiten,
liebend und nett nur im Bett.

So vergingen die Jahre.
An meiner Seite das wunderbare Reh verblasste
Und langsam hasste ich den grünen Fraß.
Es gab mal dies, es gab mal das,
doch nie was Festes.
Ich wurde mürrisch, unzufrieden und krank.
Gott sei Dank bei Laune hielt mich mein Freund der Bär.
Er kam daher und brachte ab und zu mir von seinem Lachs.
Auch der Dachs war unzufrieden mit seiner Liaison.
Ich kannte ihn aus alten Zeiten,
er durfte mich sehr oft begleiten in meinem alten Revier.
Was also tun, die Glut neu zu entfachen,
mir eine andere anlachen, das Gleiche noch mal von vorn?
Wohl kaum.
Da fiel mir ein, vor ein paar Nächten hatte ich einen Traum.
Ich ging im Wald so für mich hin, etwas zu jagen war mein Sinn.
Der Wald war mir auch sehr bekannt,
in diesem Land war ich wohl einst der Herr.
Nicht lang gezögert und schnurstracks ging ich zum Dachs.
Ich sagte ihm: „ Pack deine sieben Sachen und wir machen uns davon.“
Die Gelegenheit war gut, mein altes Reh war grad zum Tee an einem anderen Ort.
So kamen wir ungesehen fort.
Wir liefen fünf Tage und fünf Nachte und haben so nebenbei so manches gekillt
und unseren Appetit gestillt.
Angekommen sagte ich dem Dachs: „ Machs gut, bis bald in diesem Wald bin ich zu Haus.“
Dann ruhte ich ein wenig aus.
Der Hunger riss mich aus dem Schlaf.
Jetzt jagen
Vielleicht ein Schaf, eine Reh, einen Hasen für meinen Magen.
Ich hob die Nase in die Luft, ein mir bekannter Duft entfachte meine Gier.
Der Wind stand gut um fünf vor vier,
ich trabte los.
Nach einer kurzen Strecke vor einem Baum stand es da.
Ich glaubte es kaum, es war wie damals,
ein kurzer Sprung, ein schneller Biss, dann war’s vorbei.
Und diesmal ohne Liebelei war ich im Rausch des Fleisches.
So wie es sich für einen Wolf gehört.
Verstört wird der, der sich selbst belügt,
sich mit Nahrung betrügt, die seiner Natur wiederspricht.
Fleisch ist des Wolfes Pläsier, mein altes Revier gehörte wieder mir.
Kerngesund mit neuer Kraft hab ich’s dann geschafft noch jemand zu betören,
nicht mit Möhren, sondern mit Keule und Rücken.
Gemeinsam gingen wir jetzt auf Jagt, der Lust nie versagt,
zusammen im Rausch der Zweisamkeit.
Wenn ich an die Vergangenheit dachte, bereute ich nie.
Die Suche und der Weg sind wichtig,
und nicht das Geschwafel von Ziel und Glück.
Sich selber finden, ehrlich zu sich selbst, sich nicht verleugnen, dann kommt der Rest allein.
Jeden Tag ein kleines Fest, das gönn ich mir,
weil Tag für Tag, den man geschafft, die Erde sich noch dreht.
Doch nun ist es spät, ich bin reichlich satt, ganz matt mein Weib sich neben mir regt.
Das Feuer, das ist zwar nicht mehr sehr groß, mein Schoß sich aber tapfer rührt.
So wird die Ehe nun mal im Alter geführt.
Wenn Gleiches sich mit Gleichem paart, bleibt Ärger meist erspart.
Ersparen kann man sich vor allem den Dienst von Therapeuten,
die für sich selbst das Meiste tun,
einem die Seele wollen enthüllen, um vor allem aber ihr Konto aufzufüllen.
Hört in euch rein, schaut wer ihr seid,
dann kann auch ein Leben zu zweit lange genügen.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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