Patrick Rabe

Buchempfehlung zu "C'est la vie" von Irene Beddies

„C’est la vie“, ein Buch mit Kurzgeschichten von Irene Beddies

 

Ich möchte heute an dieser Stelle einmal ein Buch von einer alten Freundin empfehlen, Irene Beddies. Eine sehr alte Freundin, sozusagen. Sie war bereits fast 80, als ich sie kennenlernte. Sie hatte ein langes Leben im Beruf der Lehrerin hinter sich, und hatte ihr ganzes Leben lang immer wieder künstlerische "Hobbys" gepflegt. Im Alter widmete sie sich zunächst der Malerei, und dann dem Schreiben. Ich lernte sie kennen in einem Internetforum für Literatur und wir freundeten uns privat an. Kurz vor unserem ersten Treffen verstarb ihr Mann. Und ich war damals auch immer noch in Trauer um meine Freundin Roxana, und mein Vater rang zu dieser Zeit gerade mit dem Krebs und es war kurz vor seinem Umziehen in ein Hospiz. Irene und ich waren vor und nach seinem Tod oft gemeinsam auf dem Ohlsdorfer Friedhof, dennoch spielte der Tod in unserer Freundschaft eigentlich keine Rolle. Ich glaube, wir durften beide, jeder auf seine eigene Weise, in dieser Zeit erleben, dass das Leben über den Tod triumphiert. Unsere Spaziergänge über den Ohlsdorfer Friedhof, der ein großer Parkfriedhof ist, waren Feierstunden des Lebens. Wir schlenderten dort stundenlang herum, beobachteten die Bäume und die Natur, unterhielten uns übers Leben und unsere Biographien... und vor allem über die Gedichte und Kurzgeschichten, die wir schrieben. Irene war keine nostalgische, der Vergangenheit zugewandte, alte Frau, sondern ein von Herzen lebenslustiger und der Gegenwart zugeneigter Mensch. Dies jedoch, ohne etwas verdrängen oder vergessen zu müssen. Sie hatte die seelenvolle Tiefe, die ein Mensch hat, der wirklich gelebt hat. Sie war mit ihren fast 80 Jahren immer noch neugierig aufs Leben und auf neue Erfahrungen, manchmal staunend wie ein Kind, und manchmal keck und frech wie ein Teenager. Sie konnte sich die Güte des Herzens bewahren, ohne naiv zu sein oder senil zu werden, ihr Humor war spritzig, hintergründig und pointiert, traf oft ins Schwarze, aber war in der Regel nie verletzend. Gegen Leute "schießen" konnte sie immer nur dann, wenn einer ihrer Freunde in unserem gemeinsamen Literaturforum gemobbt oder verletzt wurde. Das Leben neu zu begreifen, zu erleben und uns ihm hinzugeben, darum ging es, glaube ich, in unserer Freundschaft. In diesen Jahren erlebte ich meine erneute Hinwendung zum Glauben, was Irene skeptisch begleitete. Sie selber war der Religion gegenüber eher ablehnend eingestellt. Dennoch ließ sie sich begeistern von meiner Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Und als ich dann anfing, auch angeregt durch meine Begegnungen mit dem Sänger Jens Böttcher wieder christliche Gedichte und Songs zu schreiben, war sie schon beeindruckt. Ich glaube, sie wurde am Stärksten von meiner Übersetzung von dem Hank-Williams-Song "I saw the light" berührt, den sie sich daraufhin auch auf Youtube oft anhörte, in Hank Williams Original und in der Version von Jens Böttcher und Sarah Brendel. Sie hatte den Eindruck, ich hätte das Licht auch gesehen, wie sie mir mal sagte. Als sie ein paar Jahre später eine Krebsdiagnose bekam und spürte, dass sie die Krankheit vielleicht nicht überleben würde, begann sich ihr Schreiben zu verändern. Es wurde retrospektiver und warf hie und da auch Schlaglichter auf ihre Erfahrungen in der Nachkriegszeit. Sie starb in der Mitte des Jahres 2018 in einem Hospiz. Wie sie mir selber noch sagte, wurde ihr letztes Buch, "C'est la vie", das ich hier vorstellen und empfehlen möchte, stark durch unsere Freundschaft inspiriert und von ihr beeinflusst. In diesen Tagen heute, wo ich darin lese, gibt es mir Kraft, und ich lache oft, denke an Irenes Humor und ihr generöses Wesen, bin angerührt von der Zartheit ihrer Geschichten, von der Lebensweisheit, die darin steckt, und die sich dem wie ein geöffnetes Schatzkästlein oder eine aufblühende Rose offenbart, der sich auf diese Geschichten einlässt, und bereit ist, das Wunder des Lebens auch in scheinbar banalen Begegnungen zu entdecken, lache mich kaputt über den trockenen, für Hamburger sehr typischen Humor in ihren satirischen Sentenzen und Miniaturen, und freue mich über ihre witzigen, kriminologischen "Räuberpistolen", die ein Licht auf unsere gemeinsame Begeisterung für Agatha-Christie-Krimis werfen, und fühle mich getröstet und gesehen in ihrer Liebe zu Kindern und zum kindlichen Wesen, das immer wieder in ihren Erzählungen aufleuchtet. Gerade in diesem, ihrem letzten Buch findet eine innere Weitung zu den tieferen Geheimnissen des Lebens statt, ein Wiederentdecken der Güte des Schicksals, vielleicht auch Gottes, obwohl Irene das zu Lebzeiten sicher so nicht gesagt hätte. "Ce'st la vie" ist ein gutes Buch, um daraus Hoffnung, Kraft, Inspiration, Trost und Humor zu schöpfen und sich an der Weisheit eines gelebten Lebens zu laben und zu erfreuen. Es ist ganz sicher ein gutes Buch für die Wintermonate und kann bestimmt ein Kraftquell für Menschen sein, in der Krise, durch die wir gegenwärtig gehen. Irene wollte und feierte stets das Leben. Lassen wir uns davon anstecken, eine Kerze der Hoffnung entzünden, das innere Lachen und die innere Sonne entdecken, die uns auch die Schönheit unseres Tränenmeeres und das Wertvolle im Zerbrochenen zeigt. Das hätte sie so gewollt, und das wünsche ich mir für uns alle.

 

Patrick Rabe, 29. Oktober 2020, Hamburg.

 

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