Hanns Seydel

DIE NOTWASSERUNG (2020)


In der Höhe wohnt die Klarheit,
in der Tiefe wohnt die Wahrheit.
In der Mitte wohnt die Arbeit,
in der Ferne wohnt die Fahlheit.
Denn fahl wird Menschens Schicksal,
wenn hoch oben in der Luft
hammerhart wie Stahl
machtlos ist Vernunft.

Die Luftfahrt, den Menschen fasziniert,
seinen Freiheitsdrange noch vermehrt.
Doch sehr viel Umsicht ist geboten,
sonst kommt er herb in Nöten.
Des Himmels Wolken werden grau
und vertreiben Himmels Blau.
Die vorher weißen Wolken,
sie werden kalt und trocken.

So dunkel wie der Himme`,
so dunkel wird die Sach`.
Denn bald kommt richtig schlimme
ein grauenhafter Krach.
Das Flugzeug in höchster Höhe fliegt,
schnell und brausend kernig.
Doch bald ist seine Kraft versiegt,
ein Unheil kommet schaurig :

Der Treibstoff ist zu wenig
und geht sei`m Ende zu.
Nichts mehr dort ist feurig,
vorbei ist jede Ruh`.
Des Flugzeugs alle Triebwerk`,
unheilvoll sie werden schwächer.
Vorbei ist allergrößte Stärk`,
Tragik kommet noch und nöcher.

Pilot und Copilot erkennen schwer :
Es hätt` getankt werd` noch viel mehr.
"Was tun" sprach Zeus und hier ?
Ein` wirksam` Lösung, die muss her !
So reduzieren sie das Tempo,
trotzdem ist der Sinkflug roh.
Die Passagiere sind erregt am Zittern
und nur noch grauenhaft am Wimmern.

Viele sind am Beten :
"Herrgott, gib hier Segen,
sonst sind wir all` verloren,
fürs Glück sind wir geboren."
Und jeder Einzelne denkt :
Wie wird diese Sach` gelenkt ?
Werd` ich überleben,
muss ich untergehen ?

Das Flugzeug ist am Stürzen,
drastisch derb, das Triebwerk streikt.
Panik ergreifet alle Herzen,
jede Hoffnung, sie ist nur gebeugt.
Unheilschwanger, ultraschrecklich,
megaschlimm, es rast hinab,
bevor es gehet in die Brüch`,
das Flugzeug in sein nasses Grab.

Das Flugzeug krachet krass aufs Meer,
das Wasser spritzet hoch daher.
Riesenhaft sind dann die Wellen,
sie erheben sich, es ist ein Bellen.
Das Cockpit versinkt in Wassers Wogen,
des Flugzeugs Rumpfe raget nach oben.
Das Wasser strömt in das Flugzeug hinein,
es ist stärker als jedweder Stein.

Grausam ist der Tod im Wasser,
nichts ist noch mehr krasser.
Tief dringt Wasser in die Kehl`
mit einer grauenhaften Eil`.
Qualvoll ist das Stöhnen,
wenn zu Ende geht das Leben.
Im tiefen Wasser gibts kein` Schonung,
düster ist gestorb` da jede Hoffnung.

Dort unten, wo das Grauen, das Entsetzen
seinen allerschlimmsten Wohnsitz hat,
kann alles nur betont verletzen
und Natur, sie schreitet zu ihr` eignen Tat.
Da ist der Hai, des Meeres Hyäne,
der fletschet die blutgierig` Zähne.
Verzehren will er Menschen,
dass sein` Opfer werden Leichen.

Manche Leichen werd` an Land geschwemmt,
andre sind vom Land getrennt.
Denn das Meer verschlingt erbarmungslos
und versetzt den letzten Stoß.
Ohne jedes Mitgefühl ist die Natur,
sie waltet brandend strömend stur.
Sie kennet keinen Rückgang,
sie strebet stets zum stärksten Strang.

Es werd` geborgen viele Körper,
doch die Trauer wirket stärker.
Erinnerungen werden wach,
doch jede Freude, sie liegt brach.
Denn viel zu finster ist die Szene,
es wirkt des Schicksals Schwere.
Zwar - es gibt auch Überlebende,
doch gedacht wird stets den Sterbende`.

Jammernd sind die Hinterbliebenen
und tränenreich ihr` beiden Augen.
Ihr` lieben, lieb` Verblichenen,
sie können nie mehr schauen.
Ergriffen ist des Menschen Herz,
wenn ihn erfüllt der größte Schmerz.
Das Leben hat so manch` Gesicht,
das Leben, es schrieb dies` Gedicht !



( E N D E )
Hanns SEYDEL, 11.11.2020 - 13.11.2020
( Werk 190 )



(Ausgerechnet an meinem 1. Geburtstag, dem 16.09.1966, ereignete sich eine Notwasserung. - Hanns Seydel)



 

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