Patrick Rabe

Ich will ein schöner Reiter werden...

 

Ich will ein schöner Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist


Das Unheil kam von unten, man hat es ja wohl gewusst,

aus des Meeres blauen Tiefen, und entlud hier seinen Frust,

einer kam auf einem weißen Pferd, durch die Lande, wo er ritt,

rief er: „Ich bin euer Freund, geht nicht mit alten Männern mit!“

 

Till Lindemann wollt‘ in die Bravo, niemand schrie „Hurra!“,

es waren ja auch Dr. Sommer, Snap und Blümchen da,

da ging er in ein Stahlgewitter, schoss mit blankem Hohn,

ich mach es etwas anders, ich will in den Rolling Stone.

 

Doch tricky ist der Weg dorthin, man trifft so manchen Wicht,

der von Alt-Adolf faselt, traut manchem falschen Licht,

geht durch die falschen Türen, bekommt ein Telefon,

danach ist nicht mehr klar, wer ist jetzt Gott, wer ist sein Sohn.

 

Auf einem Baum, da saß ein Mann und sang ein altes Lied,

ein Sänger ging vorüber, fragte sich, was hier geschieht,

er ging ins Tal, sang neue Lieder, kam beglückt zurück,

da stand auf jenem Hügel eine Glühbirnenfabrik.

 

Ein Mann mit langer Nase sagte, er hieße jetzt „Name“,

das wär zur Zeit das Sicherste, verspritzt sei schon der Same.

Einer kam auf einem bleichen Pferd, durch die Lande, wo er ritt,

nahm er, was nicht niet-und nagelfest, und fast alle Namen mit.

 

Für Suzanne Vega und Jasmin Wagner

 

 

© by Patrick Rabe, 15. November 2020, Hamburg.

 

Der Satz „Ich will ein schöner Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist“, war der einzige Satz, den Kaspar Hauser sprechen konnte, als man ihn auf einem Nürnberger Marktplatz aufgriff und ihn zunächst für einen Geisteskranken hielt. Unter der Obhut des gütigen Dorflehrers Daumer lernte er jedoch schnell sprechen, und es stellte sich heraus, dass er offenbar seit seiner Kindheit in einem Kerker gefangen gehalten worden war. Kaspar war Zeit seines Lebens getrieben von der Sehnsucht nach seiner Mutter, an die er sich noch erinnerte. Bald kamen Gerüchte auf, er könnte ein vertuschter Erbprinz des Hauses Baden sein. Stephanie de Beauharnais, die einzige Überlebende der Linie der Zähringer am Hofe Baden, begann sich, für den Fall zu interessieren, und sehr mit Kaspar Hauser mitzufühlen. Bald hielten es beide für möglich, dass sie seine Mutter sein könnte. 1833 wurde Kaspar Hauser ermordet, man vermutete sehr lange Johann Heinrich David von Hennenhofer als Mörder, einen Adjutanten des Hauses Baden. Reinhard Mey besang das Schicksal Kaspar Hausers in einem zwar historisch unkorrekten, aber sehr anrührenden Lied, das vor allem das Misstrauen der Menschen gegen alles Fremde und Fremdartige anprangert. Und Suzanne Vega schuf einen großartigen Song über das, was in seiner Seele wohl vorging, namens „Wooden Horse“ (ein kleines Holzpferd, mit dem er spielte, war das einzige, was er bis zu seinem 14. Lebensjahr in dem dunklen Kerker, in dem er saß, bei sich hatte. Nur hin und wieder kam sein Kerkermeister herein und schnitt ihm Nägel und Haare. Er brachte ihm den Satz bei, den Kaspar Hauser zunächst immer wiederholte. Eine Theorie ist, dass er Kaspar irgendwann aus Mitleid freiließ und nach Nürnberg brachte.

 

Mein Song bezieht sich in freier Weise auf die Offenbarung des Johannes, das Album „The man comes around“ von Johnny Cash, eine Kurzgeschichte aus dem Buch „Tarantula“ von Bob Dylan, den Song „There’s a man going round, takin’ names“ von Leadbelly und die Szene aus dem Film „The Doors“, wo Jim Morrison Andy Warhol trifft. Der Reiter in der ersten Strophe ist ein anderer, als der Reiter in der letzten Strophe.

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.11.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lieder und Songtexte" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Dimensionen der Wandlung und der Gestank von guten Taten von Patrick Rabe (Glauben)
Schlaflied von Heideli . (Lieder und Songtexte)
Die Fragen des Herrn L. von Monika Wilhelm (Das Leben)