Patrick Rabe

Wie ich starb, als ich auf ein Inserat einging

 

In den Straßen von Basel traf ich Hitler,

der fiel mich von hinten an wie ein Geier,

trieb mich in die Nummernkonten der Schweizer Banken

und kotzte mich als Frühstück über den ganzen Platz

vor dem Teufelshof.

Rasend stieg berauschende Rheintalseifenblase

aus den Wassern des deutschen Flusses,

und der Nibelungenhort wurde zu Juwelieren

mit blitzenden Angeboten,

die mich von der Burg

über den Rhein

in die Baseler Unterstadt führten,

wo ich aus Brunnen trank,

an Automaten Kaffee soff,

und an nichts,

als an meine Liebste dachte.

„Hat irgendjemand mein Mädchen gesehen?“,

mäanderte es durch meine Haut-und Herzzellen.

Rasend stieg sie aus dem Kaffeeautomaten

 und schickte mich auf einen Trip ohne Wiederkehr.

Auf Straßen, deren Schilder unleserliche Namen hatten,

rasten gelbe Taxis über Bürgersteige

und trieben mich in Musicaltheater

aus den 40er Jahren,

bis ich einsam am Rheinrinnsal stand,

und wusste: Das Spiel ist verloren.

Da trieb mich die irre Alte mit dem Stock

vor sich her,

in die Pension St. Klara,

wo ich von ihr in einem geteilten Raum

geschlachtet wurde,

und der wahnsinnige Koch

bellend meinen Körper zu Klumpen zerhackte

und blutig in seiner Pfanne briet.

90 Minuten hielt ich es dort aus,

dann vertrieb mich der nackte Buddhismus,

und immer nackter und nackter werdend

raste ich über Straßen und bot im Morgengrauen

Bauarbeitern einen Blowjob an,

die mich an den dicken Hanswurst verkauften

für eine Monatsmiete und eine Freianmeldung in der Schweiß-Schweiz.

Immer heftiger kloppte Hitler mir von hinten auf den Kopf,

bis er mich am Basler Stadtbahnhof niederrang,

mich dazu zwang, dort 8oo Jahre als Penner zu leben,

nur in der ewigen Hoffnung auf die Erlösung durch meine Rose.

Und dann kam sie wirklich.

Schön, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Nur mit einem anderen Mann an der Hand.

Und sie lachten mich aus

und fickten mich beide auf dem Pflaster.

Erst sie, mit einem Dildo von hinten,

und dann er,

indem er mich erbarmungslos,
Hintern oben,
flach auf den geteerten Bahnhofsvorplatz drückte,
mit dem Kopf auf den Boden stieß,

und meinen Arsch mit einem Schwanz rammte,

der Kilometer lang war,

und hart wie eine Fahnenstange,

von der schwarz-weiß-rote Hakenkreuzflaggen wehten,

die sie mir auch in meinen After schoben,

bis sie mir in meinen Eingeweiden

wie riesige Mottenflügel voranflatterten.

Erbrechend fiel ich auf den Hermann-Hesse-Platz,

den es in Basel gar nicht gibt,

und schrie nach Hermine.

Da fuhr sie herab wie ein Blitz,

riss mich in der Mitte durch

und alle auf dem Baseler Marktplatz

trampelten tanzend über meine lebenden Überreste,

und die Stadt brach schwarz in sich zusammen

und wurde von der riesigen Spinne

im Schweizer Sozialnetz

aufgefressen,

die sich im schwarzen Loch

des Tannhäuser-Tores

daran erbrach,

und als ewiger Walkürenritt

Wagner-Gesäusel durchs All orgelte,

während seine Kirche

an schleimiger Wahnsinns-Scheiße kollabierte

und wie ein wächserner Kotklumpen

in sich zusammenfiel,

bevor vom sterbenden Kirchturm

noch einmal ein rußroter Hahn aufstieg,

seinen Hals reckte,

und krähte, als ginge es um sein Leben.

Und sie erinnerten sich an die Sätze aus Hamlet, die Marcellus spricht:

 

„Und mancher sagt, dass immer wenn die Jahreszeit

von der Geburt des Retters wird gefeiert,

dann singt der Morgenhahn die ganze Nacht.

Und dann, so sagen sie, wagt sich kein Geist zu streifen;

die Nächte sind einend; und dann trifft kein Komet,

und keine Elfe stiehlt, kein Hexweib kann bezaubern;

so heilig und voll Gnade ist die Zeit.“

 

 

 

© by Patrick Rabe, 4. Dezember 2020, Hamburg.

 

Das Zitat aus Shakespeares „Hamlet“ wird gesprochen von Marcellus in der ersten Szene, und wurde von mir übersetzt.

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