Patrick Rabe

Abendmahl der Engel (Ein Sonett-Terzett und ein Epilog)

 

Brot

 

Ich traf deine vielgeprüfte Wandrerseele

auf dem Weg in Sein verheiß'nes Königreich.

Uns're Herzen kannten sich sogleich,

mir drang ein Dankeslied aus meiner Kehle.

 

Du trafst meine weitgereiste Wandrerseele

im Schatten einer Todesnacht allein.

Du hattest Mitleid, wolltest bei mir sein,

der Born, der sich dem Dürstenden vermähle.

 

Zwei Engel in der Fremde, zwei Vertraute

der Krone Christi, die aus Dornen ist,

die fanden sich, und alles wurde still.

 

Was Wanderer in Wandreraug' erschaute,

war Liebe, fern von Täuschung oder List,

war Leben, das nur glücklich strahlen will.

 

*

 

Für Roxana

 




Wein

 

So trinken wir den österlichen Becher,

wie Judas schleichst du dich vom Abendmahl,

warst du auch nicht des Heilands erste Wahl,

ich denk an dich, ich werde einst dein Rächer.

 

Wir schlagen Schneisen in den frohen Tisch,

und keiner, der dort saß, wird dort noch bleiben,

das Tafelsilber wird sich rot entleiben

und furchtsam starrt der freitägliche Fisch.

 

Jetzt bist du fort, ein Engel ist geblieben,

er rammt sein Schwert ins Beet vorm Krankenhaus,

weiß sind die Pfleger, weiß die Schwestern.

 

Rot sind das Blut, der Wein von Gestern,

die Mannschaft an der Tafel fasst ein Graus,

ich werde dich für alle Zeiten lieben.

 

*

 

Gegen mitleidlose Christen



Wasser des Lebens

 

Das Brot zerbrochen, und der Leib geschunden,

das, was ich an ihr liebte, ist dahin.

Geopfert hat sie sich für seine Wunden,

wohl denkend, sie sei nicht die Königin.

 

Und dennoch, jene Kleine, die ich liebte,

bevor sie kam, war plötzlich wieder da.

Die Tränen warn’s, mit denen sie dort siebte,

wer zu mir hält. Wir war’n uns alle nah.

 

Sie hätt‘ es selber wohl nicht so begriffen,

sie sah nur meine Not, und hielt die Hand.

Und dennoch schuf sie Einheit und Vertrauen.

 

Sie ist ein kleines Mädchen; dort, wo Männer schiffen,

sah ich sie, und hab ihren Wert erkannt,

zwei Perlen sind wir, man kann auf uns bauen.

 

*

 

Für Sandra

 

***


 

Das Salz

 

Und ein Schiff fährt,

seht, wie es die Wellen durchmisst,

man weiß nicht, ob es das verheiß’ne Schiff ist,

oder nur die Titanic zum hundertsten Mal,

auf dem Deck, da stehst du, schaust in Freude und Qual.

 

Eine Frau naht sich zu dir,

legt den Arm um dich, küsst.

und du lachst, weil sie mutig

und so ohne Scham ist,

und sie holt dich zurück

in den tödlichen Tanz,

Magdalena wirft weinend

in die Wellen den Kranz.

 

Sie schreit und sie weint

und will in die Flut springen,

da ist ihr, als ob tausend Engelein singen.

Ist’s derselbe, der strafte,

der hält ihre Hand,

und sie führt in der Stille ins gelobete Land?

 

Und im Unterdeck sitzen

bei Poker und Wein

Bob, Leonard,  Paul

und der Heilgenschein,

der als heiliger Schein

die Getränke bezahlt

und auf anderen Decks

auch mit Farbe noch malt.

 

Sie geraten in Panik,

"Holt ihm einen Südwester!"

"Bald sinkt die Titanic!"

"Schickt zu ihm seine Schwester!"

Doch du hebst deine Hand

und zitierst aus der Schrift,

da wird Galle der Himmel

und im Sektglas ist Gift.

 

Und schunkeln die Wellen,

ruft einer "Juchu!",

und ein anderer "Jahwe, sieh gnädig uns zu!",

und du stehst an der Reeling

ohne Mantel und Schuh,

lässt den Sturm dich umtoben,

siehst dem Ozean zu.

 

Ob das Schiff schon gesunken,

weiß keiner genau,

jeder fragt sich jedoch:

"Ging er mit jener Frau,

die das Unheil verheißt,

weil sie zu stürmisch tanzt,

oder ging er mit der,

die ihm brachte den Kranz?"

 

Und die Wellen, sie branden

und der Steuermann steht

wieder nackt im Südwester,

steuert, wo nichts mehr geht,

mancher fragt, wer den schützenden

Mantel ihm gab.

Es war die aus Samarien,

der er traut, selbst im Grab.

 

Und das Meer, es ist salzig,

und Salz ist auch im Wind,

und du stehst im Südwester,

freust dich so, wie ein Kind.

Gott ist immer die Fülle,

wer nach draußen sich traut,

wird nie glauben, dass abnimmt,

worauf alles gebaut.

Doch fragst du, warum das Meer salzhaltig ist?

Es sind die Striemen von Jahwe und die Tränen von Christ.

 

Und Maria aus Magdala steht neben dir,

oft als Hure gescholten, und beworfen mit Bier,

und die Flaschen in Scherben lagen um euch herum,

und du sahst sie nur an,

und nach keinem dich um.

 

Und sie bietet den Kranz

stets aufs neue dir an,

keine Dornen sind dran,

bist ihr einziger Mann.

Es sind deine Tränen,

woran sie dich erkannt,

mit denen du führtest ins heilige Land.
 

***

 

Dieses Sonett-Terzett widme ich jenen schweren Tagen nach dem Suizid meiner Lebensgefährtin Roxana und jenen, die wirklich an meiner Seite waren, als es für mich unaushaltbar zu werden drohte.

 

Sandra. Sie ist für mich unvergleichlich , und der Zauber meiner Jugend, ein Stern, von vielen unterschätzt, am Kiwittsmoorbahnhof unter Säufern und Asozialen. Wir kannten uns schon, als viele uns noch nicht mal wahrnahmen. Leider sind Frauen wohl oft sichtbarer als Männer. Vor allen Dingen für sexgeile Arschlöcher, die sich im Suff nicht beherrschen können.

 

  Claudia. Sie weinte als erste mit mir, redete mit mir, und nahm mich in den Arm.

 

Ute. Sie sah mich in dem zerbrochenen Zustand nach Roxanas Tod und nahm mich mit zu sich nach Hause, kochte mir Kaffee und Tee, hörte mit mir Reinhard Mey und kümmerte sich um mich.

 

Frank. Er war genauso erschüttert wie ich, und umarmte mich fassungslos. Als wenige Tage darauf auch noch Astrid sich das Leben nahm, wussten wir beide nicht mehr weiter.

 

Sie waren da in meiner schwersten Stunde, und haben mit mir geweint.

 

Für Roxana, meine Herzensliebe, und für Astrid, die wenige Tage nach Roxana auch in den Freitod ging.

 

Und für Dr. Schmal und Herrn Fink, die auch danach noch oft mit mir um Roxana weinten.

 

Möge es ihnen allen gut gehen. Den Verstorbenen ein gutes Jenseits, und den Lebenden ein gutes Diesseits.

 

 

 

Wenn der Morgen geht, der Mittag schon nach Tränen schmeckt, wer ist das Mädchen, das mich Nachts bedeckt?

 

 

 

© by Patrick Rabe, die ersten beiden Gedichte geschrieben am13. April 2017, das dritte am 16. Dezember 2020, und den Epilog ebenfalls am 16. Dezember 2020, basierend auf einem längeren Gedicht von 2019, alle drei in Hamburg.


Auch für alle, die ich hier nicht erwähnen konnte. Es wären zu viele.

 

 

© by Patrick Rabe, 16. Dezember 2020, Hamburg.

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