Janna Ney

Gespräch mit meiner Waage

Als ich am Morgen nach dem Bad
beschwingt auf meine Waage trat,
war mir – ich könnte es beschwören -
als würde ich sie sprechen hören
und kichern: „Meine Güte, Weib,
was machst du bloß mit deinem Leib?“

Schwer ächzend fuhr sie fort: „Ach du,
du nimmst seit Jahren nur noch zu!
Einst warst du zierlich wie ein Reh,
doch jetzt tust du mir richtig weh!“
War meinen Ohren noch zu trauen?
Mir war nach Boxen und nach Hauen.

Ich trat mit Absicht volles Rohr
auf ihre Fläche. Und verlor
fast die Balance. Die Waage auch.
Sie spöttelte. „Ach ja, Dein Bauch
sah früher wohl mal bessre Tage!“
Mir riss der Faden. „Alte! Wage
es nicht, mich gar zu sehr zu reizen,
ich werde Dich sonst kalt verheizen!“

Ihr Redefluss war nicht zu stoppen.
„Wirst Du demnächst beim Kleidershoppen
noch eine Nummer größer kaufen?
Wirst fluchend durch die Läden laufen
und Dich für XXL entscheiden?“
Sie schien sich regelrecht zu weiden
an etwas Fett auf meinen Rippen.
Mein Ärger ließ mich auf ihr wippen.

Ihr Display schwankte hin und her
und plötzlich war es gänzlich leer.
Es schien mir wie beredtes Schweigen,
als wollte sie Verachtung zeigen.
Sie keuchte schwer und meinte dreist:
„Du hast zu gern und oft gespeist!“
Mir reichte es mit dieser Waage,
sie war nicht anderes als Plage.

Ich nahm sie wütend in die Hand
und warf sie an die Fliesenwand.
Und während es entsetzlich krachte,
war mir, als ob sie wieder lachte.
Sie brach in hundert kleine Teile,
doch bald, nach einer kurzen Weile,
erschien wild blinkend mein Gewicht.
Wie viele Pfund? Erzähl ich nicht.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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