Patrick Rabe

Marias Anklagelied

 

Warum wollt ihr euch opfern,

warum wollt ihr entflieh’n,

liebtet ihr einmal mich,

liebtet ihr dennoch ihn.

 

Wer mit mir zweimal pennte,

und mit anderen Frau’n,

sah das große Geheimnis

in des Frühmorgens Grau‘n.

 

Wer die Frauen verwirft,

schickt sie auch in den Krieg,

macht die Rücken gerade,

und glaubt an letzten Sieg.

 

Männer, bleich so wie Leichen

oder Puppen aus Wachs,

sie missachten die Zeichen,

und ein Riss wird ein Knacks.

 

Und sie treiben das Dunkle

angstvoll aus sich hinaus,

sitzen blutleer am Joystick,

schießen Kugeln hinaus.

 

Und die werden zu Bomben,

und die werden zu Drohnen,

und ich seh‘ auf den Sesseln

schon den Antichrist thronen.

 

Und sie schießen auf die,

die sie machten zu Schatten,

ließen sich in den Köpfen

von Brechstangen begatten.

 

Denn die Frau, die du tötest,

wird aus Angst wie ein Mann,

schlägt dich blindlings von hinten,

wenn sie nicht sehen kann.

 

Doch es war der Johannes,

der Maria verriet,

und mit Römern sie mahnte,

während Jesus man briet.

 

 

©by Patrick Rabe, 23. Januar 2021, Hamburg.

 

 

(Andreas Vierk, du musst die nachfolgenden Erläuterungen nicht lesen, wenn du nicht willst. Wenn du sie doch mal mit etwas Zeit und Muße an einem anderen Tag liest, bin ich aber auch nicht beleidigt. Das Gedicht steht für sich. Die Erläuterungen sind lediglich ein paar Hintergrundinfos. Dies soll auch nicht missverstanden werden als Epistel von J.P. Jesus an seine Jüngerinnen und Jünger, oder als Anmahnung an A aus B, ein C an sein Z zu schreiben und sich A-pfel und O-rangensaft zu kaufen …oder zu klauen, um gegen irgendwelche Gesetze zu verstoßen. Dein Gedichtband ist übrigens angekommen. Ich finde die Gedichte wunderschön, besonders „Du bist ganz eins“ im Kapitel“Jesus“.)

 

Alles darf man im Christentum mittlerweile sagen und denken. Nur eins immer noch nicht. Dass Jesus und seine Jünger und Jüngerinnen wahrscheinlich alle Sex miteinander hatten. Obwohl es aus einigen Texten schon recht klar hervorgeht. Man muss immer eines bedenken. Das neue Testament wurde im römischen Protektorat geschrieben. Und die Christen selber wurden ständig angemahnt, sich wenigstens an die jüdischen bzw. israelischen Gesetze zu halten, wenn schon nicht an die römischen. Der zweite Johannesbrief, zu dem ich neulich einen guten, aber leider listigen, und nicht klugen Kommentar gelesen habe, gibt es bei genauer, zutreffender Übersetzung eigentlich schon in der Adressierung wieder. Johannes schreibt da offenbar an „seine auserwählte Frau“ und ihre gemeinsamen Kinder. Aber mit dem Nachsatz, dass natürlich “jeder jedem gehört“. Bzw. „wir alle lieben diese Frau“. Natürlich kann man sich diese Stelle so lange zurecht übersetzen, bis daraus „Unsere liebe Frau, die Himmelskönigin Maria-Madonna Niegebumst“ wird. Und dann fängt man an, verzweifelt nach der „Einen“ zu suchen, in der sich die „Madonna“ dann offenbart. Wie man dann allerdings mit ihr lebt, so nach römisch-katholischer Lesart, weiß vermutlich auch nur Johannes. Natürlich hat das Ganze eine hochmystische Ebene. Aber die erreicht man eben nicht, wenn man das Weibliche und die Frauen verdammt. Alleine schon die Stelle, wo Jesus am Kreuz zu Johannes und Maria sagt: „Dies ist jetzt deine Mutter, dies ist jetzt dein Sohn“, deutet diese mystische Ebene an. Es steckt jedoch auch die Verzweiflung dahinter, als intelligenter, von Gott geküsster Mensch mit mehreren „Gesetzeslagen“, die sich alle gegenseitig widersprechen, klarkommen zu müssen (jüdisches, levitisches, römisches, samarisches, syrisches… religiöse und weltliche Gesetze…) und sich ständig dazu gezwungen zu sehen, möglichst so zu sprechen, dass alle gleichzeitig einen verstehen, und niemand an irgend Etwas Anstoß nehmen kann. „Do what you want“ ist da nicht die schlechteste Empfehlung (implizit in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 22, Vers 11 und 12). In gesunden Gesellschaften wird sowieso niemand mehr gegen Sex haben, als gegen einen Mord. Allerdings ist es auch ein Indikator für dekadente bis umkippende Zeiten und Gesellschaften, wenn das sehr deutlich in die andere Richtung geht. Und möglicherweise ist es immer die Aufgabe der echten Christen oder Jesusnachfolger, dann Salz in diese Wunden zu streuen, was dann konkret heißt, genau darauf hinzuweisen. Ohne Sex fehlt dem Menschen ein entscheidender Lustfaktor, er verarmt an Körper, Geist und Seele, und –was noch wichtiger ist- seine Art pflanzt sich dann auch nicht mehr fort. Sexfeindliche und zölibatäre Theorien und Gesellschaftsformen zu entwickeln, war immer eine Sache dekadent gewordener Religionen und Gesellschaften. Nicht zuletzt deswegen, weil es jeden Realismus entbehrt. Daher weise ich auch gerne nicht nur immer aufs neue Testament hin, wo die „Hure Babylon“ am Ende verworfen wird (natürlich von Johannes…auch wenn es heißt, der Briefeschreiber Johannes sei ein anderer gewesen, als der, der die Offenbarung schrieb… ), sondern auch auf die entsprechenden, ja nicht von irgendeinem Protektorat zensierten Stellen aus dem Alten Testament, z.B. bei Jesaja, wo die Hure zwar „in ihrer Schande aufgedeckt wird“, ihr aber auch vergeben wird und sie dann zur schönsten Braut wird. Ihre Sünde ist jeweils, wenn man genau hinliest, nicht der Sex, sondern die Sucht nach übertriebenem Luxus und dem Klammern ans Geld, das sie dazu veranlasst, notfalls mit jedem ins Bett zu gehen. Aus all dem ist leider im 20. Jahrhundert ein Politikum geworden, als man anfing, von „geldgeilen Juden in hohen Positionen“ zu sprechen und begann, sie zu verfolgen und auf bestialische Weise zu töten. Bob Dylan brachte das mindestens zweimal wieder sehr schön down to earth: In dem heißblütigen Warnungsstück „Like a rolling stone“ und in dem wunderbar humorvollen „Leopard Skin Pill Box Hat“. Besonders letzterer Song ist unübertroffen in seiner Art, Schrecken, Ekel und Liebe gleichzeitig auszudrücken, mit der wunderbar entnervten Strophe am Ende „Tja, ich seh, du hast `n neuen Freund jetzt, den hab ich noch nie gesehen. Ich sah euch Liebe machen, ihr hattet vergessen, die Garagentür zu schließen. Vielleicht denkst du, er liebt dich für dein Geld, aber ich weiß, wofür er dich liebt: es ist dein brandneuer Leopardenfell-Pillendosen-Hut.“ Männer haben halt auch Gefühle…

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.01.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Allgemein" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Kapitalismus (zum 1. Advent... Hust, hust.) von Patrick Rabe (Aphorismen)
Weil ich Soldat war...mit Vorwort... von Rüdiger Nazar (Allgemein)
eine neue Liebe...autobiographisch.... von Rüdiger Nazar (Allgemein)