Patrick Rabe

Die Angst vor dem Weiblichen

 

Die Angst vor dem Weiblichen flieht aus dem Abgrund,

läuft durch die Stadt auf der Suche nach Erhabenheit,

nach immer höher ragenden Phallussymbolen,

die immer mehr wie altägyptische,

von Außerirdischen aufgestellte Inkamonolithen aussehen,

und die Abkühlung ihrer Männlichkeit versprechen.

Kirchtürme sind zu warm,

geradezu schon schwul.

Sie drohen mit Herzschlag.

 

Sie rennt in Bäckereien

und kauft immer reineres Biobrot,

trinkt Weißbier nur noch mit Hefe, und ohne Hopfen und Malz,

denn das könnte ja am Bauch ansetzen, und einen zum Nazi machen,

steigt dann auf Wasser um aus immer unverseuchteren Quellen,

ganz ohne Kohlensäure und Mineralien,

weil die Steine verursachen könnten,

mit denen man werfen könnte, zum Beispiel auf Polizisten,

wenn sie aus der Gallenblase gerutscht sind,

oder mit denen man ganze Teile der Innenstadt neu pflastern könnte,

weil sie so schön glatt sind,

dass Jugendliche auch ohne Rollerblades und Skateboards dort eislaufen können,

wenn die Alster mal im Sommer nicht zugefroren ist,

und überflüssige Rentner sowieso gleich darauf ausrutschen,

 und sich den Hals brechen,

statt der Elite im Alsterhaus die teuren Parfüms wegzukaufen.

 

Sie hastet zum Gängeviertel,

weil sie sich davon überzeugen will,

dass die linke Gegenkultur noch existiert,

da entdeckt sie dort sterile Memorablien derselben,

aufgereiht wie in einem Museum, während ehemalige Linke,

die man als solche gar nicht mehr erkennt,

in Juppieklamotten in den dahinterliegenden Glasfassadenhochhäusern

in Callcentern und Bürotürmen arbeiten,

um zu rechtfertigen, dass diese überflüssigerweise gebaut worden sind,

und den Linken dort die Möglichkeit zu geben,

getrieben und gefoltert von Werbesprüchen

ala „Komm in die Gänge“,

den sterilen Juppieklamotten

und den Kurzhaarfrisuren,

diese Hochhäuser nicht gesund, sondern ganz legal krankzubesetzen,

Karriere zu machen, die keine wird,

nur ein Stillstand,

und sie damit vor Selbstekel ob ihrer Selbstverleugnung

dazu zu bringen,

das letzte bisschen Punk und 1968

in ihre lieblos aus den den linksradikalen Florastil imitierenden Schrott

gezimmerten Künstlerunterkünfte zu kotzen,

in denen man keine Kunst machen,

sondern nur in der Sterilität von sinnlos aneinandergereihten Gegenständen und Sprüchen

wie

„Die Revolution braucht keine Ästhetik“

verblöden kann, um sich dann in seinen abends wieder angezogenen Punkklamotten

wie verkleidet vorzukommen,

und statt Africola und Einbecker Urbock

Fritzlimo und das verhasste Naziwarsteiner zu trinken,

das es im Kiosk daneben zu kaufen gibt,

danach besoffen im Taxi zur Reeperbahn zu fahren,

während die Sterne Innenstadtillusionen wahrnehmen,

in den Puff zu gehen, dort nicht bezahlen zu können,

zu pöbeln und dann nach Ochsenzoll in die Resoze zu kommen,

von wo aus man gleich zu Scientology umgeleitet wird,

und feststellt, dass man da schon arbeitet,

aufgibt, um nicht zu sagen kapituliert,

und merkt, dass es im Gängeviertel auch noch durchregnet und durchschneit,

und man sich eigentlich gleich einen Schäferhund klauen, und betteln gehen kann.

 

Von diesem Eindruck noch mehr erschreckt,

rennt die Angst vor dem Weiblichen

zurück in ihre heimelige Vorstadt,

aus der sie in der Jugend geflohen ist,

stellt entsetzt fest, dass man dort

ein Würfel-Kubus-Trabantenstadt-Wohnviertel

für in Ochsenzoll und von Scientology verblödete

ehemalige und sehr reich gewordene Karrierepunks

gebaut hat, die dort von der Esoterik des magischen Kubus

in die Horrorwelt von Cube,

und dann direkt in eine unheilbare Quadrophenia überführt werden,

ein Krankheitsbild, das nicht mal Ochsenzoll kennt,

und von dem einen eigentlich nur ein Autist wie Tommy

oder das behinderte Mathegenie aus Cube 1 erlösen kann,

damit man wieder lernt, statt in kubistischen Ecken in Kreisen zu denken,

was man prima beim Mandalamalen einüben kann,

bis man erkennt, dass sie alle nur einen Ring wie in „The Ring“ ergeben,

man nur noch im Kreis und schon dreimal unter einer Leiter durchgelaufen ist,

Quader Quadrolsky neben einem das bayrische Dreamdirndlballett aufgeführt hat und explodiert ist,

man mehrfach bereits von dem ach-so-netten autistischen Mathegenie

zusammengeschlagen wurde,

von der Polizei nackt durch das Wohngebietlabyrinth gejagt wurde,

ohne zu merken, dass das das Heckenlabyrinth aus „Shining“ war,

und man längst als Jack Torrance gesucht wird,

und dann steht man plötzlich vor einem Brunnen, der auch rund ist,

und das schreiende, schwarzhaarige Mädchen kommt raus,

und man kann nicht mehr fliehen.

 

Da sieht man,

dass sie die Angst vor dem Männlichen ist,

und man steht voreinander,

und schreit sich lautstark

in immer größeren Schockwellen an,

bis das Eis zerspringt,

man(n) gemerkt hat, dass das schreiende schwarzhaarige Mädchen aus dem Brunnen

eigentlich ganz nett ist und einen nicht umbringt,

frau gemerkt hat, dass sie das „F“ jetzt groß schreiben, und auch vor das Wort Fuck setzen darf,

und dass der bleiche Mann da vor ihr nicht ihr Missbraucher ist, den sie bei metoo angezeigt hat,

und sie fallen nackt übereinander her

und ficken sich bis zum äußersten Touretteuniversum,

sodass manche „Here comes the sun“ anstimmen,

die Deutschen von Klimawandel

und die Amerikaner von Hörnerschamenen reden,

und die Chinesen und Japaner von einer Reiskristallnacht.

Soviel Mangareis ist noch nie in einer einzigen Nacht gefroren,

und kristallisiert in Europas Kühlregale geschickt worden.

Und es brennt ein Feuer,

und Affen tanzen um einen schwarzen Monolithen,

während die wachen Liebenden

in einem schwarzen Fluss

geil stöhnend in ihr unteres Himmelreich fließen.

 

 

© by Patrick Rabe, 27. Februar 2021, Hamburg.

Ich bin in diesem Gedicht den Gründen für die Gentrifizierung von Innenstädten einmal nachgegangen. Es umfasst aber noch viel mehr. Es ist eine Kritik unserer Zeit, ohne sie zu verdammen, und sich in eine andere zu träumen.

 

 

 

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