Patrick Rabe

Unterschichtshymne

Unterschichtshymne

 

Monty’s got a raw deal (Schokopudding von Monte für 1,50 und Monty Python „Der Sinn des Lebens“ im Spätprogramm)

 

Deutschland ist ein Vertuscherstaat,

Amerika hat stets die Wahrheit gesagt.

Die Dinge liegen anders, als ihr glaubt,

meine Freunde wurden von Aliens geraubt,

und dann in ihren eignen Darm operiert,

weil ein Alien sich ja auch mal geniert.

Sie knieten alle vor dem jüngsten Gericht,

nur operieren können sie wirklich nicht.

Das haben sie sich von uns abgeguckt,

beim „Sinn des Lebens“, wo ein jeder spuckt,

um nicht zu sagen, ganz heftig kotzt,

so dass es voll noch daneben spotzt.

Dann kann man zu Asozialen uns machen,

und uns leicht klauen Organe und Sachen,

sie lebend uns rausreißen (Ne? Monty Python!)

uns machen zu Julien von Enid Blyton,

behaupten, dass das Justus Jonas ist,

und Kaffe Bar Kasse die ganzen J’s frisst.

Wer liest dort Jott, wer liest dort Jay?

Die Polizei ruft ganz laut: „Juchey!

Schon wieder ein Junkie gefasst mit Gras!“

Der „Junkie“ knurrt leise: „Was soll denn das?

Ein Junkie spritzt H und ich kiffe ja nur!“

In Washington läuft jetzt schon schneller die Uhr.

Die Christen aus Fundiland starr’n auf den Rechner:
„Der Nazi aus Deutschland liest Auguste Lechner!

Der klaut den Propheten die Buchstaben weg,

und schmeißt sie in Kacke und schmeißt sie in Dreck,

der in seiner Wohnung seit Jahren verschimmelt,

wo es vor Moskitos und Sumpffliegen wimmelt.

Und die Kakerlaken, sie werden schon Menschen,

und die, wo sie raus sind, die lernen zu tschentschen *1,

und gehen ganz schnell in die Politik,

und helfen Gehirnlosen zum Supersieg.

Denn das war `ne Minderheit, die nicht bedacht:
Partei der Gehirnlosen siegt über Nacht.

Sie haben sich sehr schön mit „Clears“arrangiert,

mit Nazis und Kommies zugleich kombiniert.

„Psychotisch!“ befindet mein Zombie-Betreuer,

und wirft meine Bücher in loderndes Feuer.

Dann ruft er „Heil Hitler! Die Kunst, sie muss brennen,

wir müssen „entartet“ von „Arthaus“ jetzt trennen.“

Auch er ist bei Scientology schon aufgestiegen,

von `ner Wohnung mit Ratten, zu `ner Wohnung mit Fliegen.

Und als Endgegner wartet ein Wackelchinese

schon auf meinen Körper, hofft, dass ich verwese.

Er las KKK und dann JJJ,

hielt mich erst für Satan, und schließlich für Gott,

der ihm bess’res Karma bestimmt könnte geben,

und erlaubte, bei ihm mit im Körper zu leben.

Da schrie ich ganz laut, und sah furchtbar rot,

und schlug eine Nuklear-Leuchtfliege tot.

 

 

© by Patrick Rabe, 5. März 2021, Hamburg.

 

*1: Peter Tschentscher ist erster Bürgermeister von Hamburg in einer rot-grünen Koalition, obwohl die Grünen faktisch mehr Stimmen hatten.

„chinchen“, was so ähnlich klingt, wie der Name von Tschentscher bedeutet „betrügen“, „etwas markieren, was man gar nicht ist“, „etwas Wertloses zu etwas Wertvollem umfrisieren“,  „pimpen“, „so tun, als ob“. Die Stichworte „Bankensanierung“, „Verkauf von wertlosen Hedgefonds“ „Schulden machen bis zum Abwinken“ und „Der Bürger kommt für die Staatsverschuldung auf“… sind die noch bekannt? Ich hoffe schon. Der Boden brennt bereits.

 

***

 

Endechtzeit, klappe, nicht die Letzte

(Film läuft. Ab jetzt kann geschminkt werden. Drehen tun wir erst, wenn die Kamera aus ist.)

 

Sulaimon hat die Welt verraten

an die Hure Babylon,

da ha’m die Moslems Speck gebraten,

und der Geheimdienst wusst’es schon.

Und F.B.B. war Friedrich Becker

und nicht der Face.book.Bertau nicht,

dafür war Neo wirklich Hacker,

und glaubte auch ans Weltgericht.

Da bauten sie das Haus rechts von mir

in Endechtzeit erst ab, dann um,

jetzt ragt ein Goldzahn da wie’n Sonn-Tier,

und dumpf stirbt weg’s Millennium.

Es wollen alle sich mit Lust

dumm, immer dümmer ficken lassen,

dann macht Orgasmus nicht viel Frust,

man kann auch Omas einen blasen,

und Opas die Vagina kitzeln,

denn Junge werden nicht gebraucht,

die macht man schnell zu Fertigschnitzeln,

sie werden falb im Joint geraucht.

Ist eine Jugend dumm wie Brot,

dann schmiert sie sich auch selber drauf,

sie lacht, geh’n andre Leute tot,

und essen noch sich selber auf.

Das ist die beste Steilvorlage

für des Kapitalismus Sieg.

Die Letzte frisst, die letzten Tage,

die letzte Mall bezahlt den Krieg.

Und ich bewahr‘ der Frau’n Geheimnis,

wenn sie mir eines anvertraut,

bis sie die meinen weitertratschen,

das Licht geht an, der Morgen graut.

 

 

© by Patrick Rabe, 6. März 2021, Hamburg.

 

Linernotes (Von mir selbst, um mich darin völlig kritiklos selber zu loben und als Gott zu verehren.):

Ein Pornodreh fängt oft erst ganz harmlos an. Z.B. so: „Ey, wir wissen ja, dass ihr Singles in den Plattenbauten völlig sexuell ausgehungert seid, weil man diese Corona-Kontaktsperre hat. Aber kiek mol an. Da sind `n paar Mädchen bei dir im Haus gegenüber, die wollen auch gern ficken, und  nehmen manchmal ein bisschen Geld. –Vermittel, vermittel – Ja, ihr seid ja jetzt so schön zusammen hier. Dürfen wir das ein bisschen filmen? Ihr müsst ja auch nur machen, was ihr miteinander machen wollt. Und wir stellen das auch nur ins Netz, wenn ihr die Zustimmung gebt.“

So weit die offzielle, etwas nettere Variante. Die andere lautet so: „Moin, ich hab es grade noch zu dir geschafft. Sie waren schon wieder hinter mir her. Jetzt wollen sie mir auch noch `ne Drogensache anhängen.“ Kuss, Sex bei Licht an, Überwachungkamera im Feuermelder filmt, Echtzeitporno mit Unterschichtsfreaks zum kostenlos runterladen.

 

***

 

An einer deutschen Straße

 

(für Bernd Begemann, die Rasenmäher, die so groß wie SUV’s sind, sein Album „Solange die Rasenmäher singen“, das Gefühl, das entsteht, wenn man „Shining“ guckt und gleichzeitig dabei zusieht, wie man langsam einschneit, das Tau-und Schmelzwasser, die Sonne und Langenhorn)

 

 

An einer deutschen Straße

entsteht `ne ganze Stadt,

damit ein Bauarbeiter

etwas zu bauen hat.

Die Bürger sind verärgert,

„Wir haben doch schon Häuser!“

„Wir machen nur Fassaden!“

„Aber bitte etwas leiser!“

 

Doch selbst Bernd Begemann

traf schon den Bogeyman,

der macht `nen großen Bogen,

und kommt von vorne dann.

 

Wenn du schon jemand zweimal triffst,

geh gleich mit ihm ins Bett.

Beim dritten mal, das ist wohl klar,

wird’s nicht mehr ganz so nett.

Nicht nur, weil man jung besser kommt,

und öfter auch zusammen,

doch selbst der Dirk von L.

sah Sex da nicht, nur Flammen.

 

Doch es ist, wie es scheint,

dein allerliebster Feind,

der macht `nen großen Bogen,

und kommt dann an als Freund.

 

Und an der Haltestelle,

wo sie den Apfelkorn

sich in den Rachen kippte,

da geht es los von vorn.

 

Nur sitzt da nicht mehr Lara,

und auch nicht Sarah rum,

doch es ist wieder Apfelkorn,

Absinth von „Nebulon“.

 

Und Anastasia lacht.

Sie hat es gut gemacht.

Musik auf bis zum Anschlag,

und gesoffen in der Nacht.

 

Und eines schönen Morgens

ertönt ein flotter Marsch,

und Bernd sagt froh zu Tilman:

„Nur Pickel auf dem Arsch.“

 

Dann kommt ein großes Raumschiff

und schluckt die Vorstadtwelt,

am Steuer sitzt Han Solo,

er schuldet Jabba Geld.

 

Da denken sich die Onkels,

wo sind bloß unsre Tanten,

wer hat uns bloß das „Z“ geklaut,

wo sind unsre Bekannten?

 

Und Onkel Ludwig lebt,

er hat das „Z“ geklebt

an seine Kasperlbude,

wo er gern einen hebt.

 

Er kriegte auch noch Vera,

ganz ohne großen Krampf,

als Oma Feuer legte,

beim Lesen von „Mein Kampf“.

 

Und selbst Bernd Begemann

traf schon den Bogeyman,

der kommt im großen Bogen

auf Rasenmähern an.

 

An einer deutschen Straße,

steht `ne beschiss’ne Stadt,

die von den Bürgern, die da wohnen,

keiner gewollt so hat.

Wer baute sie? Die andern.

Das ist ganz sicher klar.

Sie steht auf Rock’n Roll gebaut,

der plötzlich Schlager war.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 22. Februar 2021, Hamburg.

 

 

***

 

Der große Pan

 segelt und eiert durchs Krautwettessen

mit Dünnbier und roter Hot-Dog-PØLSER

 und landet in körnigem Süßsenf

 

 

Ich esse gerne Sauerkraut

und tanze gerne Polka,

weil meine Frau mich eh verhaut,

sie ist so krank wie ich.

Wir essen gerne sauer Kraut

und reden von Gomolka,

wir sind linksgrün-SM-versaut,

und essen frichen Fich.

 

Und dann gibt’s Bildungsbürgerschmalz,

den schmier’n wir dummen Leuten

in ihre Wunden rein als Salz,

um sie dann nackt zu häuten.

Nein, nein, wir tun ja Tieren nichts,

wir hör’n gern Bienen sumsen,

doch Leder braucht man, um Gesichts-

verkehrt darauf zu bumsen.

 

Dann löten wir uns einen rein,

am besten puren Wodka,

der lässt uns so schön russisch sein,

wie Che und Willy Brandt.

Dann tanzen wir auf sauren Krauts,

die Hirne sind dann flott gar,

die schmier’n wir uns aufs Biobrot,

und essen sie verbrannt.

 

Mal bin ich Zeus, mal bin ich Pan,

sie ist mir Aphrodite,

und Artemis, die schnell am Mann,

wenn ich saug ihre Titte.

Wer recht hat, ist nie rechts gepolt,

nur Polen Pole schmelzen,

und Türken türken Türkentrank,

und laufen nackt auf Stelzen.

 

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 14. Februar 2021, Hamburg.

 

***

 

Die Briefkastentante von Stephen King

(für Thees Uhlmann)

 

Ich kenne eine Frau,

die wohnt schräg hinter einem Deich,

und manchmal (eher oft), wünsch ich,

wir hätten uns gereicht.

Wir küssen uns in Träumen,

und seh’n uns virtuell,

der Bildschirm leuchtet,

„Hölle“ heißt auf friesenenglisch „hell“.

 

Thees Uhlmann macht `ne Platte,

während Jane die Fliesen putzt,

ich zitter‘ heimlich um ihn,

weil man Menschen nicht benutzt.

Auch nicht, um zu verbinden,

was sich lange nicht mehr fand,

und draußen vor dem Fenster

sieht man ein Wüstes Land.

 

Thees malt so wie Bob Dylan

desperat,  „Time out of mind“,

die Dinge fliegen weg um ihn,

und doch, die Sonne scheint;

und Hamburg und Hannover,

Klein Rönnau und Berlin

verbinden Autobahnen,

darauf kann man entflieh’n.

 

Soll man nun Hitler danken,

weil er sie ja gebaut?

Evangelisch hat `ne Grenze,

ein Hund schlicht nicht miaut.

Und Allversöhnung klappt auch nur,

wenn man besoffen ist,

ich glaub, ich fahr zu Thees mal runter,

ich bin wohl doch kein Christ.

 

Ich setz mich auf mein Motorrad,

und sehe Riesenspinnen,

die Schleswig Holstein zurr’n in Netze,

ich fahr mit off’nen Sinnen.

Und LSD fliegt aus dem Fenster

meiner Augen fort,

begeht in einem Hinterhof

als Axtmörder `nen Mord.

 

Und „Redrum“ steht an Wänden,

und Carries Mutter kreischt,

und Carrie wird nackt aufgespießt,

denn sie ist eingefleischt,

um nicht zu sagen: inkarniert,

doch ihre 12 Dämonen,

die richten noch ein Blutbad an,

sie werden niemand schonen.

 

Ganz knapp verpass ich Thees‘ Konzert,

es sieht sich, was sich liebt,

drum sehe ich vor Lübeck,

wie man Flüchtlinge abschiebt;

ansonsten eine Zombiewelt

aus alten Pappkulissen,

die Lindenstraße ist da auch,

gleich ganz kurz hinter Rissen.

 

Und Christus kommt wie immer spät

mit seinem Rasenmäher,

er erntet Stoppelfelder ab,

es ruft ein Eichelhäher.

Bei Kurzhaarfrisen liebt man nicht,

was Tocotronic hassten,

die Diktatur will’s raspelkurz

für all die Angepassten.

 

Ich seh‘ kurz auch Bob Zimmerman,

sein Motrorrad fährt schneller,

die Küchenuhr bei Uhlmanns tickt,

Spaghetti auf dem Teller.

Ein Scharfschütze legt auf mich an,

 da gibt es einen Knall,

so war’s in „Easy Rider“,

es war kein Bootsunfall.

 

Ich fühl mich so wie Kubrick,

„Weltraum 2001“,

ich kessel durch die Grenze,

und seins und meins wird deins.

Ich lege es ins Gaspedal,

in meinen Penis groß,

adrenalingepeitscht als Baal

leg ich’s in deinen Schoß.

 

 

© by Patrick Rabe, 14. Februar 2021, Hamburg.

 

Angepasstheit kann auch Unangepasstheit sein, Dünkel merkt man oft erst, wenn es dunkel wird, Einsamkeit erst, wenn es schneit, und das Messer am Hals erst, wenn es schneidet. So etwas überlebt zu haben, kann zweierlei bedeuten: Entweder man hat kein Motorrad oder kein Raumschiff, oder man will sich einfach nicht mehr erzählen lassen, dass die eigenen Nachbarn Zombies sind, und dass es egal ist, wenn andere Leute Axtmorde begehen, während man im Bett liegt und von Axtmorden träumt.

 

***

 

Whistleblower (Das Opfer)

 

Ich möchte Edward Snowden sein,

dann hätte ich ein drittes Bein,

wie die Trilateralen,

und könnt‘ im Dunkeln strahlen.

 

Er sah den Kern, und wie er brach,

sah ins geheime Schlafgemach,

den hergeschenkten Sohn

der Zivilisation.

 

Der wurd‘ auf Kreuzen nicht geschlachtet,

und ist in Kriegen nicht umnachtet,

saß nie als armer Veteran

im Rollstuhl und trank Lebertran.

 

Nein, denn er war wie du und ich,

ein Mensch in Unschuld; sicherlich

geplagt von ein paar schrägen Macken,

von Süchten oder Angstattacken,

 

aber ein netter Zeitgenosse,

auf gar nicht allzuhohem Rosse.

Und während Edward ihn so sah,

kam ihm der and’re furchbar nah.

 

Er wusste plötzlich: Nein! Kein Täter!

Kein Staatsfeind und kein Volksverräter!

Und dennoch glotzte er dort hin,

auf dieses Fremden Lebenssinn.

 

Er sah ihn weinen, sah ihn lachen,

die Liebste küssen, Witze machen,

mit Freunden über sie mal lästern,

sie weinen still bei ihren Schwestern,

 

und dann die beiden sich versöhnen,

er machte’s Bild aus, hörte Stöhnen,

und holte sich auch einen runter,

Spion sein macht das Leben bunter.

 

Doch er sah auch die Algorithmen,

die sich dem Kaufverhalten widmen,

und die genauen Analysen,

worauf man daraus könne schließen.

 

Und irgendwann verriet ein Code

auf Cornflakes ein Geheimgebot,

man hörte NSA-Funk ab

im Supermarkt, lachte sich schlapp.

 

Die Barcodes senden Dinge rauf,

dort in die Hochhäuser hinauf?

Was wollen die mit unser’n Daten?

An wen wollen die uns verraten?

 

Da trat schnell ein Geheimprogramm

die kollektive Löschung an,

auch Edward taumelte durch halb Manhattan,

als sei er nicht mehr ganz zu retten.

 

Er war dagegen nicht geeicht,

sein Status hatte nicht gereicht,

er war auch nur einer von vielen,

mit denen die Systeme spielen.

 

Jedoch bekam er Urlaub schnell,

Erholung, Meer und Wishing Well,

ein bisschen Tennis, bisschen Liebe,

ein bisschen Sex für seine Triebe.

 

Danach dann wieder NSA,

in Zimmer schauen, grünen Tee,

nur jener Mann mit Girl in Kissen,

weckte ab jetzt ein schlecht‘ Gewissen.

 

Denn diese kollektive Löschung

warf alles über eine Böschung,

was vorher noch real gewesen,

Gedanken konnte jeder lesen.

 

Und Geister und Reklamesprüche,

Filmprojektionen, Wohlgerüche,

verzerrte Stimmen und Gelächter

die flatterten trotz all der Wächter

 

durch London, Tokio, Berlin,

man sah die Russen heimwärts zieh’n,

ein Handschuhmann drin bei Claus Kleber,

gesteuert nachts von Justin Beber.

 

Ein Flugzeug drin im WTC,

ein Zug entgleist in Eschede,

ein zweites Flugzeug- jemineh!-

auf THC und Pulverschnee.

 

Und alle Zeiten durcheinander,

es jagt der große Alexander

mit Makedonen Hitler fort

und trifft Kubrick am Nirgendort,

 

wo er mit „Hal“, dem Rechner kämpft,

mit Alkohol den Wahnsinn dämpft,

im Overlook mit Jack und Danny,

und Billie Eilish gibt `ne Xanny,

 

als grad Tom Cruise durchs Zeittor jagte,

in Vietnam nach Feuer fragte,

vom Vietcong wurde angeschossen,

in Psychosekten hat genossen,

 

wovon ihn Kubrick wollte heilen

mit „Eyes wide shut“ und beiden Teilen,

die er danach nicht mehr gedreht

von „Odyssee“. Es war zu spät.

 

Da sagte sich der deutsche Proll,

der an dem Abend wieder voll:

„Das könnt‘ man auch in Stonehenge machen,

da würde Odin sicher lachen.“

 

Er kaufte sich `nen Schokoriegel,

und dachte an die runden Igel,

 die Gritli Moser noch gemalt,

eh sie den Mörder traf im Wald.

 

Dann hielt den Barcode von dem „Mars“

er an den Rechner… und das war’s.

Ein Stromausfall und Aliens,

und trotz des Winters warmer Lenz.

 

Und Edward Snowden starrte matt

auf jenen Mann in seiner Stadt,

der einst so friedlich und so froh

war, und vor niemand floh,

 

weil er von Datenlecks nichts wusste,

und nicht mit Saddam kämpfen musste,

sich ängstigte nur vor Bin Laden,

und vor dem nächsten Wasserschaden,

 

und sonst sein schönes Mädchen küsste.

Ein Mensch, den jeder lieben müsste!

Doch heute weinte er im Bett,

die Augen trüb, vor’m Kopf ein Brett,

 

dann rief er eine Freundin an:

„Mein Gott, sie hat es doch getan!“

Und Snowden wechselt alarmiert

auf das Gespräch, das reserviert

 

für jene Freundin, die „privat“

einstellen konnte, weil sie bat

den Staat um Minderheitenschutz,

weil sonst zu oft bei ihr war Putz.

 

Und so erfuhr er: Jenes Mädchen

fuhr heute in ein kleines Städtchen,

zum Haus der Eltern über Nacht,

und hat sich dort dann umgebracht.

 

Doch in der Schnelle des Moments

fuhr langsam ein Mercedes Benz

in Deutschland um die Straßenecke,

ein Mann schrie raus: „Du Schwein, verrecke!“,

 

erschoss den Proll mit Schokoriegel,

weil er gedacht an Gritlis Igel,

und Fröbe, und an Kinderschänder,

und andre, unbekannte Länder,

 

was er als Mann der Bürgerwehr

ja sehen konnte schon viel eher,

mit irgendeiner schlauen App

vom Kinderschänderschutzbund-Web.

 

Die App konnte Gedanken lesen,

und fand sehr schnell so böse Wesen,

die sich an Kindern gern vergreifen,

sie scannt den Kopf und seinen Steifen.

 

Die Trefferquote zwar: erbärmlich,

Beweislagen: entsprechend ärmlich,

doch schießen kann man immer schnell,

und schrei’n: „Du Schwein, see ya in hell!“

 

Doch, wie auch immer: Jene „Whistle“,

die pfeifen musste durchs Gegrissel

der Bildschirmpixel und im Schnee,

blies Edward: Nackt der NSA.

 

Obwohl die Agents lernen müssen,

zu knebeln Mund, Herz und Gewissen,

sah er den Mann, der ihn gerührt,

und ihn zurück zum Herz geführt.

 

Und dass der Bruder, den man schlachtet,

wenn fremde Militärs umnachtet,

und Diktatoren Feuer frisst,

meistens dann doch der eig’ne ist.

 

Und Edward schlich sich wie benommen

von dort fort, woher er gekommen.

Er sah den „own begotten son“

im Schnee, der echt. Und es begann.

 

© by Patrick Rabe, 6. März 2021, Hamburg.

 

 

Ich möchte mit diesem Gedicht auch an die „own begotten doughters“ und all die lieben Mütter, die sie geboren haben, erinnern, die der Zivilisation zum Opfer hingeworfen wurden, und die teilweise überhaupt nicht auf einem Schlachtfeld oder als Heldin des Alltags starben, sondern in der Banalität der Einsamkeit anonymer Großstädte, und die von solch hinter dem Rücken aller ablaufenden Geheimstrategien der zivilisierten Staaten und ihrer Paranoia vor den eigenen Bürgern vielleicht noch den letzten Tritt mitbekamen. Edward Snowden stand vielleicht auf der „falschen Seite“, aber auch er war ein „own begotten son“  (*2), der in der tristen, banalen Behördenwelt, in die er aus Überzeugung eintrat, und um „die Bösen“ mit dingfest zu machen, erst den Thrill der Überwachung kennenlernte, und dann das Erlebnis von Schuld, und das schmerzhafte Erwachen des Verantwortungsgefühls. Für mich ist er ein Held. Hingefallene Helden sind etwas anderes als gefallene Helden. Und auch etwas anders als schlimme Bösewichte, perverse Mörder, Menschenschinder oder Kriegstreiber. Es ist auch eine kleine Hommage an die beiden Filme „Opfer“ und „Solaris“ von Andreij Tarkowskij.

 

© by Patrick Rabe, 2021

 

*2 „eingeborener Sohn“ biblisch im Sinne von Jesus Christus, dem Sohn von Maria, bei den Amerikanern ist dieser Begriff oft gleichbedeutend mit „der Auserwählte“, was faktisch oft nur heißt „der Auserwählte, den der Vater ganz schnell zur Army schicken muss, und der so besonders auserwählt ist, dass er sich ganz vorne in der ersten Schlachtreihe gleich abmurksen lassen darf. Metallica haben das gut illustriert im Video zu „One“. Es gibt aber auch „eingeborene Söhne und Töchter“, die ein bisschen weniger spektakulär scheitern und dem System in den Rachen geworfen werden.

 

 

***

 

 

Das Land, das nicht sein darf…ist merkwürdigerweise nur einen Block um die Ecke

 

Und sie teilten in Sektoren,

organisierten uns den Staat,

war man zufällig falsch geboren,

kriegte man nur die böse Saat.

 

Man taumelte durch alle Läden,

konnt‘ die Produkte gar nicht kaufen,

man wusste, es trifft echt nicht jeden,

und wollte sich aus Frust besaufen.

 

Doch man wusste, es gibt Leben,

man hat es ja in sich gespürt,

und dieser Junge dort am Wegrand

hat sie im Herzen tief berührt.

 

Und er ging wieder in die Schule,

wo um ihn warb die Antifa,

„Gold’ne Zitronen“ „Ärzte“

und „Slime“ bedeuteten Gefahr,

 

für jüdisch‘ Mütterchen und Vater,

der wieder resozialisiert,

nachdem er als ein SPD-Mann

mit Nazitypen abgeschmiert.

 

Sie gingen auf ein Fußballspiel,

und dieser Typ war sein Kollege,

sie grölten „Ha, Ha, HSV!“,

das kam dem Staatsschutz ins Gehege.

 

Mein Vater, er verlor den Job,

durft‘ nicht mehr legen schöne Fliesen,

in `ner Garage schraubte er nun,

und rauchte kettenweise Ziesen.

 

Für meine Mutter war’s ein Abstieg,

sie musste immer putzen geh’n,

zuhause war’n sie Bildungsbürger,

für sie war Jesus lieb und schön.

 

***

 

Und ich sah sie auf der Straße,

wir starrten auf ein Filmplakat,

und wir wussten alle Beide,

dass man sich was zu sagen hat.

 

Sie dachte: „Es kommen mal Zeiten,

in denen du im Wind verwehst,

und ich darf über dich dann reiten,

obwohl du über mir ja stehst…“

 

Ich dachte: „Ich würd‘ sie gern ficken,

ich trau mich nicht recht an sie ran,

sie ist ja auch ein bisschen älter,

vielleicht denkt sie, ich bin kein Mann…“

 

Doch auf der Konfirmandenreise,

da kamen wir uns schonmal nah,

ein Zivi ging damals dazwischen,

er ahnte irgend `ne Gefahr.

 

Sie ging mit andern auf den Friedhof,

und spielte „Tote stehen auf“,

sie war ein bisschen dark und Gothic,

die Pädagogen wachten auf.

 

Erzählten uns ein Gruselmärchen,

aus Angst, wir würden nun verrückt,

da dachte ich bei mir: „Wie weltfremd.

Haben die nie `nen Knopf gedrückt,

 

von `nem Programm mit Horrorfilmen,

Schulmädchensex, und Psychothrillern?

Gucken die denn zuhaus‘ nur Sender,

wo Pfaffen mit Chorknaben trällern?“

 

Und irgendwie war ich ihr nah,

und wusste auch, es könnte schön sein,

nur meine Mutter war Gefahr,

sie wollte mich nur keusch und sexrein.

 

Was haben sie uns angetan?

Warum, wofür, aus welchem Grund?

Für irgendeinen Staatenwahn,

der in sich war noch nie gesund?

 

Und für den Glauben, dass man nie trifft,

jemand, der um die Ecke wohnt?

Wir haben ihr System vernichtet,

und sie mit ihrem eig’nen Schrott belohnt.

 

Von Ordnungen, die nur basieren

auf dünnen Fädchen, die schnell reißen,

und wo man sofort droht mit Viren,

und Ängsten, dass man wohl beim Scheißen

 

ein Tor zur Hölle öffnen könnte,

oder zur Negerunterwelt,

man will mich sauber und behütet,

und sie in einer Naziwelt.

 

Doch unser Staat hat schon gewackelt,

als wir vor dem Plakat da standen,

für „Gremlins2“ und ihn auch beide

sehr offensichtlich super fanden.

 

Das darf nicht sein!

Er löscht das Licht!

Der ganze Staat wird Unterschicht!

 

***

 

Die goldenen Zitronen sangen

es damals schon: so relativ

ist’s wenn man liebt ein Skinheadmädchen,

der Staat, er wackelt, und steht schief.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 7. März 2021, Hamburg.

 

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