Patrick Rabe

My Generation - eine Hommagetrilogie an die Hamburger Schule

My Generation

(Wir waren immer dazwischen, wir waren immer im Ungewissen)

 

Eine Hommagetrilogie an die Hamburger Schule

 

 

Im Dunkeln leuchten (nicht nur Neonjacken)

 

Die Sonne und der Mond machen im Takt Revolution.

Doch wo bleibt der Mensch? Leer sind Palast, Hütte und Thron.

Dann wieder da, ein Hoffnungszeichen, das sich regt,

weil sich im Schlafgemach des Prinzen was bewegt.

Er sagt: „Legt das Geschmeide ab, und dient der Liebe, nicht dem Herrn,

er ist mal dieser und mal jener, auf seinem Kopf prangt meist kein Stern.“

Und die Palastwache, sie stürzt in gelben Neonjacken fort,

werden im andern Zimmer umgetauscht, und murren: „Dieses ist kein guter Ort.“

Und was sich jagt, ist, was sich offensichtlich küsst,

weil man sich heimlich oder auch unheimlich sehr vermisst.

Dann fallen Grenzen, und der Palast ist überall,

weil Straßenstaub viel schöner stinkt, als Medimasken auf dem Ball.

„Knack den Charakterpanzer!“, sagte Wilhelm Reich,

doch als Jack Kerouac ihn fand, war er halb irr und nicht grad reich.

Er knackte immer noch die Nuss, wo sein Charakter bloß war hin,

und jene Orgonenergie, sie leuchtete nur manchmal ohne Sinn.

Ich taumle mit dir weiter, ein Scheiternder und auch ein Kind,

und leg mich unter Flügel, ganz egal, wo sie auch sind.

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 15. März 2021, Hamburg.

 

Für Frank Spilker und Die Sterne

 

 

 

***

 

 

Der Mörder aus „Du wirst Eliten lieben lernen“ kauft sich eine „Böse-Mann-Farbe“

(ein Mörder ist jemand, der dich tötet)

 

 

Klassenziel „eins“, Elterngespräch,

das, was man nicht so deutlich sagt,

Kind, wie es weint, Elternteil schimpft,

das, was man auch das Kind nicht fragt.

Zuhause dann Stress, Lösung: geheim.

Muss ja nicht jeder wissen, das.

Nächsten Tag Schule, Lehrerin doof,

alle, sie wussten es schon. Krass.

 

Das ist das Datenleck, in der Stadt „Liebt dich Heck!“,

jeder, der jeden falsch versteht,

„Man sah im Internet, der war mit der im Bett!“

„Ach, beides Männer? Wie verdreht!“

Du denkst: „Was rauchen die?“, er fragt „Was brauchen sie?“

Du sagst: „Die meisten `n Duden, ey, was geht!?“

 

Klassenziel „eins“, sehr elitär,

weiß jeder doch: „Sex! Setzen!“ bringt’s.

Aber Eliten schlafen auch nicht,

ihnen ist wurscht, ob’s rechts(?), links (?) stinkt’s (?),

Und wenn man weiß, dass einer sang,

was man tief fühlte, schaut man nach,

doch „Mörder 1“ wusste schon seins,

war zwar ein Schläfer, aber wach.

 

Das ist das Datenleck, in der Stadt macht man „Hack“,

das man im Laden nicht verkauft,

seht, wie man Poller tauscht, während die Linde rauscht,

„Nazis raus“ gegen „Punks, ihr sauft!“.

Und beide geh’n nach Haus, tauschen Gedanken aus,

wenn Freddy Krueger Messer kauft.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 17. März 2021, Hamburg.

 

 

 

Die sogenannte Gentrifizierung (Aufwertung) der Schanze läuft offenbar anders ab, als ich dachte. Nach dem G-20-Gipfel war ich sehr schnell wieder da, und dachte: „Wieso? Ist doch alles heil. Und besonders bonzenmäßig sieht es hier jetzt auch nicht aus.“ Aber offenbar gibt es Methoden, einen Stadtteil elitegerecht zu machen, die keinem Normalpunk oder Normallinken einfallen würden. Als ich neulich mal wieder da war, sah ich irgendwo einen St-Pauli-Sticker kleben, auf dem stand „Heck liebt dich!“. Ich kenne „Jesus liebt dich!“ und „Gegen Nazis“. Dieter Thomas Heck hingegen ist jemand, der mich durch seine bloße Anwesenheit im Fernsehen provoziert. Allerdings merkte ich auch, dass mein Adrenalinspiegel durch diesen Sticker schon derartig in die Höhe ging, dass ich Lust hatte, mal wieder einen Bullen zu vermöbeln. Aber dann entging mir als dort nicht lebender dennoch nicht, wie Bauarbeiter Straßenpoller austauschten. Auf dem einen Poller waren klassische, linke Punksticker mit Parolen wie ein Linker sie eben kennt. Auf dem anderen waren keine Sticker. Und auf einem dritten Poller waren Sticker mit sinnlosen Sätzen und Buchstabenfolgen. Was mir schon öfter aufgefallen ist, ist, dass diese Poller, die auf der Hälfte der Susannenstraße auf halbem Weg zur „Flora“ stehen, des Öfteren ausgetauscht werden. Je nachdem, was irgendwelche Apps vermitteln, wer da gerade die Straße längs kommt. Und mittlerweile sind manche Läden eben doch „gentrifiziert“. Die Frage ist immer, wer sich wo für die „Elite“ hält, und wer wo und von wo aus welche politischen Forderungen macht. Ich glaube, manche Dinge im Leben kann man weder in der Schule, noch vom Leben lernen. Zum Beispiel, wer eigentlich „der Feind“ ist. Das ist wirklich eher so, wie das, was der Wind einem anzeigt. Zum Beispiel, ob da gerade ein Klingelton oder eine Messerklinge von hinten auf einen zufliegt. Und wer so richtig eine übergebraten kriegt, dem ist es in dem Moment auch egal, ob der Täter/die Täterin rechts, links, weiß, schwarz, rot oder gelb war, Uniform trägt, oder nicht. Jedoch sollte man schon immer im Blick haben, dass bestimmte Leute so etwas steuern, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Wenn ich an dem betreffenden Tag jemanden vermöbelt hätte, wäre es leicht gewesen, mich zu verhaften. Die echten Täter sind aber auch nicht bei der Polizei. Die sitzen hinter irgendwelchen Rechnern, die keine PC’s sind, und planen, wer für ihre Ziele gut, und wer für diese schlecht ist.  In meiner Jugend hatte ich einen Freund, der ein Lied schrieb namens „Du wirst Eliten lieben lernen (aber niemals ein Gesicht)“. Wir waren beide Tocotronic-Fans, hingen oft zusammen ab und machten in einem Kulturcafe Musiksessions. Bei einer Session „brannte dort dermaßen die Luft“, dass wir kurz davor waren, eine Band zu gründen. Wahrscheinlich wären wir das „Missing Link“ zwischen Blumfeld und Tocotronic geworden. Wurden wir aber nicht. Vielleicht waren irgendwem unsere Texte zu heiß. „Du sahst, du sahst den bösen Mann nicht mehr“, hieß es in „Du wirst Eliten lieben lernen“. Und „Die Farben, die er benutzte…“. In dem Song ging es natürlich um einen Lehrer. Dennoch macht es eben einen Unterschied, wer zu dem Zeitpunkt einer angestrebten Bandkarriere vielleicht noch zur Schule geht. Und zwar nicht zur „Hamburger Schule“. Als wir zum (fast) letzten Mal voreinandersaßen und ich ihn bat, mir dieses Lied doch aufzunehmen, war uns wohl beiden klar, dass ein Noch-Abiturient die Bands der „Hamburger Schule“ offenbar anders rezipiert, als jemand, der nicht mehr zur Schule geht. Nur, dass ich mir beim besten Willen damals auch nicht hatte vorstellen können, dass meinem angestrebten Bandkollegen vielleicht noch Probleme aus diesem Song erwachsen könnten. Aus der Schule raus ist halt aus der Schule raus. Und Lehrer wollte ich ja auch nie werden. Manche Dinge kann man aber wirklich erst verstehen und reflektieren, wenn man über 40 ist. Das hat nichts mit Bildung, gesellschaftlicher Schicht oder politischem oder religiösen Bekenntnis zu tun. Allerdings, wenn man dann, über 20 Jahre später von denselben Leuten, die das damals schon zu einem sagten, wieder hört: „Du Doofkopp. Du hast ja echt nichts vom Leben gelernt!“, tut das schon irgendwie weh. Nur immerhin bleibt da dann der verblüffte Trost, dass die, die dann so etwas zu einem sagen… Lehrer geworden sind. Naja. Aber auch diese Perspektive versteht man ab ca. Mitte 40. Man kann das nur nicht schon prophylaktisch mit 16, 17 oder 18 in der Schule lernen. Und an der Uni auch nicht. Auf „School’s out for summer!“ folgt eben auch die Zeile „School’s out forever!“. Vielleicht meinte Bob Dylan das auch mit „Street legal“ (Straßentauglich). Dieses Gedicht lässt sich auch singen. Zur Melodie von „Skater boi“ von Avril Lavigne. Und ich meine dieses Gedicht als Hommage an Lehrer/innen, die nicht zu die Jugend verratenden Eliteschweinen geworden sind. Kann sein, dass es da welche von gibt.

 

***

 

 

 

Das Bild ist echt

 

Als ich dich im Dunkeln sah,

hab ich mich verbrannt,

und bin weggerannt,

verbuddelt mich im Sand.

 

Doch ich nahm dein schönes Bild

nur kurz von der Wand,

wollte dich am Strand,

das gelobte Land?

 

Das ist weit weg, so weit weg…

Plötzlich nah.

 

Als ich dich im Dunkeln sah,

spürt‘ ich die Gefahr,

alles war so wahr,

nur nicht mehr sonnenklar.

 

Doch ein Bild von dir im Herz

hätt‘ mir nicht gereicht,

denn ich nahm’s nicht leicht,

war von Gott erweicht.

 

Der war weit weg, so weit weg…

Du warst da.

 

Wenn man sagt: „Ich bleib bei dir“,

sei’s durch alle Zeit,

ist man dann schmerzbefreit?

Befreit von allem Leid?

 

Nein. Ich hing dein schönes Bild

wieder an die Wand,

Wald, Wiese und Strand,

das gelobte Land.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 16. März 2021, Hamburg

 

 

***

 

 

Für Larissa K. , und all meine Freundinnen und Musen, die ich unter Borderlinerinnen je hatte.  Die Tatsache, mehrere Menschen auf einmal lieben zu können, kann Schwierigkeiten bereiten. Dennoch meine ich all meine Lieben ernst. Zumindest in Deutschland ist das eine normale Art zu leben. Jedoch verstehe ich unter „Musen“ und Freundinnen in dem Fall vor allem Menschen, mit denen ich persönlich befreundet bin, mit denen ich künstlerisch schon zusammengearbeitet habe, oder es noch tue, oder bereits Tisch und Bett teilte. Bei uns in Deutschland heißt das eben nicht unbedingt „Ehe“. Lebenslange Treue vielleicht aber schon. Wenn ich schreibe: „Kein Mensch ist divers“, was ich in der Vergangenheit im Internet oft tat, meine ich damit, dass jeder Mensch für mich einzigartig und unaustauschbar ist, und als Mensch immer er oder sie selber bleiben sollte. Gegen Homosexuelle, Bisexuelle oder Transgender habe ich nichts. Was mit wichtig ist, ist, dass jeder etwas findet, das ihm hilft, er oder sie selber zu bleiben. Für mich sind das Gott, das Schreiben, Musik machen. Diese Gedicht-Trilogie ist jedoch vor allem ein Aufruf, die wahren Gefahren, die uns bedrohen, nicht aus den Augen zu verlieren.

 

Especially for Billie Eilish

 

 

*


Inspiriert vom neuen Album der "Sterne". Und Dingen, die ich tagtäglich erlebe. Protestiert weiter! Dieser Staat hier ist menschenfeidlich!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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