Aylin

Keine Kleinigkeit

Keine Kleinigkeit

 

Er hatte keinen Namen. Er war nur der, der Anna zum OP-Vorbereitungsraum schob. Sie hielt die Augen geschlossen. Das tat sie immer,wenn sie durch die langen Flure mit dem gleißenden Licht geschoben wurde. Dann machte sie sich ganz klein unter ihrer Decke. Machte sich zum Nichts. Zum Unsichtbaren.

Der junge Mann plapperte fröhlich vor sich hin. Gut gelaunt. Seine tiefe Stimme umschmeichelte sie, hüllte Anna ein. Trug sie. Begleitete sie durch die langen Flure mit dem gleißenden Licht. Bis sie sich irgendwann traute, die Augen einen Spalt breit zu öffnen. Ihr schmaler Blick fiel auf einen seiner Arme. Tätowiert war er, über und über bis hinab zur Hand. „Wir sind gleich da,“ sagte der junge Mann beruhigend. „Alles wird gut.“ Sie schloss die Augen wieder und hörte: „Morgen Dennis, da bringst du uns ja die Frau Schneider,“ Anna sah nicht wie er ging, die Anästhesistin begrüßte sie und stellte viele Fragen. Eine kleine, blonde Schwester ergriff sanft Annas Hand. Und plötzlich war die Angst weg. Die Angst, die sie seit ihrer Kindheit immer dann erfasste, wenn sie ein Krankenhaus betrat. Die Angst seit jener Operation im evangelischen Kinderkrankenhaus, wo Nonnen die kleinen Patienten malträtiert hatten. Fünfzig Jahre war das her.

Die Ärztin setzte Sauerstoff an und fragte: „haben Sie sich denn schon einen schönen Traum vorgenommen, den sie jetzt träumen wollen, Frau Schneider?“

Anna hauchte: „Jo-ni-lein“ und sah vor sich das Gesicht ihres geliebten Enkelchens. Später erzählte ihre Tochter ihr, dass der Kleine um diese Zeit nur geweint habe und immerzu von Oma gesprochen.

Anna fühlte sich entrückt, doch sie bekam noch mit, dass der junge Mann sie in den OP-Saal schob. “Bis gleich,“ sagte er locker. So selbstverständlich klang es, ließ keine Zweifel zu. „Bis gleich“, als hätten sie ein Date miteinander.

Zeit verging. Anna wusste davon nichts. Irgendwann hörte sie eine freundliche Frauenstimmer:“ Hallo, Frau Schneider. Wie schön, dass Sie wieder bei uns sind!“ Anna öffnete die Augen schlitzbreit und sah die tätowierten Arme. Fast tonlos flüsterte sie: „Da bist du ja wieder, Jung.“ Und die tätowierte Hand schob sich in ihre. Empfing sie, gab ihr Halt. Für einen Moment lang, eine fast liebevolle Berührung. Dann war sie fort.

Anna hatte ihn nie gesehen. Nur seine Tatoos auf den Unterarmen, die sich bis zur Hand hin zogen. Eins am anderen. Ein großes, buntes Bild.

Sie hatte ihn nie gesehen und doch würde sie ihn nicht vergessen. Er hieß wahrscheinlich Dennis.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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