Patrick Rabe

Gemeinsame Träume

Gemeinsame Träume

(sind nur die, die den Träumenden nicht schaden)

oder

Wachsein am Strand

 

Ich finde Menschen ganz schrecklich,

denen and’re Menschen vertrau’n,

und die diese dann heimlich lenken,

und sie in Soldaten einbaun‘.

 

Ich hasse Drähte in Köpfen,

wenn sie knistern, und jemand dran zieht,

wenn die Inhalte ausgetauscht werden,

dann wird es ein anderes Lied.

 

Und ein Schuss im Dunkeln ist Geilheit,

wenn der Feind im Bett stöhnt, wenn man trifft,

man begegnet sich so wie ein Nachtmahr

fällt gemeinsam im rasenden Lift.

 

Und die Lichter, sie blinken. Dann lacht man,

verliert die Kontrolle und stirbt,

wenn der Lift voller Wucht auf den Boden knallt,

und der Stahl splittert, und das Glas klirrt.

 

Doch Tode, die man andern antut,

an denen sie wirklich vergeh’n,

und vor den eigenen Augen

dann sterben, das mag man nicht seh’n.

 

Und lenken Soldaten Soldaten,

dann wird es vielleicht noch ein Krieg,

doch die schlimmsten und leersten Untaten

kommen, wenn es nur Leere noch gibt.

 

Darum reise ein jeder nur dorthin,

wo die Bäume verkrüppelt ihn zieh’n,

in ein Wunder jenseits der Vergänglichkeit,

wo die nächtlichen Träume entflieh’n.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 26. März 2021, Hamburg.

 

 

Die wirklichen Feinde sind oft nicht Menschen, die wir als solche bezeichnen würden, also persönliche Feinde, oder Menschen, zu denen man ambivalent steht, wie dies beispielsweise in Borderlinebeziehungen der Fall sein kann, sondern Menschen, die dem Menschsein entfremdet sind, und sich damit anfreunden können, wie gefühllose Roboter zu handeln. Ich sah vor kurzem ein Paradebild von der chinesischen Armee, und sah in diese absolut wächsernen Gesichter mit den starren Augen. Und da wurde mir wieder einmal deutlich, dass das die wirkliche Gefahr ist. Menschen, die nichts mehr fühlen, und in in sich perfektionierten Abläufen handeln. Was im Wirtschaftsleben oder in bestimmten Berufszweigen ja oft als Voraussetzung für Effizienz und schnelleres, reibungsloseres Arbeiten gesehen wird, ist spätestens, wenn es um Krieg geht, gefährlich. Menschen, die nicht mehr hinterfragen (können) was sie tun, weil sie Zeit ihres Lebens darauf gedrillt worden sind, ihre Menschlichkeit und ihr Menschsein loszuwerden, werden sich nicht nur leichter zu Soldaten machen lassen, sondern sich auch besser in die oberen Ränge und Positionen von menschenverachtenden Systemen einfügen lassen. Der komplette Technokrat, der einem in sich technokratisch durchstruktiruertem Staat vorsteht, war seit dem 20. Jahrhundert, und nach der „Es“-Bestie Hitler (Mit „es“ meine ich hier die Triebkräfte, wie Sigmund Freud sie versteht), die größte denkbare Gefahr für die Menschlichkeit und Menschheit. Was wir heute aber erleben, sind demokratisch organisierte, und der totalen Sachlichkeit verschriebene „Führungsriegen“, in denen die „Obertechnokraten“ nicht mehr von dem Wunsch nach Herrschaft angetrieben werden, sondern nur noch von dem Wunsch nach Effizienz. Der „Traum“ vom bewusstlos bzw. bewusstseinslos handelnden Menschen, der sich problemlos und ohne zu revoltieren, in bestehende Systeme einfügt, scheint zur Zeit in greifbarer Nähe, dadurch vor allem, dass der „Wert“ der Anpassungsfähigkeit und Ichleere verknüpft wurde mit den Werten der Spiritualität. Ein spirituell reifer Mensch wird aber immer gegen alles aufbegehren, was nicht mehr im eigentlichen Sinne menschlich ist. Bis ins 21. Jahrhundert hinein hielt man das Tierische, Triebhafte für den großen Feind. Jedoch das wesenlos marschierende, das mit Techniken, die dem Zen ähnlich sind, Menschen „generiert“, die in allen Abläufen perfekt funktionieren würden, egal, ob es Krieg oder Büroarbeit in hypermodernen Hochhäusern ist, ist eindeutig gefährlicher, eben weil es keine Führer mehr im klassischen Sinne braucht - nicht mal so, wie der Sozialismus sich das vorstellte- sondern nur noch absolut gleiche, angeblich zwar auf Augenhöhe agierende, aber eigentlich lediglich in ihrer Roboterhaftigkeit gleiche, Abläufe ohne Inhalt kreierende menschähnliche Wesen, die ohne irgendein sie antreibendes Wollen funktionieren.

 

Der Song ist inspiriert von dem Lied „Das Meer“, das Masha Qurella und Dirk von Lowtzow auf dem Album „Woanders“ singen. (Ein Text von Thomas Brasch). Für jeden ist der Sehnsuchtsort, oder innere Platz, an den er im Notfall entfliehen kann, ein anderer. Deswegen hatte ich zuerst überlegt, zu schreiben „wo die quälenden Träume entflieh’n“, was vielleicht ein wenig allgemeingültiger gewesen wäre. Für viele, auch für mich manchmal, ist ja auch die Nacht der erlösende Zustand. Aber da die Szenerie in der letzten Strophe für mich am Meer spielt, habe ich „die nächtlichen Träume“ geschrieben, unter anderem deswegen, weil eine Nacht am Meer, gerade dann, wenn man dort alleine ist, auch etwas sehr Unheimliches haben kann. Für Billie Eilish beispielsweise wäre das der größte Horror. Für Manche ist der Sehnsuchtsort ein Ort, an dem sie sich selber loswerden können, für manche ein Ort, an dem sie sich selber finden können. Für mich wäre das jedoch ein Ort, an dem ich mich FINDEN kann, auch aus den oben genannten Gründen. Die Selbstentwerdung, die ja auch in manchen religiösen Riten gepflegt und angestrebt wird, halte ich in der heutigen Zeit für gefährlich und den die die Menschheit versklavenwollenden Kräften zuarbeitend. Sänger und Musiker jedoch, die die Menschenmengen von der Bühne aus anheizen und ihnen mit ihrer  Musik ein gutes Gefühl geben, egal, ob sie beruhigt, oder aufpeitscht,  halte ich für diesem Trend nicht folgend. Unter anderem deswegen, weil sie viel zu eigen und zu individuell sind, um sich in solche Apparate einfügen lassen zu können oder zu wollen. Dass dies dennoch versucht wird, darf man aber auch nicht aus dem Blick verlieren.

 

 

 

Für Dirk von Lowtzow, Billie Eilish, Fiona Apple, Martin Flohr und alle anderen, die die Fackel der Musik heute noch hochhalten, und sie nicht ausgehen lassen.

 

Und für Bob Dylan, der sich immer, mit seinem ganzen Lebenswerk, dem Trend der Gleichmachung und des Vereinnahmtwerdens widersetzt hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.03.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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