Patrick Rabe

Thrasher (Mörderwind über den Feldern)

Thrasher

(Mörderwind über den Feldern)

 

Sie kamen über Nacht,

zunächst war’n sie noch Freunde,

sie haben was gebracht

in unsere Gemeinde.

 

Ein bisschen lecker Schnaps,

und schöne Perlenketten,

doch dann machten sie „Haps!“,

und niemand konn‘t sich retten.

 

Columbus war sehr freundlich,

der wollte mit uns chillen,

doch Cortez, er war feindlich,

er kam, um uns zu killen.

 

Jetzt weht ein Wind über das Land,

und niemand kann mehr greifen,

wie sich darin ein Schlitzer fand,

obwohl wir uns einseifen.

 

Der Schnitter Tod, der Schlitzer Hass,

sie fressen das Getreide,

doch was man stumm nach innen frisst,

das killt im stillen Leide.

 

Wenn man schon Luft für tödlich hält,

stirbt man von dem Geflunker,

die Maske auf, trotz Frühlingswind

im Schlichtbetonmietsbunker.

 

 

 

Das Gedicht ist an die beiden Neil-Young-Songs „Thrasher“ und „Cortez the Killer“ angelehnt, die sich mit dem Mord der spanischen Flotte an den Inka und Maya auseinandersetzt, die Columbus noch als sehr freundlich erlebt hatten, und mit nichts Bösem rechneten. Die beiden Songs von Neil Young sind aber auch Auseinandersetzungen mit dem generellen amerikanischen Trauma des “sich von unbegreifbaren Mächten auf weiten Feldern hingemetzelt vorzukommen“, und dann hinterher zu merken, dass man noch lebt. Viele Amerikaner ziehen dann gerne Außerirdische als Erklärung heran. Ich denke aber eher, eine Nation, die fortwährend in Kriege verwickelt ist, die Todesstrafe aufrecht erhält und immer wieder gegen Minderheiten vorgeht, muss sich über solche Phänomene nicht wundern.  Ich deute sie nicht als das Handeln von Außerirdischen, sondern als spirituell und aus dem verdrängten, kollektiven schlechten Gewissen kommend. Natürlich muss man hierbei wirklich zwischen „kollketiv“ und „persönlich“ unterscheiden. Wer persönlich keinen mord begangen hat, bekommt auch vom schicksalswind keine „Ohrfeige“. Aber „sein Sausen“ hört man gleichwohl doch. (Johannesevangelium). Viele menschen nehmen im gefühl Erschütterungen und Krisen wahr, die nicht zu ihnen persönlich gehören, sondern zu kollektiven Dingen. Dann heißt es aber dennoch nicht: sich abwenden, und weiterpennen, sondern aufwachen, und etwas Gutes auf den Weg bringen. Gleiches gilt natürlich auch für uns Deutsche. Wir haben keinen „Persilschein auf ewig“. Wer rechts und links von sich Unrecht bemerkt, sollte etwas tun. Sonst trifft der „Einschlag“ blad auch ihn. Denen, denen Unrecht geschieht, nicht zu helfen, kann genauso schlimm sein, wie aktiv zuschlagen. Dieses Gedicht ist auch eine Reaktion auf Hanns Seydels „Stammheim-Gedicht“. Für mich ist bei den Toden der RAF-Häftlinge in den Isolationszellen die Schuldfrage nicht ganz so eindeutig geklärt. Eine große Hilfe kann es sein, sich einmal den preisgekrönten Film „Stammheim“ (unter anderem mit Ulrich Tukur als Andreas Baader) anzusehen. Dieser Film ist ausschließlich nach Originalprotokollen (und Abhörtondokumenten!!! –man schmuggelte diese zu den Häftlingen in die Zellen) gedreht worden. Es ist unter anderem auffällig, wie gut und intelligent der in der Öffentlichkeit als grober Rüpel verschrieene Andreas Baader im Prozess argumentiert. Die Häftlinge gingen davon aus, dass „die Mordaktion gegen sie“ „von außen kommen würde“. Zumindest ist erwiesen, dass der Revolver, mit dem Andreas Baader sich angeblich tötete, mit einem Brief seines Anwalts zu ihm hineingeschmuggelt wurde. Wer der wirkliche Absender war, ist bis heute ungeklärt. Noch verwaschener erscheint die Sache im Fall des Todes von Ulrike Meinhof. Ich billige die Anschläge und Morde der RAF keineswegs. Aber schon die RAF selber war eine nicht ohne Grund wieder radikaler gewordene Strömung innerhalb der studentischen Protestbewegung Ende der 1960er bis Mitte der 1970er. Man war sich sehr wohl im Klaren darüber, dass der deutsche Staat langfristig wieder eine Aufrüstung, Wiederbewaffnung und eine Beteiligung an Kriegen plante, und dass in Gefängnissen, Kinderheimen und Psychiatrien nach wie vor gefoltert und unter der Hand zum Teil auch gemordet wurde. Wenn wir uns die heutige Lage von Deutschland anschauen, sehen wir eigentlich die schlimmsten Befürchtungen dieser Studentenbewegung bestätigt. Erst schießt man mit Kanonenkugeln auf Spatzen, dann verkauft man Panzer und Drohnen an andere Länder und bombt im Dienst der „guten Sache“ auf Afghanistan, und dann schießt man auf das eigene Volk. Zwar nicht mit Bomben wie Assad. Aber mit sukzessive tötenden Coronagesetzen. An Isolation und Depression durch die Lockdowns sind aus meiner Sicht mehr Menschen gestorben, als an irgendwelchen Viren. Für mich weist das schon gewisse Ähnlichkeiten zu der Isolationshaft der RAF-Häftlinge auf. Unser Land, und vielleicht jeder von uns sollte sich mal die Frage stellen, wer eigentlich der Feind ist. Und dass das verblüffende Ergebnis wirklich oft ist, dass man abgeschottet in einem bunker sitzt, und ruft: „Hier ist noch ein Feind, und da ist noch ein Feind!“ , und gar nicht merkt, wie man nicht an der Luft, sondern an der fehlenden Luft zugrundegeht.

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 30. März 2021, Hamburg.

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