Niklas Götz

Wendekreis

 Wie Faust so wollt’ auch ich nun wissen was die Welt  
 Im Innersten und Äußersten zusammenhält
 Gut möglich, dass die Antwort mir dann nicht gefällt
 Es zählt allein,  dass sich die Nacht in Licht erhellt
 
 Tausend Fragen wollte ich zu stellen wagen
 Tausend Fragen, keiner konnt’ mir ihre  Antwort sagen  
 Tausend Fragen, die wie Leuchttürme in den Nebel ragen
 Tausend Fragen, deren Lösungen sich mir verbargen.
 
 
 Ziel meiner Suche war’s die Schlüssel zu finden
 Die mir endlich verraten wie die Wege sich winden
 Ein jeder begann meinen Geist an sich zu binden
 Doch ließen sie auch meine Hoffnungen schwinden
 
 
 Zur Theologie fehlte mir Vertrauen doch vor allem  Glauben
 Der Philosophie wollt’ ich nicht gleich hundert Wahrheiten erlauben
 Chemie behandelt weder größte, weder kleinste Weltenschrauben
 Kunst dagegen schien den Menschen nur die Zeit zu rauben
 
 
 Mit heiß’m Bemühn studierte ich Jahr auf Jahr
 Die Disziplin der Physik, sie schien so unfehlbar,
 Stets prüfend, stets fragend, stets Zweifeln nah
 Hoffte ich auf Wissen das nicht widerlegbar war.
 
 
 Mit Evidenzschwert und Formelflamme würde ich bald richten
 Die Gordisch’n Knoten kühn zerschlagen und dunkle Wälder lichten
 Auf den Schultern von Riesen wollt’ ich stolzerfüllt stehen
 Hoch über den Wolken würde ich endlich über jede Mauer sehen.
 
 
 Doch Beschreiben lernte ich und mich an Daten satt zu fressen,
 Lernte  das Sein nur in Ziffern und Zeichen zu pressen,
 Keine Antworten auf “Was?”, nur auf “Wie?” fand ich stattdessen
 Konnte nichts begreifen, doch fast alles erklären und messen.
 
 
 Jede Antwort spuckte neuen Fragen nur
 So stand ich nun mit jenen allein auf weiter Flur
 Von wahrer Erkenntnis fehlte  jede Spur
 War keinen Schritt weiter als beim Abitur
 
 
 Schleichend wie  ein Fieber wurde mir erst später klar
 Wie ich ohne es zu ahnen bald verändert war
 Logik, Kausalität und Axiome war’n was ich nun sah
 Sodass mein Geist Gedanken wie Maschinen gebar
 
 
 Du bist was du isst und wirst was du denkst,
 Selbst wenn du im Geiste gerne Grenzen sprengst,
 Die Gedanken in unentdeckte Länder lenkst,
 Altes mit Neuem zu Unbekanntem vermengst
 
 
 Auch du wirst folgen was deines Faches Regeln sind
 Hoffend deine Kunst zu meistern recht geschwind
 Wer eifrig nur nach Nadeln sucht wird blind
 Für gold’ne Ähren, welche tief im Heu verborgen sind
 
 
 Je mehr ich den Herzschlag des Universums verstand,
 desto weniger hatte ich seine Wärme erkannt.
 Der Sternenhimmel war mir einst ein Wunderland
 Heute sehe ich nur Wüste angefüllt mit Lichtersand.
 
 
 Schlimmer noch, ein Auge musste mir nun reichen
 Denn die Worte schienen nun vor mir zu weichen
 Waren trocken und leer, träge und schwer, schweigende Leichen
 Ich verstummte vor einer Welt voller Fragezeichen.
 
 
 Liebe und Hass, Freude und Not, es stirbt wer ward geboren
 Ihr Widerstreit war einst ein dunkles Lied in allen Ohren
 Stumm nun bleibt  das Herz, sieht  doch hinter allem nur:
 Wie im Himmel so auf Erden, regiert allein die Natur.
 
 
 Nach Jahren kalten Rechnens will ich endlich wieder fühlen
 Wie die Herzschläge der Welt mich durchwühlen
 Will  im Feuer junger Jahre wieder brennen
 Will der fernen Länder  Küsten kennen
 Will die Welt in tausend bunten Farben malen
 Damit die Sterne im Glanze alter Zeiten strahlen
 
 
 Zwei Seelen sollen sein in meiner Brust
 Die eine schlägt mit Logik Fakten in den Stein
 Die andre aber soll ein zarter Pinsel sein  
 Welcher zeichnet meiner Sinne feine Lust
 
 
 Mein Dürsten stillt die Wahrheit nicht allein
 Denn Wissen wird  für immer rar, nur Gedanken frei sein
 Erkenntnis wird meinen Hunger niemals sättigen
 Nur der Glanz der Welt kann ihn bändigen
 
 
 Noch habe ich nicht vergessen Mensch zu sein
 Noch ist mein Herz nicht tot, es schlief nur ein
 Mehr als ich bin will ich wieder sein
 Will mein altes Ich von sich selbst befrein.

 

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