Patrick Rabe

Die Fessel, der Stuhl und der Ast

 

Am dunklen Fluss lief ich davon,

denn ich verstand nun: Es ist Babylon.

Ich lief durch die Wälder, von den Hunden gejagt,

und ich verstand: Es kommt ein jüngerer Tag.

Am dunklen Fluss, wo sie nicht sah,

wer sie verfolgte, und wer mit ihr war,

da fand ich Ruhe für einen Moment,

erkannte, was uns, mich und sie noch trennt.

Denn ich fand jenen Ast, von dem sie nahm,

jenes heilige Lied, das aus ihr kam.

Und der Ast, ja, er sang es immer noch:

„Gott hat mich geschaffen, er ist weit und hoch.“

Da ging ich heim, wollt’s zuhause künden.

Doch dort war Babylon, und sie sprach von Sünden.

Sie fesselte mich an den Küchenstuhl,

und stürzte mich in den Sündenpfuhl.

Und erst dann dort sah ich auch nicht mehr,

wer mich verfolgte, wer mein Heiland wär,

ich sah: der Feind ist mein bester Freund,

er, sie und es… alles nur geträumt?

Und wir wurden eins, es war wunderschön,

und der Ast sang das Lied, ohne zu verdreh’n,

was wir meinten, und es war tief und schön.

Doch als die Nüchternheit mich beschlich,

sah ich immer noch in der Küche mich.

Sie schlug mich hart mit dem Nudelholz,

und sagte: „Sag das Wort, denn dann bricht dein Stolz.“

Und sie nahm mir dann das Versprechen ab:

„Sag’s nie wieder, bis hin ins kühle Grab.“

Und ich verstand: Es ist Babylon.

Aber ich war ihr Gefang’ner schon.

Doch ich verstand, und ich sah noch mehr:

Der dürre Ast gibt noch Grünes her.

Und so sing ich jenen heil’gen Song,

auch unter den Schlägen der Hure Babylon.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 12. April 2021, Hamburg.

 

Dieses Gedicht bezieht sich auf einige Songs von Leonard Cohen, insbesondere auf „By the rivers dark“ und „Hallelujah“. Von beiden Songs gibt es gute deutsche Übersetzungen von Misha Schoeneberg. Die vollständige deutsche Textversion von „Hallelujah“ singt Max Prosa, die Schoeneberg-Übersetzung von „By the rivers dark“ (Am dunklen Fluss) singt Nina Hagen. Von beiden Songs gibt es Videos. Natürlich lohnen sich auch die Originalversionen von Leonard Cohen.

Ich habe in meinem Gedicht vor allem das Motiv von David und Batseba aufgegriffen, dass in „Hallelujah“ eine Rolle spielt, und in Cohens Version der Geschichte auch ein wenig an Simson und Delilah erinnert. („Sie fesselte mich an einen Küchenstuhl, sie brach den Thron und sie schnitt mein Haar, und aus meinem Mund zog sie das Hallelujah.“). Bei Cohen bezog es sich unter anderem auf die Tatsache, dass eine seiner Freundinnen ihm seinen Glauben ausgeredet hatte, und ihn dann wegen einem anderen verließ, und in der gemeinsamen Eineinahalbzimmerwohnung sitzen gelassen hatte, wo er monatelang in seiner kleinen Küche schwerste Depressionen durchlitt. Bis zu seinem Tod hat ihn dieses Erlebnis und seine von ihm darin erkannten, spirituellen Momente nicht wieder losgelassen. Besonders die Tatsache, dass man an einem Tag ein Muster miteinander durchlebt wie David und Batseba, und am nächsten Tag ist man einfach wieder Leonard und z.B. Marianne, hat ihn Zeit seines Lebens beunruhigt. Jedoch fand er tatsächlich, wie in „By the rivers dark“ angedeutet, an einem halbverdorrten Ast draußen in der Natur das heilige Hallelujah wieder. Auf seinem vorletzen Album singt er trotzig und dennoch erlöst: „Und auch WENN alles schiefging, ich sing ihn DOCH, meinen Hallelujah-Song.“. Er konnte aus seinem Leben heraus zu keinem anderen Ergebnis kommen, und es IST sein Sieg über Babylon. Was ich eben nur schade finde, ist, dass es ihm offenbar nicht gelang, in einer Frau letztendlich doch nur ein Monster sehen zu können, dass ihm seine schönen Locken abschneiden will. Denn selbstverständlich ist Babylon in der Bibel ebenso eine Stadt wie eine Frau, genauso, wie das Wort „Bethlehem“ (Bat le `chaim) ja auch sowohl „Stadt des Lebens“ oder „Ort des Lebens“ heißt, wie auch „Frau bzw. Mädchen des Lebens“. Mir scheint es wirklich so, dass zu jüdisch geprägte Menschen – und ich meine das nicht antisemitisch- es am Ende oft doch trotz ihrer grandiosen Mystik nicht hinbekommen, eben das auch ernst zu nehmen und umzusetzen, was in ihren Schriften steht: Nämlich das Begreifen, dass im Tod das leben steckt und dass man eine „Babylon“ alleine schon nur durch Liebe zu einer „Batlechaim“ machen kann. Ich glaube, das Problem besteht darin, es machen zu WOLLEN, und sich darin als Erlöser zu fühlen. Jedoch ist ein Mann, der nach Babylon geht, um dort Erlösung zu finden, natürlich ebenso erlösungsbedürftig, wie die Frauen, die er dort vorfindet. Ich glaube, Antisexismus ist vor allem eins: Sich eingestehen, dass man sich nur gemeinsam von totem Gezweig in begrüntes Gezweig verwandeln kann. Sowohl die herrschende Frau, als auch der herrschende Mann, sind Menschen, die aus Angst voreinander noch nicht zur Liebe finden konnten. Nur, dass die Frau sich dann wenigstens meistens gleich Salome oder Judith nennt, und bereit ist, den Mann notfalls einen Kopf kürzer zu machen. Männer hingegen nennen sich in den allerwenigsten Fällen dann Saul, Judas oder Psychose-Simson, der seine Potenz an der Länge seiner Haare festmacht, sondern leider oft immer noch „Gott“, „Jesus“, „Allmächtiger“, oder „Prophet aller Propheten“. Und dass es dann das Nudelholz über die Rübe gibt, kann ich verstehen. Ich würde mir nur gerne mal das „Evangelium der Frauen“ erklären lassen, (natürlich selbstverständlich OHNE jeden Bibelbezug, denn die Bibel IST mehrheitlich aus Männersicht geschrieben worden), aber auch, ohne, dass sie oder ich dafür Keuschheitsgürtel oder Pflaster auf dem Mund tragen müssen. Mein Gedicht hier ist ein Versuch in diese Richtung. Natürlich, und das gebe ich gerne zu, ist er mehr als eine „Beziehungsklärung“. Er versucht auch auszudrücken, was ich ganz allgemein um mich herum und in der Welt wahrnehme, und mein – jedoch nicht hoffnungsloses- Bedauern in Worte zu fassen, dass die Schönheit der Natur es oft auch nicht schafft, Menschen miteinander zu versöhnen, und Grenzen zu überwinden. „Lasst die Bäume stehen!“, ist deswegen dann doch etwas mehr als eine Umweltschutzforderung. Vor meinem Fenster grünen mittlerweile deutlich mehr Zweige als nur einer.

 

 

 

 

Einsicht versteht, Kraft erschafft, Wille lenkt, Liebe liebt.

(Patrick Rabe)

 

Nur Beharrung führt zum Ziel, nur die Fülle führt zur Klarheit, und im Abgrund wohnt die Wahrheit

(Friedrich Schiller)

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