Niklas Götz

Erntedank

 Im Schoß derselben, gold’nen Ähre wuchsen wir
 Gut umsorgt,  fest umgarnt, warm umschlossen,
 Du schirmtest mich vor Regen, im Sturm vertraut’ ich dir
 Wir waren eins,  so wie aus einem Erz gegossen 
 Grün wie Sommerweiden waren wir, als der  Tag begann
 Einst dem andern fremd und schüchtern, ganz wie scheue Rehe
 Zueinander, miteinander, aneinander wuchsen wir heran 
 Eure Augen blicken mich an, wenn ich mich im Spiegel sehe
 
 
 Die Sonne strahlte jeden gleichermaßen rühmend an
 Erleuchtete silbrig mich am Morgen, dich am Abend
 Wer einander Schatten warf, der spürte  selbst den Schmerz daran
 Waren wir doch alle am gleichen Safte labend
 
 
 Tag auf Tag, mit jedem Wimpernschlag war man reifer
 Ein jeder wurde alsbald golden, prall und fett
 Auf uns stürzten gierig hinab die hungrigen Greifer
 Begehrten uns zu zerren aus unsrem warmen Körnerbett
 
 
 Nach langen Sommern warmer Sonne
 Welcher tränkte  den Weizen in froher Wonne
 Wuchsen Schatten, grau verblassten still die Tage bald
 Unbekannte Stimmen riefen tief aus dem Wald
 
 
 Plötzlich brach der letzte Halm wir lösten uns geschwind
 Fielen ab, waren frei, verstreuten uns im Wind
 Statt in Freundschaft zu ruhen wie am Busen das Kind
 Lernen wir nun wie allein wir wirklich sind
 
 
 Einer wurd vom Wind verweht in dornenreiche Hecken
 Den andern riss die Flut davon, auf eine weite Reise
 Wieder einer blieb im braunen Schlamme stecken
 Der letzte diente  gar den Schweinen nur zur Speise
 
 
 Auf jeden warten schwere Prüfungen, Wege, Schicksale
 Ob wir blühen, verderben, zermahlen werden
 Jeder geht nun seinen Weg allein, zum ersten Male
 Oder muss in der Fremde um Gefährten werben
 
 
 Uns hält das Eis gefangen, friert unsre Herzen ein
 Wo dieser Winter ist, kann kein Wir mehr sein
 Was einst war ist kaum mehr als ein müder Traum
 Der dazu dient, im Schneegestöber uns zu erbaun
 
 
 Doch die Wärme dieses Sommers
 Die zarte Berührung unsrer Spelzen
 Der geteilte Kuss des Windes
 Das gemeinsame Mahl der Erde
 
 
 Kann keine Flut hinwegwaschen
 Kann kein Stein ausmahlen
 Kann kein wildes Tier auffressen
 Kann kein Sprössling überwuchern
 
 
 Ergrünen lässt mich bald des Frühlings’ erster Schein
 Bald durchbreche ich den Käfig, mein eisiges Heim
 Nicht die Sehnsucht treibt zur Sonne mich allein
 Doch Erinnerung an Euch, an das uns in meinem Keim 

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