Patrick Rabe

Fahrt über den Fluss

 

Fahrt über den Fluss



Ich fuhr im Auto durch die Nacht,

der Totengräber lag noch wach,

die Stadt war voller Lichter, ich war einsam.

 

Die Freunde um mich war’n verblasst,

ich war versunken in die Last

des Lebens, dachte: „Wie wär es gemeinsam?“

 

Wir fuhr’n durch einen blauen Traum,

auf „Ich will dich“, Rheinuferschaum,

und unter uns die Elbe und der Hafen.

 

 Ein Wink, ein Kuss, ein Licht im Glas,

kann sein, dass ich die Zeit vergaß,

ich dachte nur: Ich möchte mit dir schlafen.

 

Ich will dich.

 

Ich ging mit ihr zu ihr nach Haus,

sie legte mir die Karten aus,

zu ihren Gunsten, klar, auch den Kelchkönig.

 

Sie sah etwas in mir so schön,

doch hatte Angst, mich zu verdreh’n,

sie sah zu viel, wir beide sah’n zu wenig.

 

„Die Liebenden“ zogen wir oft,

lagen zusammen, unverhofft,

weil man sich sowieso nicht so verstell’n kann.

 

Und immer wieder kam das Licht,

zu uns, doch manchmal nicht

so schnell, dass nicht ein Hund auch bell’n kann.

 

Ich will dich.

 

Meine Väter gingen drauf,

keiner konnt‘ Liebe schenken,

und ihre Töchter spiel’n sich auf,

weil wir nicht daran denken.

 

Der hübsche Kindskopf tanzt perfekt,

vor Wut wäre ich fast verreckt,

sein Asiatendress ist appetitlich,

 

doch aus dem Mund kommt Blödsinn nur,

nichts Bindendes, nur eine Schnur

von Unsinn. Du findest ihn niedlich?

 

Ich will dich.

 

Am Flughafen trennten wir uns dann,

du gingst zu einem andern Mann,

ich ging mit Gott, doch niemals über’n Jordan.

 

Wenn doch, dann schwamm ich unterdurch,

mehr Lachs und Hecht, als Frosch und Lurch,

ich bin besiegbar, doch bin was geworden.

 

Ich ging über den Rubikon,

da sah ich meine Liebste schon,

an Rhein, Elbe und Ruhr, meist ohne Poncho.

 

Und Niedecken singt  „Ich will dich!“,

das führt zu Hochzeit, nicht zum Strich,

doch mutiger ist klar Dylans „I want you!“

 

 

© by Patrick Rabe, 20. April 2021, Hamburg.

 

Für Tanja zum 41. Geburtstag,

Wolfgang Niedecken zum 70. Geburtstag,

Bob Dylan zum 80. Geburtstag.

 

 

Ebenso auch

für

Roxana,

Bianca,

unzählige erfüllte und unerfüllte Lieben, Verliebtheiten, Affären etc. seitdem…

 

 

 

und für meine jetzige Liebe.

 

Manchmal ist es schwer zu vermitteln, dass ich jede Liebe ausschließlich meine. Hätte sich ja vielleicht auch anders entwickelt, wenn mein Leben anders gelaufen wäre. Aber das ist „hätte, hätte, Fahrradkette“. Ich bin da vielleicht schon ein typischer „Post 1968’er“, vor allem als ein Sohn von Eltern, die „1968“ nicht im eigentlichen Sinne mitgemacht haben.

 

Dieses Gedicht ist meine Mittvierziger-Reflexion (ich werde bald 45) darüber, wie ich das Leben ab jetzt deuten könnte, da es ja in Wandlung und Bewegung ist. Es knüpft an an einen Abend des Jahres 1995, an dem ich mit Freunden durch den Hamburger Hafen fuhr, und aus dem Radio Wolfgang Niedeckens Übersetzung des Bob Dylan-Songs „I want you“ tönte. Das Lied traf damals voll meinen Nerv. Natürlich verstand ich es erst in Gänze, nachdem ich auch Dylans wunderbares Original mit seinem melancholisch-fröhlich hüpfenden Beat kennengelernt hatte. Gerade die Bridge mit der Zeile “All my fathers, they‘ve gone down“ eröffnet noch einmal ein ganz anders Schlaglicht und eine andere Grundbetonung des Textes, als die Übersetzung von Wolfgang Niedecken. Mit dem „dancing child in his chinese suit“ aus „I want you“ dürfte Mick Jagger gemeint sein. Das Album „Blonde on Blonde“ war ja aber eher ein Sinnieren über die erotische Liebe und das Ewige darin, und reflektierte mehrere von Dylans vorangegangenen Beziehungen (auch im Hinblick seiner damals bereits geschlossenen Ehe mit Sara Lowndes.). Deswegen ist auch müßig zu erörtern, ob der kleine Seitenhieb gegen Mick Jagger auf einer enttäuschten Liaison mit Marianne Faithfull beruht. Für die dichterische Aussage von „I want you“ und dem Album „Blonde on Blonde“ an sich ist das total unerheblich.

 

 Ich denke natürlich oft über die Vergangenheit nach, aber nie so sehr, als dass sie mich komplett fesseln könnte. Wenn ich jetzt zu „Leuten von früher“ wieder Kontakt aufnehme, ist das ein Neuanfang, ohne das Vergangene vergessen zu haben. Aber ich habe lange schon keinen Groll mehr wegen 20 Jahre zurückliegender Unstimmigkeiten. Ich bin im Moment ein bisschen am Nachdenken darüber, welches Verhalten Frauen gegenüber zu was führt. Über den Rubikon zu gehen, ist sicher ein mutiger Schritt, und führt auch nicht dazu, über den Jordan zu gehen. Aber das Dylan’sche „I want you“ scheint mir auf lange Sicht wirklich nur in eine große Variabilität des Frauenbildes, das man hat, zu führen – also, wie Bob Dylan es in „Tangled up in blue“ singt, „die eine“ Geliebte in allen Frauen sehen zu können. Das ist für den Dichter eine große Quelle, für den, der eine Beziehung führen möchte, ist es oft aber auch hinderlich. Frauen denken dann oft, man hätte eine derartig große Variabilität wie in seinen Gedichten auch im Liebes-und Sexleben. Je älter ich werde, erscheint mir das nicht mehr sehr ersprießlich, und es führt auch meistens nicht zum Erfolg. „Ich will dich“ ist zwar ein klares Bekenntnis, aber „Ich will dich“ meint wirklich nur eine Person. Es klingt mir in Wolfgang Niedeckens Übersetzung aber schon manchmal ein bisschen zu sehr nach einem weißen Brautkleid, Zuckertorte, kleinem Eigenheim und dann 20 bis 30 Jahren miefiger Ehehölle. Liegt aber wirklich nur an dieser einen Umbetonung. Ansonsten ist die Übersetzung genial.

 

© by Patrick Rabe, 2021

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