Patrick Rabe

Orte (Ein Lyrik-Duett)

Bist du’s?

 

(für Ulrike Meinhof, Christa Wolf, Friedrich Hölderlin, die Unromantik des Eingesperrtseins, all meine Freunde und Freundinnen in ähnlichen Lagen, den bitteren Boden, Jean, Günther, Charley… Cosma und Nina… für die von uns gegangenen… die, die bleiben, durchhalten und lieben, meine Mutter, die Liebe und den Frühling.)

 

 

 

Ulrike Meinhof war eine mutige Frau.

Notgeschlachtet von der Gruppe 47,

aufgestiegen in der „Konkret“,

zur Kolumnenschreiberin verspiegelt,

die entscheidenden Sätze zum Schah gesagt,

herumgereicht und abserviert.

Dann eine getroffen, die sie verstand.

Ihr die Hand reichte, ihr recht gab, und sagte:

„Aus einer Pistole kann man schärfer schießen, als aus einem Stift.“

Flagge zeigen. Ist das Christentum?

Gudrun ist Christin. Und Bernward auch. Zumindest ein echter Linker.

Wem vertrau ich?

Die starke Schulter von Andreas bricht weg, als er anfängt, zu brüllen.

„Ich falle!“, ruft sie. „Ich falle!“

Die Bank leergeräumt für den Kampf gegen die Schweine.

Kurz im Kopf der Gedanke: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Das Springer-Hochhaus explodiert. Und die US-Militärbasis in West-Berlin auch.

„Sie sterben wie die Menschen in Vietnam. Die Mütter… Die Kinder… Die kleinen Jungen.“

Immer mehr von „uns“ werden verhaftet.

Hungerstreik? Oder gibt man uns nichts zu essen, damit wir alles ausplaudern?

Sie zeigt Schwäche. Sie weint. Ihre Stimme und ihre Argumentationen sind zittrig und fahrig.

Sie bittet die Gefängniswärter um einen Schreibblock und einen Stift.

Andreas läuft zu Hochform auf. Kurz denkt sie wieder: Er hat doch recht.

Sie darf mit Gudrun in eine Zelle.

Gudrun stört sie beim Schreiben.

Ulrike schreibt aber immer besser.

Journalistische Artikel. Gedichte. Polemiken.

Gudruns Hass schlägt ihr entgegen. Sie kann nicht schreiben, nicht argumentieren.

Sie ist eine Kämpferin.

„Das Messer im Rücken der RAF bist du!“,

zischt sie hinter ihr, als sie wieder in den Gerichtssaal gehen.

Andreas ist fahrig.

„Die Mädels müssen sich jetzt mal verstehen.“, sagt er.

Ulrike bittet um ein Glas Wasser.

Sie bekommt wieder eine Einzelzelle.

Die Schatten tanzen an den Wänden.

Sie hat nichts zu schreiben.

Halluziniert.

Sieht Sophie Scholl.

Weint.

Streckt ihre Hand aus zum Fenster.

Spürt das Aufgehen eines neuen Sternes.

Und erhängt sich.

Die Stimmen tosen.

Die Massen rasen durch Stuttgarts, Berlins und Bonns Straßen.

Sie überschlagen sich und rufen:

„Ulrike Meinhof: Das war Mord!“

Sie entkommt unter einem Regenmantel.

Auf mysteriöse Weise wiedergeboren.

Rennt über Alleen, an denen Rapsfelder blühen,

Bienen summen.

Vögel singen.

Der Himmel ist blau.

Ein Lauf ins Endlose.

Und dann der Fall ins nasskalte Gehirn.

Verdämmern in den Knochen von Christa Wolf.

Ringend um Worte, die sie als Karoline von Günderode

an Heinrich von Kleist schreibt.

Der blond ist, wie ihr Mann.

Aber sie argumentiert mit ihm die Wortgefechte mit Andreas zuende.

Bis auch Kleist als ausgelutschtes Männchen

in den Ufern des Neckar untergeht

und nach Tübingen verschwindet…

Um im Boulanger zu saufen. Und im Stift zu beten.

Sie will weiter mit dem Stift statt im Stift beten.

Ein Gedicht gelingt ihr.

Es erinnert sie an Dutschke.

„Jeder bekommt eine zweite Chance.“,

sagt der Scharfschütze, und richtet die Waffe auf den Hoffnungsträger.

„Vater. Mutter.“,

sagt Dutschke.

Der Mann schießt.

Unendlich dämmern die Zeiten durch den wabernden Nebel von Eisenrauch.

Die blauen Masken stülpen sich beim Atmen in den Mund wie Flaggen.

Was ist schlimmer?

„Kein Ort nirgends“?

Oder „Ein Ort überall“.

Ulrike Meinhof war eine mutige Frau.

 

 

© by Patrick Rabe, 23. April 2021, Hamburg.

 

Sicherlich ist dies auch eine Fortschrift des Buches „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf, vor der ich Hochachtung habe. Quasi in Überwachung eingeknastet zu sein, aber im eigenen Staat noch als freie Schriftstellerin zu gelten, muss heftig sein. Von den einen Opportunistin genannt, von den anderen Systemkritikerin. Wir bewegen uns immer mehr als gesamte Menschheit in so etwas hinein. Wir sollten aufstehen, und protestieren, solange es noch geht. Und nicht über Stimmen spotten, die dies noch benennen, und die in „Kein Ort“ auch „Ou Topos“ „Utopie“ hören können, obgleich es ja eigentlich „Keine Geschichte“ heißt. Gegen das Verstummen!

 

 

 

 

 

 

 

Der Dichter

 

In seinen Worten liegen ganze Welten,

er redet von dem, was ich selber kenn‘,

wir waren beide dort einmal zusammen,

können es noch feiern und benenn‘.

 

Doch seine Worte, sie verraten jenes Wesen,

und man stürzt unendlich tief hinab,

kann in dem, was grad Halt noch gab, nichts lesen,

wenn man die Wärme sucht, in Angst vor Tod und Grab.

 

Er preist, als wär’n sie göttlich, weiße Räume,

in denen er die Wahrheit wieder fand,

und Engel aus den Rock’n Roll-Klang-Schäumen,

die bei ihm saßen, traulich, Hand in Hand.

 

Und doch, die Pirouetten, wenn sie schmelzen,

dann offenbaren sie dich nicht darin,

und er läuft fort auf meterhohen Stelzen,

vernebelt weiter noch die Wahrheit und den Sinn.

 

Wo man sich in den Worten einst gemeint fand,

und  heimisch bei ihm fühlte sich und frei,

da zeigt er einem wieder einen Engel,

wer immer es für ihn auch grade sei.

 

Der weiße Raum jedoch ist nichts als eine Falle,

steril, erstickend, und nur wenig lebt,

und um zu hören „Engel sind wir alle“,

muss man erst koksen, kiffen, sniefen was nur geht.

 

Und selbst die stärksten Tranqulizer heben,

die aufgehellte Stimmung macht dich matt,

sie können dir die Nacht nicht wiedergeben,

mit der er fliehen konnte in die Stadt.

 

Und doch: Ein Freund schaut rüber in dein Fenster,

und dichtet auch und denkt dich wie im Traum,

und stundenlang verschwinden die Gespenster,

die Einsamkeiten und der weiße Raum.

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, 23. April 2021, Hamburg.

 

Das Gedicht ist natürlich an „White room“ von Cream angelehnt. Wer schon mal in einem sterilen, weißen Raum war, von wo er nicht wegkonnte, weiß hoffentlich, wovon ich hier schreibe. Da verliert sich alle Romantik. Und Engel sind da eher nicht. Die Nacht kann etwas unglaublich wohltuendes haben, wenn man sich in ihr wohlfühlt. Für alle, die in ihr Angst haben, wünsche ich einen echten Engel oder einen Freund an ihre Seite. Das Gedicht schrieb ich nach dem Wiederanhören des Albums eines Freundes, mit dem ich in der Zeit, als es entstand, sehr viel Zeit verbrachte. Ich bin mir also sicher, dass er auch diese ganzen Dinge darin thematisiert. Aber gerade in dem Song, von dem ich wusste, dass er ihn implizit mir gewidmet hatte, und damit seine Wiedererneuerung als Künstler bejubelte, verschwimmen am Ende doch wieder die Figuren, und er preist einen „wunderschönen Punkrockengel“, der ich dann doch eindeutig NICHT bin. Dichter sind leider oft Verräter. Zumindest, wenn sie nichts anderes machen außer Dichten.

 

Für Jean und Charlie.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Patrick Rabe).
Der Beitrag wurde von Patrick Rabe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.04.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

Buch von Patrick Rabe:

cover

Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gesellschaftskritisches" (Gedichte)

Weitere Beiträge von Patrick Rabe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Klosterteich oder die Transfiguration von Lehm von Patrick Rabe (Expressionismus)
Die Habgier. von Walburga Lindl (Gesellschaftskritisches)
Die Begegnung von Heino Suess (Gedichte für Kinder)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen