Patrick Rabe

Trumans weißes Haus

Trumans weißes Haus

 

(für Bob Dylan und seinen Song „ Key West (Philosopher Pirate)“)

 

Ich hab im Licht froh getanzt,

die Natur nicht verflucht,

hab in allem, was ich sah, das Schöne gesucht,

ich ging dahin, wo die Mädchen sind,

unter Palmen im Sand, ja, da war ich Kind.

 

Und der Teufel, der Schatten, er war nicht dabei,

dort im Paradies, ja, da war ich frei,

an der Südseerivera, da gab es keinen Hai,

ich löffelte Eis, sprang ins Meer,

und wenn ich sie sehen wollt‘, holt‘ ich sie her.

 

Sie war eine Verwandte, eher so um drei Ecken,

und wir war’n ungeseh’n hinter Hügeln und Hecken,

wir spielten uns selbst, unsre Art von Verstecken,

und wir trieben uns rum in Hotels

und erfanden Geschichten, besser als H.G. Wells.

 

Und ich sah sie lang nicht mehr, hab sie wieder gesucht,

nichts auf Nummernkonten der Bösen verbucht,

dennoch hat in den Gassen jemand mich laut verflucht,

und ein Schuss fiel im Dunkeln, ein Schlag

traf mich auf den Kopf, man fand mich, wo ich lag.

 

Und ich kam in die Hölle, in die Unterwelt,

wo man Seuchenwasser den Kranken hinstellt,

wo man niemanden kennt, und wo jeder Freund fällt,

wo man blind aufeinander einschlägt,

weil der Geist, der einst gut war, nur vergiftet sich regt.

 

Doch ich rettete eine aus schrecklicher Not,

und sie ging in den Schlägen der Wärter nicht tot,

und das Gift in der Spritze, das das Leben bedroht,

brachte uns alle beide nicht um,

ein Jahrhundert ging rasend schnell rum.

 

Und der, der maskiert, ja, der wurde befreit,

als ich ihn, als er zuschlug, zum Menschen geweiht,

und die wahre Gestalt wieder neu auferstand,

und wir küssen als Liebste uns im grünen Land.

 

Und ich leg meine Freude dem Sandstrand zu Füßen,

werd‘ mein Mädchen mit Meerwasser fröhlich begießen,

und ich sehe das Salzige auch in dem Süßen,

Key West ist stets under the gun,

für mich heißt das nicht „Schutz“, sondern „steh deinen Mann“.

 

Denn ich hab mich den Waffen verweigert,

weil die Uhr nie das Ewige zeigert,

und der Penis nicht schlägt, wer den Mai ehrt,

und sie werden mich töten am seligen Strand,

wenn man dort nur die Liebe dank Schusswaffen fand.

 

Jedes Eden ist leider bedroht,

und der Scharfschütze lädt in der Sonne so rot,

und ich küss Magdalena, und sie sagt: „Wir sind tot.“,

Harvey Dent wirft `ne Münze und geht,

seine einzige Sünde , aber Batman versteht.

 

Und der Sommer, er kommt,

er taugt nichts hinter Glas,

ich muss wieder es finden, was ich einst vergaß,

und Truman’s Key West ist am Meer,

keine Tür dort im Himmel, er ist echt und ist näher.

 

 

 

Bob Dylan singt auf seinem Album „Rough and rowdy ways“ von Key West, einem paradiesischen Ort. Er singt aber auch, dass es „under the gun“, also bedroht ist, bzw. dass der Frieden dort mit Blut erkauft ist und mit Waffengewalt gesichert wird. Das ganze Album und auch gerade dieser Song thematisieren die Sehnsucht nach einem Ort, wo dies nicht so ist. Daran anknüpfend habe ich dieses Gedicht geschrieben. Dylan singt auch davon, dass „Trumans weißes Haus“ dort auf Key West ist. Damit meint er die Villa von Präsident Truman, wo dieser wohl bessere Entscheidungen treffen konnte, als im weißen Haus in Washington. Natürlich hat die Zeile „Trumans white house is at Key West“ für Angehörige meiner Generation noch einen anderen Beigeschmack. Wir denken da auch an die „Truman Show“, in der diese uramerikanische Sache mit Trumans kleinem Paradies als sowohl düstere, wie auch hoffnungsvolle Parabel verarbeitet wird („True man“ hier als der wahre Mensch, der es schafft, alleine Kraft seiner Menschlichkeit und seiner Sehnsucht aus der Kulissenwelt von Seahaven auszubrechen.). Ich denke, Dylan hat diese Ebene in seinem Song mit einbezogen. Es schließt die innere Unruhe mit ein, die einem sagt, dass noch nicht alles in Ordnung ist, es gibt aber auch den Hinweis, ein Paradies nicht preiszugeben, wenn man es noch braucht. Die Unverhältnismäßigkeit unserer Zeit mit aus meiner Sicht falsch verstandenem Feminismus, der den Mann als tödliches Monster brandmarkt, in dessen Windschatten es offenbar aber okay ist, dass Frauen sich von Männern mit Maschinengewehren vor Penissen beschützen lassen, gibt mir zu denken. Da ist irgendwas falsch gelaufen…

 

 

© by Patrick Rabe, 28. April 2021, Hamburg.

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