Patrick Rabe

Die Fessel, der Stuhl und der Ast (neue Version)

Die Fessel, der Stuhl und der Ast

 

Am dunklen Fluss lief ich davon,

denn ich verstand nun: Es ist Babylon.

Ich lief durch die Wälder, von den Hunden gejagt,

und ich verstand: Es kommt ein jüngerer Tag.

 

Am dunklen Fluss, wo sie nicht sah,

wer sie verfolgte, und wer mit ihr war,

da fand ich Ruhe für einen Moment,

erkannte, was uns, mich und sie noch trennt.

 

Denn ich fand jenen Ast, von dem sie nahm,

jenes heilige Lied, das aus ihr kam.

Und der Ast, ja, er sang es immer noch:

„Gott hat mich geschaffen, er ist weit und hoch.“

 

Da ging ich heim, wollt’s zuhause künden.

Doch dort war Babylon, und sie sprach von Sünden.

Sie fesselte mich an den Küchenstuhl,

und stürzte mich in den Sündenpfuhl.

 

Und erst dort sah ich auch nicht mehr,

wer mich verfolgte, wer mein Heiland wär,

ich sah: der Feind ist mein bester Freund,

er, sie und es… alles nur geträumt?

 

Und wir wurden eins, es war wunderschön,

und der Ast sang das Lied, ohne zu verdreh’n,

was wir meinten; und ich drang in sie tief,

wir flogen zu Gott, als ich mit ihr schlief.

 

Doch die Nüchternheit, die mich dann beschlich,

zeigte mir immer noch in der Küche mich.

Sie schlug mich hart mit dem Nudelholz,

und sagte: „Sag das Wort, denn dann bricht dein Stolz.“

 

Und sie nahm mir den Eid unter Schlägen ab:

„Sag’s nie wieder, bis hin ins kühle Grab.“

Und ich verstand: Es ist Babylon.

Aber ich war ihr Gefang’ner schon.

 

Doch ich verstand, und ich sah noch mehr:

Der dürre Ast gibt noch Grünes her.

Und so singe ich doch jenen heil’gen Song,

auch unter den Schlägen von Babylon.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 12. April, 8. Mai 2021, Hamburg.

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