Patrick Rabe

Begegnungen im Bus

Begegnungen im Bus

 

Der Polizeifunk piept im Smartphone , und ich fliehe,

und renne durch die Wiesen hin zum Bus,

ein Zug noch an dem Joint, den ich grad ziehe,

der Bus kommt, durchatmen, und Schluss.

 

Ich sitze zitternd in dem Bus nach Norden,

ein Meer wartet vertraut auf mich,

ich wäre gern schon dort, nicht hier beim Morden,

und beim ermordet werden, sicherlich.

 

Ein Typ mir gegenüber lüpft die Maske,

und sagt: „Der Busfahrer ist hier kulant.

Er lässt mich atmen. Ach, und ich bin Baske,

ich werd‘ verfolgt in meinem eig’nen Land.“

 

Der Ticker meiner Newsapp lässt mich schaudern,

schon wieder Tote, diesmal auf Hawaii,

„Four dead in Ohio“, und Zaudern

befällt mich. Wann, wann bin ich frei?

 

Dann schmeiße ich es durch das off’ne Fenster,

und denke kurz noch „Deutschland ist dein Feind“,

auch auf dem Smartphone jagen mich Gespenster,

sie lachen irre, wenn ein Menschlein weint.

 

Ein Kind sagt strahlend dann zu seinem Papa:

„Oh, Papa, du bist wunderbar!“,

dann knuddelt es ihn, irgendwo tönt Zappa

aus einem Earphone. Kinder sprechen wahr.

 

Ich seh den Papa an, er zuckt gefährlich,

vom Kinderfragenstress schon ganz vertiert,

ich sag zu ihm: „Die Kinder meinen’s ehrlich.“,

Er grinst gequält: „Nee, es manipuliert.“.

 

Da fängt das Kind zu weinen an und flennen,

und schlägt mit seinem Kopf gegen das Glas

der Scheibe, mir ist nach Wegrennen,

„Sie töten Kinder“, singt das Wiesengras.

 

Er saß einst neben mir im Busse,

ich dachte, er wär wohl ein Polizist.

War es ein Baske, Deutscher oder Russe?

Das weiß ich nicht. Doch er war sicher Christ.

 

Er blieb mir wichtig in den ganzen Jahren,

weil ich verstand, dass ich es unterstell‘:

die Bullen, Mörder, Diebe und Gefahren,

die Schüsse in der Nacht, das Hundsgebell.

 

„Erst, wenn die Schatten fallen, komm ich wieder,

wenn jedem es so geht, wie dir und mir,

wenn jeder an dem Kreuz hing, hoch und nieder,

wenn man den Menschen jagt, so wie ein Tier.“

 

Er drückte meine Hand, gab mir ein Nicken,

„Es ist dasselbe Boot für dich und mich.“,

Ein Freund, kein Bulle. Er stärkt mir den Rücken,

auch wenn ich erstmal voller Scham wegschlich.

 

Doch dann sah ich die Sonne in den Bergen,

den Sonnenaufgang auch über dem Meer,

ich sah sie lebend steigen aus den Särgen,

und wünschte IHN, und meine Liebste her.

 

Und ich lief durch die Felder ihm entgegen,

und ganz von fern roch salzig ich das Meer,

da heulten die Sirenen. Schüsse! Regen!

Sie waren hinter mir, und doch: Der Bus kam eher.

 

Und langsam sink ich in den Sessel,

und seh‘ Rapsfelder, die vorüberflieh’n,

ich riech das Meer, und spür‘ die alte Fessel,

und für Momente sehe ich auch IHN.

 

 

© by Patrick Rabe, Sa, 15. Mai 2021, Hamburg.

 

 

Für Martin Flohr, seine Band „Das Perfekte Promi Massaker“, unsere gemeinsame Zeit, und seinen Song „Am Strand“.

Ich denke, Prominente sollte man doch am Leben lassen, oder? Zumindest Robert Zimmerman, Robert Smith und den Robert in uns allen.

 

Daher jetzt auch mal zwei Originalzitate von komplett unbekannten Leuten. Letztgenannter ist nicht der smarte Jäger aus „Gefragt-Gejagt“. Aber einen Schauer darf einem das schon über den Rücken jagen.

 

„Wir fuhren über Felder, Wiesen und Gräber.“

(Robert Janosz)

 

„Wenn das ein Weg ist, bin ich eine Leiche.“

(Sebastian Jacobi)

 

 

© by Patrick Rabe, 2021

 

(Außer für die beiden Zitate im Kommentar. Die sind geistiges Eigentum derjenigen, die diese Sätze sagten. „Four dead in Ohio“ ist eine Zeile aus „Ohio“ von CSN&Y. „Am Strand“ wurde geschrieben von Martin Flohr. Für dieses Lied mache ich gerne GEZ-freie Schleichwerbung. –Mittlerweile ist es leider nicht nur möglich, dass die Polizei und der Staatsschutz mit ihrem Funk die Smartphones hacken können, sondern auch, dass ein Smartphone, das gerade an ist, unversehens Polizeifunk empfängt. Ich empfehle allen Politikern und Staatsschützern daher immer noch- wie bereits vor einem halben Jahr- eine etwas unparanoidere Haltung gegenüber ihren Bürgern einzunehmen. Nicht jeder, der mal die Maske abnimmt, an Halloween eine aufsetzt, aufgeregt telefoniert, oder auf der Straße sagt „Man müsste alle Politiker erschießen!“, ist ein Staatsfeind oder Verbrecher. Was wir zur Zeit erleben, erinnert mich an die düstersten Kapitel der Verfolgung von mutmaßlichen RAF-Terroristen. Hierzu empfehlenswert der Film „Deutschland im Herbst“. Wir müssen auch mal aus dieser Zeit etwas lernen. Nicht immer nur aus der Nazizeit. )

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