Patrick Rabe

Bob Dylan zum 80. Geburtstag

Bob Dylan zum 80. Geburtstag

 

Eine Kurzgeschichte zu Ehren Bob Dylans, und vier Übersetzungen einiger seiner größten Songs (natürlich subjektiv von mir persönlich so ausgewählt. Ich habe noch deutlich mehr von ihm übersetzt, wie man hier auf e-stories nachlesen kann.)

 

 

Happy Birthday, Bob!

 

Der Künstler

 

Der Künstler spielte den letzten Akkord auf seiner Gitarre. Hinter ihm schlug der Trommler die Sticks mit Wucht auf die Felle; es klang wie das Zusammenbrechen einer ganzen Welt. „Das ist immer so“, dachte der Künstler. „Man geht auf die Bühne mit dem Material, den Songs, die man hat, erschafft vor dem Publikum eine ganze Welt von Gefühl und Geist, von auf und ab, und der letzte Akkord des letzten Liedes lässt das ganze zusammenbrechen, vernichtet es.“ Eine gute Band schafft es immer, mit Wucht aufzuhören, der letzte Akkord ist ein Brecher. Die Apokalypse in a-Moll. Und dann die Stille zwischen dem Schlussakkord und dem letzten Applaus. Als ob Gott Atem holt. „Was“, dachte der Künstler, „würde wohl geschehen, wenn sie sich entschließen würden, nicht zu klatschen?“ Wenn die Apokalypse nicht in das neue Jerusalem der Zustimmung münden würde?

 

So dachte er oft in dem magischen Moment dazwischen. Jetzt nahm er die Gitarre ab und lehnte sie gegen einen der Verstärker. Er fühlte den Applaus nicht. Manchmal tat er es, manchmal nicht. Heute nicht. Die Menschen draußen waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Er war schlecht gewesen und er wußte es. Saumäßig. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die Leute ihn ausgebuht hätten. Aber es geschah nicht. Es geschah nie.

 

Der Künstler schlurfte durch den Backstagegang zu seiner Garderobe. Sie war sehr freundlich, fand er. Altmodisch. Geriffeltes Holz. Und auf seinem Tisch standen Blumen. Sie waren gelb. Welche Art Blumen? Das wußte er nicht. War er Botaniker oder Musiker? Eben. Aber er mochte ihre Farbe, ihre Aura. Es kam für ihn ohnehin nicht darauf an, wie die Dinge hießen, sondern zu was sie ihn inspirierten. Er konnte ihnen tausend neue Namen geben.

 

Einen Spiegel hatte er auch. Mit Spiegelbild. Manchmal wunderte ihn das. Er liebte Spiegel. Und er liebte das Wort „Spiegel“. Er liebte es so sehr, dass er es in fast jedem Lied verwendete. Clevere Journalisten und Kritiker hatten ewig und drei Seiten darüber spekuliert. Wie das zu sehen sei. Ob es tiefenpsychologische Hintergründe haben könnte. Ob mit all den Spiegeln Menschen gemeint seien, in denen der Künstler sich wiedererkenne? Ob er sich vielleicht innerlich in einem Spiegellabyrinth verlaufen habe? Der Künstler lächelte. Die Kritiker waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Er liebte Spiegel. Fertig.

 

Er hängte seine abgetragene schwarze Lederjacke über einen der Stühle und sah in den Spiegel. Er grinste. Okay, ging noch. Er fuhr mit der Hand durch den wirren, wollenen Haarschopf, ohne dass der sich groß veränderte.

 

Dann schlurfte er zum Tisch und sank auf den Stuhl, über den er seine Jacke gehängt hatte. Er atmete aus, er atmete ein. Wie sich das anfühlte! Pur. Atmen war pur. Aber es blieb nichts zurück in einem beim Atmen. Es sei denn, man hielt den Einatem an und kostete ihn aus, bis man erstickte. Und auch dann musste man ihn loslassen. Nikotin dagegen blieb. Es setzte sich ab, man hatte etwas davon.

 

Der Künstler hatte eine lange Zeit nicht geraucht. Aber irgendwann, als seine Familie ihn verließ, hatte er gemerkt, dass alles so durch ihn durchflutschte. Und er wollte doch etwas besitzen. Irgendetwas . Und wenn es Lungenkrebs war.

 

Er klopfte eine Marlboro aus der Schachtel und zündete sie an.

 

Der Bassist kam herein. Ein schlanker, großer Junge, der den Künstler an seinen Sohn erinnerte. Deshalb hatte er ihn engagiert. Das Gesicht etwas italo-mäßig. Die Haare afro. Und tatsächlich hatte sich diese Wahl gelohnt. Der Bassist hatte wirklich einen Draht zu seinem „Chef“. Die anderen Musiker waren etwas, das kam und ging. Ihre Gesichter wechselten wie die Jahreszeiten und wie die verschiedenen Inkarnationen seiner Karriere. Machmal kam es ihm vor, als stünde er seit vierzig Jahren auf ein- und derselben Bühne, sah zu Boden, spielte sein Set, und wenn er mal aufblickte, hatten die Gesichter gewechselt. Und der Sound. Das Gefühl war das gleiche. Da war es gut, inmitten dieses formlosen Meeres, in dem sein Ich trieb, ein Gegenüber zu finden, einen, der einem nicht fremd blieb, mit dem man sich wirklich austauschen konnte.

„Sohn“, sagte er einleitend. Er liebte seinen Sohn. Und er liebte das Wort „Sohn“. Er liebte es so sehr, dass er fast jeden Musiker , den er traf, als „Sohn“ titulierte. Irgendwie war er ja auch wie ein Vater. Viele junge Musiker betrachteten sich als seine Söhne. Er war ihr Abraham. Und er hatte ein musikalisches Volk Israel geformt. Er war Jude. Wie Abraham. Abraham hatte seinen Sohn nicht opfern müssen. Und Gott hatte ihn nicht dafür getötet. Aber wenn er seinen Bassisten „Sohn“ nannte, dann meinte der Künstler es.

 

„Sohn“, sagte er einleitend. „Was meinst du, wie ist das Konzert angekommen? Bei Ihm, meine ich, nicht beim Publikum.“

 

Der Bassist lächelte. Der Künstler hatte oft nach schlechten Konzerten derlei Fragen auf Lager.

 

„Da musst du Ihn schon selber fragen. Aber hast du mal ´ne Zigarette?“

 

Der Künstler schob die Marlboroschachtel über den Tisch.

 

Rauchend nahm der Bassist den Faden wieder auf. „Naja,“, sagte er, „Du weißt ja selbst, dass es heute schlecht war.“ „Ja“, sagte der Künstler und drückte Zeigefinger und Daumen über der Nasenwurzel zusammen. „Ich habe den Kanal nicht gefunden, weißt du?“ „Ja“, entgegnete der Bassist, „Ich hab´s  gespürt. Du hast die ganze Zeit unglücklich geguckt.“ Der Künstler nickte. „Was meinst du, wie furchtbar es ist, den Kanal nicht zu finden, und das Konzert trotzdem spielen zu müssen, weil du gebucht bist. Du musst lügen… Die ganze Zeit lügen. Und das Schlimmste ist – die Leute merken es gar nicht! Manchmal verhaue ich ein Harmonica-Solo dann so richtig, damit die Leute sehen, dass es alles Scheiße ist. Sie raffen es nicht. Ich könnte die ganze Zeit einen Akkord blasen und zwar den falschen. Sie würden trotzdem klatschen.“ Die Menschen draußen waren eine tobende Masse von Wahnsinnigen. Der Künstler seufzte. „Aber Er hört es, wenn ich lüge. Und ich denke dann immer: Hey, was soll ich machen. Ich bin gebucht. Aber hat man nicht vor Ihm die letzte Rechenschaft abzulegen? Nicht vor der Plattenfirma oder den Leuten? Ich meine, die klatschen ja immer!“

 

Der Bassist sog an seiner Marlboro. „Bedrückt dich das ernsthaft?“, fragte er. „Nicht wirklich.“ Der Künstler log. Manchmal hatte er Spaß am Lügen.

 

Er liebkoste seine Marlboro, umgarnte sie mit seiner Zunge und fuhr fort.: „Die Leute sind ja auf ihre Weise alle wahnsinnig. Sie wissen es nur nicht. Sie ordnen dich in den Glaskäfig ihrer Wahrnehmung ein und gehen bei deiner Beurteilung die ganze Zeit von sich selbst aus. Also z.B. : Peter Harms kriegt eine belegte Stimme, wenn er traurig ist. Ich singe mit belegter Stimme, also denkt Peter Harms, ich sei traurig.“ Der Bassist lachte: „Aber den ersten Stein würdest du nicht auf Peter Harms werfen, oder?“ „Das ist ja das Dilemma“, seufzte der Künstler. „Als Künstler bist du manchmal dazu verpflichtet, Steine zu schmeißen. Aber des Rätsels Lösung, um herauszufinden, ob Lola vom Hochseil springen würde, ist halt: Du musst Lola sein. Anders geht´s nicht.

 

Das mit den Leuten hab´ ich schnell gemerkt, weißt du? Am Anfang hat es mich frustriert, weil sie einem auf Pressekonferenzen immer das Wort im Mund herumdrehten. Und ich wollte ja von den Leuten verstanden werden. Aber dann wurde es mir nach und nach egal. Und heute weiß ich: Es kommt nur auf deine Aufrichtigkeit vor Gott an.“

 

„Und du meinst“, fragte der Bassist, „dass Gott das heutige Konzert verwerfen wird, weil du nicht aufrichtig gespielt hast?“

 

Der Künstler hustete umständlich und drückte seine Kippe auf dem Tisch aus. Wenn ein anderer seine Gedanken aussprach, kamen sie ihm manchmal spinnert vor.

 

„Weißt du, Sohn“, sagte er, „Es gibt Konzerte, da erfülle ich Gottes Willen. Da bin ich eins mit mir und dem Publikum. Dann spüre ich meine Songs. Dann weiß ich, Gott ist da, und über dem Saal liegt ein goldenes Licht. Aber heute...“

 

Der Bassist schwieg eine Weile, dann sagte er: „Aber weißt du, es sind ja auch die anderen Leute da. Selbst wenn du sie manchmal verachtest. Stell dir vor: Heute war vielleicht ein Mädchen da mit ihrem Freund, und sie haben sich kennengelernt durch eines von deinen Liebesliedern aus den 60ern. Und du singst es. Oder ein Mann kommt zu deinem Konzert, der hat seine Frau verloren. Und du singst eins von den Liedern über deine Scheidung. Oder jemand in einer Glaubenskrise hört jetzt eins von deinen religiösen Liedern. Die Leute klatschen ja nicht, weil sie blöd sind, sondern, weil sie sich wirklich beschenkt fühlen. Gerade von deinen Songs. Meinst du nicht, dass du auch für sie spielst, und sie ein vermurkstes Konzert auf diese Weise retten können?“

 

Langes Schweigen herrschte am Garderobentisch.

 

Nach einiger Zeit lehnte sich der Künstler zurück und lächelte milde. „Danke, Sohn.“, sagte er schlicht.

 

Der Bassist stand auf. Er war müde. Er rieb sich die Augen und ging zur Tür. Dann besann er sich eines Besseren und kehrte nochmals zu seinem Chef zurück. Er legte die Hand auf seine Schulter. „´Nacht, Papa!“, sagte er leise. Dann ging er. Manchmal kam er ihm wirklich wie ein Vater vor. Nicht wie sein gestrenger Erzeuger aus Little Italy, sondern vielmehr wie ein gütiger, verletzlicher und weiser alter Mann, mit dem man offen über Gefühle reden konnte, und der manchmal aus seiner allwissenden, unnahbaren Vaterrolle herauswollte, die er nun seit vierzig Jahren mit sich herumtrug, um auch einmal seine Zweifel vor ein Ohr zu tragen und ein tröstendes Wort von seinem Sohn begehrte. Wie er dort klein und doch groß auf dem Stuhl in der Fremdheit atmenden Garderobe kauerte, die wie zufällig hingestellten Blumen auf dem Tisch! Er hatte ihn tief in sein Herz geschlossen.

 

Der Künstler blieb noch eine Weile sitzen. Er dachte nach. „Ja“, dachte er, „dort draußen sind millionen Leute, denen das, was ich tue, etwas bedeutet. Denen es hilft. Und das hilft mir, wenn ich den Kanal nicht finde. Auch, wenn sie sich manchmal wie Wahnsinnige gebärden.“

 

Er stand auf und tanzte ein wenig durch den Raum. Dann schaltete er das Licht aus und setzte seine Sonnenbrille auf. Yeah. Das war cool. Und er lachte. Tat er selten. Er lachte von tief aus dem Bauch heraus, ließ es heraufglucksen, hervorbrechen, sich überschlagen, gab sich dem Gelächter hin. Vergiss das Heute bis morgen. Er setzte die Sonnenbrille wieder ab. Die Gläser waren pechschwarz. Obsidian. Diese Farbe liebte er. Früher hatte er auch einen schwarzen Glückszahn gehabt. Aber solcherlei Glücksbringer fand Er nicht so cool. Jesus war auch Jude. Wie Abraham. Gott hatte seinen Sohn geopfert, opfern müssen. Der Künstler war seit einiger Zeit Christ.

 

Die Menschen draußen ließen mit ihrem tobenden Applaus die Apokalypse in ein neues Jerusalem der Zustimmung münden.

 

Der Künstler verließ die Garderobe und schlurfte über den Backstagegang zum Tourbus.

 

Als er im Hotelzimmer in seinem Bett lag, dachte er an das Lied, dass er morgen als erstes spielen würde. Er konzentrierte sich auf den ersten Akkord. Die Genesis in C-Dur. Der erste Akkord war entscheidend. Denn von ihm aus würde sich die Welt gestalten, die er morgen erschaffen würde.

 

 

Gewidmet einem, der auf dem Ozean stand, bis er sank, und der sein Lied gut kannte, ehe er sang

 

 

 

 

© by Patrick Rabe, Sommer 2000

 

 

***

 

 

 

Kann ich auf dich bau'n?

(Is your love in vain?)

 

Sag mal, liebst du,

oder suchst du nur meine Huld ?

Brauchst du mich nur halb so sehr wie du sagst?

Fühlst du dich in meiner Schuld?

Ich wurd' oft verbrannt,

hab das Spiel gekannt,

oft war Liebe nichts als Scherz.

Wirst du an meiner Seite stehn,

dann schenk ich dir mein Herz.

 

Bist du so schnell, dass du übersiehst,

dass ich manchmal Ruhe brauch?

Wenn ich im Dunkeln sitze,

respektierst du das dann auch?

Muss ich mich erklärn,

wie ein ferner Stern,

oder siehst du in mein Herz?

Darf ich ganz ich selber sein?

Dann gehn wir himmelwärts!

 

Ja, ich stand auf dem Berge

und ich war auch im Wind,

hab die Freude und das Leid gekannt,

und beim Königsmal

bot man mir den Gral,

doch das hat mich nie übermannt.

 

Okay, ich wage es,

ich verliebe mich in dich.

Bin ich ein Narr, gehört dir die Nacht,

und auch der Morgen sicherlich.

Kannst du kochen, näh'n,

den Menschen in mir seh'n,

verstehst du meinen Schmerz?

Bist du bereit, alles zu riskier'n,

dann schenk ich dir mein Herz.

 

Originaltext Bob Dylan ("Is your love in Vain" vom Album "Street Legal")

© by Special Rider Music, 1978.

 

Deutsche Übersetzung: © by Patrick Rabe, Mai 2015.

 

 

***

 

 

 

 

Die Zeiten werden sich ändern

(The times they are a-changin‘)

 

Kommt, sammelt euch, Leute, wo immer ihr lebt,

das Wasser, das steigt, euren Stiefeln zustrebt,

bald werdet ihr nass sein, wenn ihr nicht achtgebt.

Wenn euch eure Zeit etwas wert ist,

fangt ihr jetzt an zu schwimmen, oder sinkt wie ein Stein,

denn die Zeiten werden sich ändern.

 

Kommt, Schriftsteller, Kritiker, prophezeit mit dem Stift,

und hofft, dass das Urteil euch selber nicht trifft,

denn Lebendiges fesselt ihr nicht mit dem Gift.

Es ist frei, und es hat keinen Namen.

Der Verlierer wird einstmals Gewinner sein,

denn die Zeiten werden sich ändern.

 

Wacht auf, ihr Politiker, es geht nicht um Macht,

ihr seid Diener des Volkes, so war es gedacht,

wer unter euch leidet, am Morgen schon lacht,

eine Schlacht steht schon vor euren Türen,

lässt eure Wände erzittern, und die Fenster zerbricht's,

denn die Zeiten werden sich ändern.

 

Ihr Mütter und Väter im ganzen Land,

kritisiert nicht, was geht über euren Verstand,

eure Söhne und Töchter sind euch weggerannt,

eure Straße ist alt und verrottet.

Drum fort von der Neuen, oder reicht uns die Hand,

denn die Zeiten werden sich ändern.

 

Es gibt kein Zurück mehr, die Zeit, sie verrinnt,

es werden einst schnell sein, die langsam heut sind,

wer die Gegenwart lebt und ergreift, der gewinnt.

Das Alte wird immer mehr schwinden.

Und viele der letzten werden erste einst sein,

denn die Zeiten werden sich ändern.

 

 

Originaltext von Bob Dylan ("The times they are a-changin'" vom gleichnamigen Album)

 

© 1963  by Warner Bros. Inc.

 

Deutsche Übersetzung: © by Patrick Rabe, 2015

 

 

 

Die einzige Zeile, die ich bewusst maßgeblich anders übersetzte, bzw. nachdichtete, als es im Original steht, ist „And the first ones now will later be last.“. Ich übersetzte es folgendermaßen ins Deutsche: „Und viele der letzten werden erste einst sein“. Das entspricht mehr meinem Verständnis von Christentum. Ansonsten unterschreibe ich an diesem Song jedes Wort. Natürlich habe ich es als echter Fan, Sänger, Performer und heute Lebender auch emotional so übersetzt, wie ich es empfand, als ich es übersetzte, und wie es meinen tatsächlichen Grundsätzen entspricht. Wenn das nicht in deinem Sinne ist, Bob, hoffe ich, ich durfte es trotzdem so übersetzen, und darf es auch weiterhin so singen.

 

***

 

 

 

Desolation Row

(Desolation Row)

 

Man schickt heut Postkarten vom Gehenkten

und die Asylanten fort,

die Schönheitsfarm ist voll Matrosen,

der Circus ist am Ort.

Hier kommt der blinde Richter,

er ist hypnotisiert,

seine Hände sind in den Taschen

mit Klebeband fixiert.

Die Jugend gibt sich rastlos,

doch sie versumpfen irgendwo,

während die Lady und ich 'nen Bogen machen

um die Desolation Row.
 

 

Cinderella, sie nimmt es easy,

Kennenlernen ist ein Spiel.

Sie steckt die Hände in die Taschen,

nach Bette Davis' Stil.

Und da kommt Romeo, er jammert:

"Du gehörst zu mir, glaube ich!"

Und jemand dreht sich um und sagt:

"Du bist falsch hier, schleiche dich!"

Und das einzige Geräusch,

nachdem der Krankenwagen fuhr,

ist Cinderellas Besen,

sie fegt die Desolation Row.
 

 

Und der Mond ist fast verborgen,

die Sterne suchen ein Versteck,

die Lady, die die Zukunft sieht,

hat ihre Kugel zugedeckt.

Alle außer Kain und Abel

und dem Glöckner von Notre Dame

machen draußen Liebe,

weil später Regen kommen kann.

Und der barmherzige Samariter,

er macht sich fertig für die Show,

er geht zum Karneval heut Nacht

auf der Desolation Row.
 

 

Ophelia sitzt am Fenster,

um sie hab ich etwas Angst,

sie stirbt noch als alte Jungfer,

denn sie gibt sich keine Chance.

Sie findet den Tod romantisch,

da sie 'nen Keuschheitsgürtel trägt,

sie hat einen starken Glauben,

aber kaum was an sich das lebt.

Mit 22 Jahren schon reif fürs AKO*,

sie zählt die Regenbögen

auf der Desolation Row.

 

Einstein, im Kleid von Robin Hood,

im Koffer seine Memoiren,

kam hier vor 'ner Stunde längs

mit seinem Freund und rechten Arm.

Er schaut so verstört und furchtbar schreckhaft,

als er 'ne Zigarette schnorrt,

und er beginnt, das Alphabet aufzusagen,

während er in der Nase bohrt.

Man würdigt ihn zwar keines Blicks,

doch das war nicht immer so,

er war einst ein berühmter Geiger

auf der Desolation Row.
 

 

Dr. Filth steckt seine Welt

in einen Luftballon,

geschlechtslose Patienten sagen:

"Irgendwann platzt er schon!"

Seine verlor'ne Krankenschwester

schleppt Reagenzgläser mit Blut

und außerdem die Karten,

auf denen steht "Gott sei uns gut".

Sie alle spielen Trillerpfeifen,

denn das macht man so,

im Gesundheitswesen

auf der Desolation Row.
 

 

Auf der andern Straßenseite

bereiten sie ein Festmahl vor,

und das Phantom der Oper

ist verkleidet als ein Mohr.

Und sie füttern Casanova, was ihm Selbstvertrauen gibt,

danach nehm' sie ihm das Essen weg,

und sagen, dass ihn keiner liebt.

Und das Phantom ruft dünnen Mädchen zu:

"Haut hier ab, was glotzt ihr so?

Casanova wird gequält, weil er kam

zur Desolation Row.
 

 

Um Mitternacht machen wieder

die Übermenschen Jagd

auf jede Seele, die mehr als sie

zu wissen wagt.

Und sie bringen sie zu 'ner Fabrik

mit 'nem Herzinfarktlabor,

schließen sie an Maschinen an,

und halten ihnen vor,

dass sie so weise wären,

und jemand schaut, dass keiner floh,

und etwa Zuflucht suchte

auf der Desolation Row.

 

Zum Schluss kommt noch ein Meervers,

die Titanic fährt heran,

"Auf welcher Seite stehst du!?",

schrei'n mich alle an.

Ezra Pound und T.S. Eliot

fechten auf der Käptensbrücke,

während Calypsosänger lachen

und Fischer sich mit Blumen schmücken.

Und durch Bullaugenfenster

schauen Meerjungfrauen froh,

und niemand sinkt so tief

wie auf der Desolation Row.
 

 

Ja, dein Brief, er kam hier gestern an,

als die Türklinke zerbrach,

du fragst mich ernsthaft, wie's mir geht,

das verschlug mir schon die Sprach'.

All die Leute, die du aufzählst,

ja, ich kenn sie, sie sind lahm,

ich tauschte ihre Gesichter aus

und gab ihnen andre Namen.

Doch bitte schreib mir jetzt nicht mehr,

meine Augen brennen so,

und wenn du doch schreibst, schreibe mir

von der Desolation Row.

 

 

 

* AKO bedeutet Allgemeines Krankenhaus Ochsenzoll. Ist Hamburgs bekannteste Psychiatrie. Heißt nur mittlerweile Asklepios Klinik Nord, Betriebsteil Ochsenzoll.


Originaltext von Bob Dylan

© 1965 Warner Bros.

copyright renewed 1993 Special Rider Music

 

Übersetzung: © by Patrick Rabe, September 2003.

 

***

 

 

 

Freiheitsglocken

(Chimes of freedom)

 

Die Sonne ging schon unter, es war kurz vor Mitternacht,

als ein Gewitter uns arg überraschte.

Ein Hauseingang gab Unterschlupf, und Blitz und Donner sangen,

uns war's, als ob die Freiheitsglocken klangen.

 

Klangen für die Krieger ohne Kraft für Kampf und Mord,

klangen für die Flüchtlinge, aus ihren Ländern fort,

und für jeden Söldner, der vor Heimweh schier verdorrt,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.


Im Schmelztiegel der City war'n wir Zeugen, unbemerkt,

wir bargen die Gesichter an den Wänden,

als das Echo einer Hochzeitsglocke fern im Regensturm

in den Blitz-und-Donnerklang tat blenden.

 

Sie klangen für den Wüstling, den Rebellen ohne Grund,

für den Spieler ohne Glück, den verjagten, armen Hund,

und für den Außenseiter, dessen Brennen nie verstummt,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.


Durch das irre, düst're Hämmern wilden Hagelschlags erzählt

der Himmel uns Gedichte nackten Staunens,

dass das Läuten von der Kirche sich in Wind und Nacht verlor,

und doch auferstand im Klang des Wetterraunens.

 

Sie klangen für den Sanften, der im Dunkel bei dir sitzt,

für den, der in der Seelennacht dir Herz und Geist beschützt,

und den Dichter und den Maler, deren Kunst der Welt nichts nützt,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.


Durch den Kathedralen-Abend gab der Regen Zeugnis ab

für die meinungslosen Nackten ohne Stimme.

Er sprach es für die Zunge, die nicht bändigt, was sie fühlt,

weil es gleich bleibt, und nicht offenbart das Schlimme.

 

Sie klangen für die Tauben, sie klangen für die Blinden

ohne Pfropfen in den Ohren und auch ohne Augenbinden,

für die beschimpfte Hure und die Mutter ohne Sünden,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.


Auch, wenn eine weiße Wolke näherkommt am Horizont,

und der Nebel dieses Spiels sich langsam lüftet,

schießt immer noch Blitz über Blitz so pfeilgleich in die Nacht,

für den, der einsam durch die Zeiten driftet.

 

Sie klangen für die Suchenden auf sprachlosem Wand'rerpfad,

für die, die einsam lieben, mit Geschichten zu privat,

und für jeden, der im Kittchen sitzt und nichts verbrochen hat,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.


Ich lach noch heute staunend, wenn ich denk an diese Nacht,

in der die Stunden arbeitslos vergingen,

als wir noch einmal gehört und geschaut zum letzten Mal,

gebannt von diesen viel zu großen Dingen.

Sie klangen für den Schmerzensmann, dessen Wunden Pein und Qual,

für die Wirren, Irren, Geschlauchten und Missbrauchten großer Zahl,

und für jede arme Seele, die verloren scheint im All,

und wir hörten, wie die Freiheitsglocken klangen.

 

 

© für diese Übersetzung by Patrick Rabe, 2019/2020/2021, Hamburg.

 

 

***

 

Personal thoughts about some of Bob Dylan’s songs and albums.

 

Thoughts about „Blonde on Blonde“ 

(My favorite song on it and relations to my own life.)

 

Bob Dylan has got the Song "I want you". It's like good innocent erotic love with sex included. But his best song on "Blonde on Blonde" is "Sad eyed lady of the lowlands". It has got transforming quality. My favorite, which made me buy the record, is "Sooner or later(One of us must know)". It's about having a relationship with a woman who is not good for the man. I think, woman who are not good for men, don't exist. Fear of getting hurt exists. And different human conditions exist. I'm 44 by now. And I still love women who are like the woman in "Sooner or later". But only, when they know it by theirselves and don't tell me, they are like innocent doves and do everything they do by accident. And this is, what the woman in "Sooner or later" does. So she – in fact- ist not good for the man in this case. But maybe that is, what tingles him, like what tingles Humbert Humbert  about Lolita, Harry Haller about Hermine, Wladimir Petrowitsch about Sinaide Alexandrowna, Sal Paradise about Marylou. The difference is: I am not Bob Dylan.

 

Patrick Rabe, 2020.

 

 

Bob Dylan has got the Song "I want you". It's like good innocent erotic love with sex included. But his best song on "Blonde on Blonde" is "Sad eyed lady of the lowlands". It has got transforming quality. My favorite, which made me buy the record, is "Sooner or later(One of us must know)". It's about having a relationship with a woman who is not good for the man. I think, woman who are not good for men, do exist. (Like you can see in stageplays and films like „Who’s afraid of Virginia Woolf“, ad as anyone, who likes the danger of flying into fire knows… ask me.). But I guess, in Bob Dylan’s song it tells the story of such a love, that happenes in youth (Maybe the girl in „Sooner or later“ is Suze Rotolo). It is the borderline relationship type of thing. If it happenes later in life, at about the middle age of a man, it can be most destroying, especially, when both the man and the woman are shattered by life and their relationships.  In such a case,you need a woman, you can love easily.  I'm 45 by now. And I still love women who are like the woman in "Sooner or later". (But maybe I mix my own impressions, that I felt, when I heard this song first, and my own Experiences in relationships with the things, Bob Dylan meant here. ) I still do like the Borderline Kind of stuff. But I don’t like people with a dissocial personality or psychopaths.  I love self conscious, self confident, even nasty, cocky or vulgar woman and sluts, but only, when they know it by theirselves and don't tell me, they are like innocent doves and do everything they do by accident. And this is, what the woman in "Sooner or later" does. So she – in fact- ist not good for the man in this case. But maybe that is, what tingles him, like what tingles Humbert Humbert  about Lolita, Harry Haller about Hermine, Wladimir Petrowitsch about Sinaide Alexandrowna, Sal Paradise about Marylou. The difference is: I am not Bob Dylan. I interprete this song in the way I lived my life.

 

Patrick Rabe, 2021.

 

Thoughts about „Creating my own version of you“

 

Bob, I thought almost the same as many people, when I listended to „My own version of you“. It reminded me of Mary Shelleys „Frankenstein“. But I thought it as a self-quote of your own „Lost-Lover-Songs“ like „Love sick“, too.  It is one of the strongest on „Rough and Rowdy ways“. It is the most creepy and most exiting song, maybe I've ever heard. Your voice has this soft notion of "One more mistake, son, and I'll beat you in the face" here. Some kind of rising and falling tone. It is a dramatic song about a lonely man who is nearly at the point of doing Frankenstein's sin: Creating an own version of his long lost lover, girlfriend, Jesus, God, compagnon or whatelse. I hope, you, Bob, are not in danger to do that. Most people would not even get to the thought, that it might be possible. It is already possible in cloning, and I'm against that completely. You can't create a human being, when you are a human being. For you don't have the knowing how to create spirit and soul. I guess this song is a little angry punch in the direction maybe of women, who left you alone, friends who let you down, or in the direction of Jesus, who is not coming back, or is not coming back the way, we thought he would do. I can understand that very well. The dark humour in this song reminds me of Edgar Allan Poe and other writers oft he gothic novel genre.  Taking blood from a cactus to create human blood, sounds funny. But I do understand the despair, that leads to a song like this. I am a writer, a poet, and a musician too.  Most of all, it reminds me of Hermann Hesse’s „Steppenwolf“, especially of the first half of the novel, before Harry Haller first meets Hermine.

 

 

 

"To much of nothing can make a man ill at ease.", as we see here. It always rhymes with a true artists life.

 

 

 

 

 

Patrick Rabe to Bob Dylan, 7. November 2020

Happy birthday, Bob,

enjoy the day.

(I know, in America it is aproximatley half a day later now...)

yours, (but not your property)

Patrick Rabe

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