Hanns Seydel

A N S I C H T E N


" Nehmt hin die Welt rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. Nehmt, sie soll euer sein !
Euch schenk` ich sie zum Erb und ewgen Lehen,
Doch teilt euch brüderlich darein. "
( Anfangsverse von Schillers "Die Teilung der Erde" )




Jeder gehet seinen eignen Weg,
der Ausdruck ist der festeste Beleg.
Und Jeder hat `ne eigne Ansicht,
denn Jeder bringt `nen anderen Bericht.
Doch die eigne Meinung wirket wichtig,
die ehrlich` Richtung zeigt sie richtig.

Anders ist bei Jedem die Erfahrung,
die im Leben stets verschieden ist.
Die Klosterleute stehen für Entsagung,
doch niemals ist ihr Leben trist.
Die Lebensfreudgen sind von Sinnen,
wenn sie vor Liebe innigst brennen.

Zur Frau, es drängt den Manne hin,
und zwar eh die Zeit noch mehr verrinn`.
Und bald wird dann beschlossen,
die Ehe, sie wird schnell geschlossen.
Verschieden sind die Charaktere,
das zeigt sich in des Lebens Schwere.

Probleme zu bewältigen
heißt, Unwichtiges zu beseitigen.
Sich gegenseitig zu besänftigen,
kann Vieles best` bereinigen.
Sind Ansichten verschieden,
kann Einklang Das befrieden.

Die Meinungen gehen auseinander,
doch die Werte bleiben gleich.
Das Feste zieht sich wie ein geistiges Geländer,
Oberflächlichkeit, sie spielet keinen Streich.
Doch auch der Gegensatz, er hat ein Recht,
wenn er dem erst` Gesagten widerspricht.

Gerechtigkeit muss immer walten,
auch wenn die Ansichten sich teilen.
Die Überzeugung, sie kann nie erkalten,
selbst wenn die Gegensätze sich versteifen.
Es prasselt Rede gegen Rede,
jede Ansicht zeigt, was sie vermöge.

Manche drängts zu Höherem,
doch lernet aus dem Früheren.
Noch nie ist ein Meister vom Himmel gefallen,
doch auch die härteste Arbeit wird begangen.
Aller Anfang, der ist schwer,
für Gelingen gibt es kein Gewähr.

Wenn Lebens eigene Bestimmung
den Menschen bringet zur Besinnung,
dann stirbt des Gegners arge Ansicht,
die eigne Ansicht sterbet nicht.
Gegenteilig sind die Meinungen,
da gibt es niemals Beugungen.

Und wehe, wenn Wer hemmt den Feuerdrang
des Willensstarken, der zieht am stärksten Strang,
dann ist vorbei der Freude Klang
und es tönet herber Grabgesang.
Vernichtung kennet der Verletzte,
zerstöret werd` die einstgen Schätze.

In jedem einzelnen Bereich,
die Ansicht ist nicht immer gleich.
Da nützet kein Vergleich,
den Keiner jemals bräuch`.
Die eigne Ansicht prägt,
durch Nichts wird sie zersägt.

Was der Anfang oftmals sieh`,
das sieht das Ende blindest nie.
Einigkeit ist meist` der Anfang,
doch das Ende geht `nen andren Gang.
Denn gegensätzlich ist die Meinung,
trotz allerbest` Beteuerung.

Finster wird die Mine,
die vorher freudig war.
Ein Jeder lebt nach seinem Stile
in der Menschen großer Schar.
Und wenn ein Andrer widerspricht,
dann zeiget man das eigne wahr` Gesicht.

Gellend hallt dem Anderen entgegen
die eigne festgefügte Meinung.
Ungerechtigkeit, sie kann erregen
bis zur allerhöchsten Steigerung.
Wechselhaft ist oft das Leben,
die Ansichten, sie könn` das wiedergeben.

Dem Herrlichen gehört das Streben,
nichts Schöneres kanns geben.
Da waltet einmalig des Herrgotts Segen,
da wirkt Nichts wie düstrer Regen.
Und wenn auch jede Ansicht anders ist,
die Anderen zu achten kommt zuerst`.

Manchmal hat man sich nichts mehr zu sagen,
doch der Neuanfang ist immer zu wagen.
Wer Charakter hat, bleibt bei der Entscheidung,
Verwirklichung ist für ihn Befreiung.
Und wenn des Gegners Ansicht auch verletzt,
die eigne Ansicht bleibet nicht begrenzt.

Und helfend Andren Gutes tun,
das ist echtes christlich` Handeln.
Da können Gute niemals ruhn,
nur Gegner können das verschandeln.
Bei Hilfsbereitschaft ist jed` Ansicht gleich,
denn an Seelenvollem sind die Guten reich.

Doch wehe, wenn Rächer grausam wüten,
die vorher immer warn im Bösen brüten.
Dann siegt am Ende doch die Einsicht,
dass auf Hasse sei verzicht`.
Jede Ansicht ist zu achten,
doch nach Bestem sei zu trachten.

Die Schicksale, sie sind getrennt,
doch die Ansicht stetig sich erneut.
Und das Wertvolle der Leut`,
es wirkt immer, so auch heut`.
Es ist das Ideal der Einigkeit,
zu der die Gegensätze sind bereit.

Zeitverzögert kommen Reaktionen,
die doch das Eigentlich` betonen.
Auf den Angriff kommt die Anwort,
doch bedächtig, nicht sofort.
Der gegenteilgen Meinung
gehöret nicht die eigene Verneinung.

Im Charakterlichen und Moralische`,
da zeigt sich alles Menschliche.
Die Meinungen, sie gehen auseinander,
nur selten, die Ansicht kann sich änder`.
Festgefügt sind höchste Werte,
die erfüll` die besten Charaktere.

Die Friedfertigkeit ist wichtig,
das Gegenteil ist immer nichtig.
Vergessen sei die Anfeindung,
verziehen sei des Hasses Wucht.
Überwunden sei die Reibung,
vergeben sei dem ärgsten Schuft.

Nicht nur Wohlklang gibts im Leben,
das Gegenteil kommt herb verwegen.
Es hemmet den feurigen Fluss
des Schicksals schlimmster Erguss.
Die Ansicht` sind verschieden,
doch die Zielrichtung, sie ist verblieben.

Die Kraft, sie lieget in der Ruhe,
auch wenn das Leben kostet höchste Mühe.
Neid und Missgunst kennt der Alltag,
da heißt es, dauernd bleiben stark.
Die Ansicht ist nicht immer gleich,
Unterschied, er herrscht in jed` Bereich.

In die Höhe sei der Will` erhoben,
das Gegenteil, es ist verloren.
Und wenn bei vielen Sorgen wirken
der Widerstände wilde Kraft,
dann kann die eigne Ansicht stärken
der Überzeugung hehre Fracht.

Und wenn in fernen künftgen Tagen
die Jüngren stelln die Fragen,
was in frühren Zeiten war,
dann wird geantwortet ganz schlicht,
dass früher anders wurd` verfahr`,
denn jede Zeit hat ihr eigenes Gesicht.

Fest und unveränderlich
zeigt die Wahrheit ihr Gesich`.
Gehen alle einzeln` Ansicht` auseinander,
die Ausrichtung, sie könnt` sich nicht veränder`.
Wohlwissend um der Wahrheit Wurzel,
gibt es in der Meinung keine Kürzel.

Angegriffen kann man werden,
doch die eigne Ansicht wird nicht sterben.
Angekommen ist Entschuldigung,
doch das Bewußtsein kennet kein` Beruhigung.
Aber immer wichtig ist Verzeihung,
auch wenn finster war die arge Neigung.

Gesprächig sind die Einen,
schweigsam sind die Anderen.
Das Eigentliche kann man stets erkennen,
das wird sich niemals ändern.
Und Gegensätze ziehn sich an,
ein Jeder zeiget, was er kann.

Trostlos und verlassen,
fern von allen Massen,
sieht man Einsamen sich sehnend
nach der Freude brennend.
Oberflächlichkeit, sie wird zerschlagen,
da kenn` die Wertvoll` kein Verzagen.

Charismatisch sind die Einen,
das Gegenteil die Andren meinen.
Widersprüchlich sind die Geister,
denn immer gibt es die Verneiner.
Doch Meinungsfreiheit ist gegeben,
die Unterschiede könn` bewegen.

Ernsthaft wird vernommen
des Todes herbe Nachricht.
Da bleibt kein Auge trocken,
die Tragik für sich selber spricht.
Ob Freunde oder ärgster Feind,
die Friedfertigkeit im Geist vereint.

Die gewaltge Geisteskraft,
die niemals könnet werd` entmacht`,
zeiget eine intensiv` Substanz,
die spricht für eine eig` Instanz.
Und wenn auch Ansicht` auseinandergehn,
das Gute wird Jeder stets verstehn !




( E N D E )
Hanns SEYDEL, 19.05.2021 - 23.05.2021
( Werk 264 )


" Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst` Geläute. "
( Endverse von Schillers "Lied von der Glocke" )


 

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