Patrick Rabe

Halluzinogene

Halluzinogene

 

Ich sitz in meiner Wohnung, schreibe Schund,

die wilde Fürstin zieht mich in den Untergrund.

Ich wasche mir die Hände schon nicht mehr,

die Scheiße aus dem Arsch stinkt so wie Teer.

Jedoch: Es flowt, es flouresziert,

ich lebe auf, endlich bin ich vervirt.

Und ganz in lila seh ich Kakerlaken,

in schwarz-rot-gold die schönen Kelloggs-Flaken.

Und tiefer zieht die Alte mich, und zieht.

Am Ende sing ich wirklich nur ihr Lied.

 

Und taumelfüßig stolper‘ ich zur Villa,

wo schon mein Christian ließ Brille, Herz und Brilla.

Sie lacht mich an: „Du weißt, was Brilla heißt?

Dann gebe ich dir bald den meil’gen Scheißt!

Dann musst du auf der Meile für mich eilen,

und eine mit mir gehen‘, und nicht verweilen.

Und ganz am Ende sage ich: ‚Ab mit dem Kopf!‘

Und reiße dir vom Haupt den schönen Schopf.

Und liegst du dann am Boden wie ein Hauf‘,

dann trete ich noch zu und auf dich drauf!“

 

Ich sitz in meiner Wohnung und erwache,

Blutlachen, ablachen, die Lache

klingt wie ein irre-hüpfend‘ floureszieren,

sie peitscht mich aus, und ich muss stumm parieren.

Dann ist es wieder er, füllt meinen Mund

mit seinem Sperma, sagt, das sei gesund,

und als verrückte Halluzinationen

tanzen sie und ich muss hier wohnen.

Doch halb so schlimm. Ich kenne mich hier aus.

Die Hurenstadt hat manches Hurenhaus.

 

 

© by Patrick Rabe 29. Mai 2021, Hamburg

 

Für Tino Hanekamp, Jochen Distelmeyer, Dirk von Lowtzow, Oliver Morlau und die „Hamburger Schule“.

 

 

 

Ich möchte an dieser Stelle auch das deutsche Volkslied „Wo mag denn nur mein Christian sein?“ empfehlen, auf das die zweite Zeile der zweiten Strophe anspielt. Es handelt von einem weggelaufenen Sohn oder Ehemann. Dieses Lied erinnert überdies an das Motiv von Solveig, die zuhause in Norwegen auf ihren untreuen, und ewig nicht heimkehrenden Peer Gynt wartet. Das Lied „Wo mag denn nur mein Christian sein?“ hat im Werk Bob Dylans zwei Entsprechungen. Einmal in seiner unglaublichen Coverversion des amerikanischen Volksliedes „House of the rising sun“, das sowohl die Geschichte eines verlorenen Sohnes als auch die einer verlorenen Tochter erzählt, und in der letzten Strophe seines Songs „Man of Peace“, die eindeutig an den „Christian“ anklingt.  Es gibt von diesem Lied auch noch eine andere Version, die diese Verwandtschaft zu „Man of Peace“ noch deutlicher hervortreten lässt: „Wo mag denn nur mein Kindlein sein?“. Ein vertrauensvolles Mutter-Kind-Lied wäre „Hänschenklein“. Mein Gedicht klingt natürlich an Werke von Hesse, Kerouac, Sacher-Masoch, Bukowski, Burroughs, Henry Miller und anderen an (als letztes Beispiel dieser Art fällt mir da das Buch „So was von da“ von Tino Hanekamp ein), und natürlich auch an einzelne Songs auf den Alben von z.B. Blumfeld, Tocotronic, Schrottgrenze und vielen anderen Bands. Es spiegelt aber vor allem auch eigene Erfahrungen wider. Das Motiv von der wandernden Hurenvilla spielt zudem im Werk meines Freundes Oliver Morlau eine Rolle.

 

 

 

Und mal eine kleine Info zwischendurch, inwieweit ein gebürtiger Hamburger sich überhaupt an Frauen schuldig machen kann, und warum männliche Hamburger sich wohl nicht so gerne feministisches Gesülze anhören. Vor ein paar Jahren bestellte mich mal ein Freund zu einem seiner Bekannten, der ein etwas jüngerer Uniprofessor war, mit dem wir über Politik und Umweltschutz reden wollten. Er wohnte in der Nähe der Langen Reihe in St. Georg. Mein Freund hatte mir gesagt, wo, und an welcher Klingel ich da klingeln müsse. Ich war zur verabredeten Zeit da, und klingelte. Der Typ machte nicht auf. Dann klingelte ich bei Nachbarn, und sie öffneten die Tür dieses großen Altbaus mit dem Türsummer. Ich ging hinein, und kam fast übergangslos in ein Bordell. Ich irrte ein wenig durch die Flure, und da die Türen zu den Zimmern alle offen standen, ging ich auch mal in eines hinein. Ich kam mir vor wie in einem surrealistischen Film. Und fragte mich, ob das vielleicht hier ein leerstehender Puff war. Kurz dachte ich, dass man hier vielleicht den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse verfilmen könnte. Da kam plötzlich ein wütender Mann um die Ecke. „Was machen sie hier? Die Frauen sind alle nicht da!!!“. Offenbar war es ein Zuhälter. „Ja, tschuldigung.“. sagte ich, „Man kommt, wenn man an diesem Haus klingelt und reingeht, übergangslos in ihren Puff.“ Dem südländisch aussehenden Mann schwoll eine Zornesader auf der Stirn. „Das heißt Bordell und nicht Puff! Und jetzt verschwinde, du asoziale Sau! Sonst kriegst du Prügel!“. Ich machte mich so gerade, wie konnte, räusperte mich und sagte: „Verzeihen sie, ich glaube, sie haben was an der Waffel. Ich möchte zu Professor Soundso. Der wohnt hier glaube ich im 7. Stock.“. Der Mann wurde ganz kleinlaut. „Äh, ach, zu dem wollen sie? Ja, dann müssen sie hier durch diesen Nebeneingang raus, und dann kommen sie in den Hausflur und zur Treppe. Professor Soundso wohnt wirklich im 7. Stock. Und…äh… wenn sie gerne mal bei uns einkehren möchten…auf unserer Klingel steht B. Umsmich.“

Verdattert ging ich durch den Nebenausgang des Bordells, kam wie beschrieben in den Flur, und ging die steile Treppe zu Professor Soundso hinauf. Dort waren er und mein Freund schon am Lachen und scherzen. „Na? Bei den Nutten gelandet?“

 

 

 

© by Patrick Rabe, 29. Mai 2021, Hamburg.

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